Kolumne von Sam Urech

Corona darf uns nicht spalten

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Sam Urech (Bild: Sebastian Heeb)
Viele Christen haben verlernt, in Liebe zu streiten; und sie verlieren auf Nebenschauplätzen ihre Kraft, findet Livenet-Kolumnist Sam Urech.

Mir kommt es vor, als scheitern wir Christen krachend an der Prüfung, die uns gerade um die Ohren fliegt. Oder eint uns diese Krise? Fallen wir gemeinsam auf unsere Knie?

Als der Freikirchen-Dachverband die Impfempfehlung brachte, explodierte das Pulverfass (Livenet berichtete). Ich habe Kommentare gelesen, die mich erschaudern liessen. Von Christen, die anderen Christen wegen Impf-Fragen den Glauben absprechen. Menschen, die mit der Kirche abschliessen wollen, weil der Dachverband der Freikirchen diese Impfung empfiehlt.

Konflikte: Segen oder Fluch

Was hat genau der Dachverband gesagt? Dass Jesus nicht Gottes Sohn sei? Dass Maria keine Jungfrau gewesen wäre? Dass Hiobs Wandeln nur ein Märchen war? Hm, nein. Der Dachverband hat eine Impfempfehlung rausgebracht.

Bin ich gleicher Meinung? Völlig irrelevant. Ich darf selbstverständlich kritisieren, was ein Dachverband tut. Wichtig: Konflikte sind nicht immer schlecht. Gibt es in einer Ehe nie Streit, würde ich mir geschwind Gedanken machen, ob die Ehe überhaupt noch lebt.

Aber wendet man sich sogleich ab, wenn es kracht, nehmen wir möglicherweise uns und unsere Ansichten zu wichtig. Dann werden Konflikte nicht zum Segen, nein, sie vernichten uns.

Handle ich aus Liebe?

Wie erkenne ich, ob ich mich in einen Konflikt stürzen soll? Fragen Sie den Heiligen Geist. Puh, gar nicht so einfach. Bin ich voller Feuer für ein Thema und muss dann die leise Stimme Gottes suchen – mir misslingt das oft.

Fragen wir uns doch, ob mein Tun in mir Liebe weckt? Über allem steht die Liebe. Fehlt mir die Liebe, ist ALLES umsonst. Selbst wenn ich ohne Liebe vor der Migros Bibeln verteile oder ohne Liebe bete: Ohne Liebe ist alles nichts.

Also, bevor ich meinen Mund für Kritik öffne oder meine Finger erzürnt auf die Tastatur lege, sollte ich mir folgendes überlegen: Handle ich aus Liebe?

Lieber mal die Füsse waschen

Ich glaube, Jesus war öfters sauer als wir denken. Über die Pharisäer, über die Tempel-Räuberhöhle, immer mal wieder über seine Jünger. Ich glaube aber, dass Jesus auch mitten in der Erzürnung stets in Liebe handelte.

Wenn er den Tempel räumte, konnte er dazu problemlos zu seinem Vater beten. Sein Zorn überdeckte die Liebe niemals – sein Zorn war eine Folge der Liebe.

Bevor Sie beim bösen Mail oder Kommentar «Senden» drücken, hören und singen Sie einmal «How Great is Our God». Dann gucken Sie schnell fünf Minuten in den Film «The Passion oft the Christ». Wollen Sie danach noch immer «Senden» drücken, tun Sie es! Sind Sie aber unsicher geworden, rate ich dazu, dem anderen lieber die Füsse zu waschen – als den Kopf.

Jesus ist unser gemeinsame Nenner

Wenn ich die Geschichte von Pfingsten richtig verstehe, kam da die pure Vielfalt. Gott gab uns kein Korsett, sondern einen Geist der Freiheit. Diese Freiheit bewirkt, dass wir verschiedene Meinungen haben (dürfen).

Nicht jeder Christ nimmt Paulus' Tipp, ledig zu bleiben, gleich ernst. Nicht jeder hat das gleiche Verständnis von Gnade. Nicht jeder reisst sich ein Auge aus, wenn es ihn verführt.

Aber jeder Christ glaubt, dass Jesus Christus für ihn gestorben ist. Der Sohn Gottes, der alle Schuld auf sich nahm und uns am Kreuz erlöste. Dass er auferstand und lebt. GENAU DAS ist unser gemeinsame Nenner. Und das reicht für Einheit!

Eine Ewigkeit zusammen

Es spricht in meinen Augen nichts dagegen, dass sich ein Christ die Covid-Impfung holt – es spricht aber auch nichts dagegen, dass man ein Impfgegner ist. Lassen wir uns NICHT von Fragen rund um einen Virus entzweien.

Ich schliesse mit dem wundervollen Gedanken von Andreas Keller, den er beim Livenet-Jubiläum in Winterthur von sich gab: Eines Tages werde ich mit dieser Person, mit der ich total nicht gleicher Meinung bin, eine Ewigkeit verbringen. Nichts wird uns trennen können, eine Ewigkeit lang. Will ich mich wirklich hier auf der Erde wegen Nebensächlichkeiten von ihr abwenden?

Zum Autor

Sam Urech ist 36-jährig, verheiratet und Vater von zwei Buben. Mit seiner Familie besucht er die Freikirche FEG Wetzikon. Sam hat viele Jahre beim Blick als Sportjournalist gearbeitet und ist heute Inhaber der Marketing Agentur «ratsam». Er schreibt jeden Freitag auf Nau.ch seine Halleluja-Kolumne. Sollten Sie mit ihm Kontakt aufnehmen wollen, machen Sie das am besten via Facebook.

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Datum: 26.01.2021
Autor: Sam Urech
Quelle: Livenet

Kommentare

2) ... Wirkung als die gesprochenen. Auch Christen scheinen immer wieder dem Irrtum zu erliegen, dass Gott eine geschriebene Beleidigung weniger ernst nimmt als eine face to face ausgesprochene. Nichts könnte falscher sein, anderenfalls hätte uns Gott sein Wort nicht in schriftlicher Form überliefert, oder? Stellen wir uns doch beim Schreiben vor, dass uns die angesprochene Person gegenüber, oder noch besser, dass Gott neben uns sässe.
1) Ich beobachte dieses Problem v.a. als eines der sozialen Medien, wo man dem anderen nicht gegenübertreten muss (auch mit Klarnamen). Kürzlich half ich jemandem in einem Forum mit Anti-Impf-Stimmung mit der einfachen, unspektakulären Antwort aus, warum die Entwicklung des Impfstoffs in diesem Fall so schnell ging (ich habe keine starke Meinung zum Thema Impfen). Sofort war ich von einer Gruppe "Gegner" umringt, die mich unsanft angingen, jemand schob noch eine Beleidigung nach. Es wäre durchaus denkbar, dass auch Christen darunter waren. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir einmal auch für die geschriebenen Worte Rechenschaft ablegen müssen, denn sie haben keine geringere ...
ja, das müssen wir wirklich wieder lernen: richtig zu streiten! Es ist eine Kunst, in Respekt zu diskutieren, doch leider beobachte ich die Tendenz, dass schnell mal zu unfairen Mitteln gegriffen wird (nach Schopenhauers 'Die Kunst, recht zu behalten'). Oder, dass alles relativiert wird, etwa wie oben 'völlig irrelevant', dabei sind verschiedene Dinge (in unserem Leben) tatsächlich wichtig, ansonsten wäre die Bibel wesentlich dünner. Aus meiner Beurteilung der Erfahrung über verschiedene moderne 'Wundermittel' bin ich sehr skeptisch gegenüber einer 'Gentherapie', die theoretisch wunderbar funktioniert, aber in der Praxis tiefgreifendere Wirkungen haben könnte.
Gute und spannende Gedanken, danke Sam! Was mich irritiert an der Impfempfehlung, ist folgendes: Sowohl als Theologe wie auch als Arzt, lernt man wissenschaftlich zu argumentieren. Das heisst, man setzt sich mit verschiedenen Argumenten pro und contra auseinander. Das würde deiner Idee, die du beschreibst ziemlich gut passen! Das Papier kommt aber in einem propaganda-ähnlichen Ton daher: nur eine Meinung wird präsentiert und wer nicht dieser Meinung ist, wird als asozial abgestempelt. Das klingt doch nicht nach "frei"-Kirche? Eher nach Manipulation! Das ist nicht Leiterschaft, die Jesus uns befahl (apropos Füsse waschen). Ich kann gut mit anderen Meinungen leben, ich hoffe der Verband auch!

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