Lobpreis reloaded

Wir brauchen eine neue Lobpreiskultur!

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«Komm zur Quelle», singen wir. Und dann beschreiben unsere Lobpreislieder Berge, Seen und Sonnenstrahlen. Sie enthalten die ganze Bandbreite der Natur. Aber etwas sehr Wichtiges fehlt: unsere eigene Lebenswirklichkeit. Hängen wir fest in der orientalischen Bilderwelt oder in der der europäischen Romantik?

Wenn in Gottesdiensten und darüber hinaus kontrovers über Lobpreis geredet wird, dann dreht sich diese Diskussion meist um Fragen wie: Wie laut darf die Musik sein? Singen wir englische oder deutsche Lieder? Ist der Inhalt theologisch korrekt? Vielleicht geht es sogar einmal darum, ob unsere geistliche Haltung stimmt. Ich persönlich habe es aber noch nie erlebt, dass die Lebenswirklichkeit des Lobpreises zur Sprache kam. Dabei stelle ich mehr und mehr fest: Meine Lebenswirklichkeit bilden diese Lieder nicht ab. Und Ihre wahrscheinlich auch nicht.

Vom Land in die Stadt

Lobpreis lebt von starken Bildern. Und es ist völlig legitim, dass dabei so archaische Bilder vorkommen wie das des Königs auf dem Thron. Dass Naturbilder gemalt werden von sprudelnden Quellen, singenden Vögeln oder majestätischen Bergen. Aber was macht das mit mir, der ich mich im Alltag in der Stadt befinde? Ich höre eher Motorengeräusch und Hupen als Vogelgezwitscher. Ich muss mich ins Auto setzen und eine Weile fahren, um an den nächsten See zu kommen.

Zu biblischen Zeiten waren diese Bilder nicht aufgesetzt. Sie waren die Lebenswirklichkeit einer ländlichen Bevölkerung in der Antike. Heute sind es romantisch verklärte Rückblicke in Zeiten und Umstände, die die meisten Menschen nie erlebt haben. Stellen Sie sich ein Lobpreislied vor, in dem nicht die Rede davon ist, dass Gott mit uns durch die Wildnis geht und Berge überwindet, sondern wo er uns auf der Strasse an die Hand nimmt. Ungewohnt? Sicher, aber wie oft bin ich in der Realität in der Wildnis und den Bergen? Einmal im Jahr – im Urlaub. Genau hier liegt das Problem: Unterschwellig vermitteln uns die vielen Naturbilder im Lobpreis, dass dieser mit unserem Alltag nichts zu tun hat. Dass Anbetung sich eher auf Urlaub als auf normales Leben bezieht. Dass Gott sich eher auf dem Land als in der Stadt wohlzufühlen scheint.

Von der Einsamkeit in die Menge

Damit hängt ein weiterer Aspekt der Sprachbilder zusammen. Oft geht es bei diesen Bildern darum, dass ich in Einsamkeit und Stille vor Gott komme. Doch für Menschen in Mexico City, Hongkong, New York oder Berlin ist Stille ein Luxus. Selbst für Menschen wie mich in Pohlheim mit seinen knapp 20'000 Einwohnern ist sie das. Klar brauchen wir so etwas wie innere Ruhe, doch wenn wir in der Stadt wohnen, dann sollten wir Methoden entwickeln, wie wir inmitten von Menschen zu dieser Ruhe bzw. zu Gott finden. Entdecke ich seine Spuren nur allein für mich am Meer, im Wald, beim Sonnenuntergang? Oder auch im Trubel eines Supermarktes, im Gesicht der Kassiererin, in der Umarmung eines Freundes, im Lachen des Nachbarjungen?

Vom Loben zum Klagen

Typisch für Lobpreis sind ausserdem Akzente wie Feiern, Jubel oder Freude. Oft wird zum Beginn von Anbetungszeiten noch ausdrücklich betont: «Wir wollen jetzt vom Klagen zum Loben kommen». Aber wo steht, dass Klage kein Lobpreis ist? In den Psalmen stehen wesentlich mehr Klage- als Loblieder, was sicher ein wichtiger Grund dafür ist, dass sie Menschen bis heute aus dem Herzen sprechen. Ein ganzes biblisches Buch heisst «Klagelieder». Und auch mein Leben enthält nicht nur Gründe zum Jubeln, sondern genauso viele zum Klagen. Lobpreis, der unsere Lebenswirklichkeit abbildet, hätte Raum für beides. So wirkt er oft aufgesetzt, wie eine fromme Fassade, weil er einseitig jubelt und dankt, statt auch einmal mit denen zu weinen, die traurig sind.

Lobpreis reloaded

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Redaktor Hauke Burgarth
Ich bin nicht Martin Luther King, aber ich habe trotzdem einen Traum. Ich träume davon, dass wir als Kirchen und Gemeinden es schaffen, Gott inmitten unserer Realität anzubeten. Ich wünsche mir Lobpreis, der zeigt, dass Gott in meinem Alltag da ist, und der starke Bilder aus dem Hier und Jetzt verwendet. Ich möchte Gott inmitten von Stadt, Menschen und Technik begegnen und ihn selbst durch Tränen hindurch anbeten. Wir brauchen Lobpreis. Aber wenn Lobpreis echt sein soll, braucht er mehr als Bilder von einer heilen Welt, Natur und Stille. Dann braucht Lobpreis meine und Ihre Lebenswirklichkeit.

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Datum: 11.11.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Kommentare

Dass Traurigkeit im Lobpreis keinen Platz hat, beschäftigt mich schon seit Jahren. Dann gibt es noch die Lobpreis-Sänger, welche beim Loben ein Gesicht machen, wie wenn es ihnen zum Klagen zumute ist. Warum nicht echt und ehrlich sein? Wenn es mir nicht gut geht und alle anderen euphorisch in den Lobpreis einstimmen, fühle ich mich einsam und ein Stück weit fehl am Platz. Dann wäre es wohl gescheiter, wenn ich draussen ein paar Runden drehen würde, bis der Lobpreis vorbei ist. Ich kenne Christen, welche Klagen sogar als etwas Negatives darstellen. Nur Wohlfühlen ist gut genug. Da frage ich mich schon, wie weit wir uns dieser Gesellschaft angepasst haben, die lieber Party macht!

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