Eine Reise des Glaubens

«Vollbracht» – Eine Erzählung und mehr...

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«Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.» So beginnt das Apostolische Glaubensbekenntnis. Christian Geiss macht aus dessen Aussagen eine Erzählung. Das hilft, den bekannten Text distanziert zu betrachten und sich gleichzeitig stärker auf ihn einzulassen: «Vollbracht. Eine Reise des Glaubens». 

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Christian Geiss
Abid ist ein weltgewandter und weitgereister Orientale. Der Antiquitätenhändler lebt mit Tochter und Schwiegersohn irgendwo im Kaukasus. Die Zeit wird dabei nicht ganz klar: irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg. Abid schreibt ein Buch. Und wir als Leserinnen und Leser schauen dem alten Mann dabei über die Schulter, wie er versucht, die grossen Gedanken Gottes, auf ein paar Seiten Text zu reduzieren, ohne sie dabei kleinzureden. Was wir auf 312 Seiten zu lesen bekommen, ist nicht der Text, den Abid schreibt. Wir erleben den Protagonisten stattdessen dabei, wie er lebt, arbeitet, mit seiner Familie redet und immer wieder über Gott und die Welt nachgrübelt. Gerade dieses Grübeln und Nachdenken macht das Buch aus. Es ist zwar eine Erzählung, doch der grössere Teil davon besteht aus Innensichten und Gedanken.

Glaubensbekenntnis 2.0

Das Apostolische Glaubensbekenntnis ist in vielen Kirchen und Gemeinden ein Teil des Gottesdienstes und seiner Liturgie. Zahlreiche Grundwahrheiten des Glaubens werden darin beschrieben. Und damit hilft es Christen seit Hunderten von Jahren, sich gegen andere abzugrenzen, selbst sprachfähig zu werden, den eigenen Standpunkt zu klären und die Gemeinschaft miteinander zu unterstreichen (vgl. «Glaubensbekenntnisse – hilfreich, wichtig und gut»).

Christian Geiss (40) nähert sich dem bekannten und gleichzeitig sperrigen alten Text anders als üblich. Er greift seine Gedanken heraus und verpackt sie in eine Geschichte. Damit ist er eigentlich genau am Puls dieser Worte, denn sie suchen ihren Platz «mitten im Leben» jedes Christen.

Mitdenken und mitreden

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Buchcover «Vollbracht»
Die Erzählung ist dabei kein Text zum Mitfiebern. Sie bietet weder Krimispannung noch Herzschmerz, ist aber trotzdem gut und flüssig zu lesen. Ein bisschen Begeisterung für philosophische Gedanken ist jedoch hilfreich. Als Antiquitätenhändler hat die Hauptfigur Abid offensichtlich ein grosses Bücherregal und versorgt sich und die Leserinnen und Leser mit Zitaten, Gedanken und Ideen zahlreicher Christen, aber auch Wissenschaftler zum jeweiligen Thema.

Manchmal wirkt die aufgebaute Rahmenhandlung dabei etwas künstlich – so kennt Abid zwar noch keinen Schallplattenspieler oder besser ein Grammophon, zitiert aber munter C. S. Lewis, der immerhin erst 1963 starb. Doch solche leichten Inkonsequenzen stören das Nachdenken über die eigentlichen Fragen nicht. Denn dazu lädt der Autor am Ende jedes Kapitels ein. Er bietet dort noch einen besonderen «Blick in die Bibel», ergänzt ihn mit einer Fragensammlung («Und was denkst du?») und listet auch seine Quellen auf. So können Einzelne beim Lesen genauso gut in die Tiefe gehen wie Kleingruppen, die anhand der Fragen miteinander ins Gespräch kommen können.

12 plus 4

Nach 12 Kapiteln ist das Glaubensbekenntnis ziemlich durchgearbeitet, doch im Buch folgen noch vier weitere. Hier hat Geiss die Geschichte von Abid und seiner Glaubensreise erweitert, zum Beispiel um dessen Auseinandersetzung mit der Bibel. Und der Autor erklärt seinen Leserinnen und Lesern: «Insgesamt hat die Ausarbeitung dieses Buches ca. fünf Jahre gedauert. Und in der intensiven Beschäftigung mit den Grundfesten meines Glaubens habe ich immer mehr gemerkt, dass ich völlig von Gott abhängig bin. Er schenkt den Glauben, er eröffnet uns ein Verständnis für die Bibel, er lässt uns auch heute noch Wunder mit ihm erleben und hält uns in Zeiten des Leids. Dabei sind mir in den letzten Jahren … die Worte des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zu einem ständigen Begleiter geworden …»

Diese intensive Beschäftigung spürt man beim Lesen. Das Buch ist eher eine direkte philosophische und theologische Auseinandersetzung mit den Themen des Apostolicums geworden als eine Erzählung. Dafür bleibt die Handlung zu blass. Trotzdem schafft Geiss mit seinem Buch einen interessanten Zugang zu dem alten Text. Denn einerseits wirken die Glaubensaussagen darin sehr persönlich, wenn der alte Abid ihnen nachspürt. Andererseits entsteht eine gewisse Distanz zu ihnen. Beides zusammen spitzt der Autor in seiner Frage an Leserinnen und Leser zu: Und du? Was meinst du dazu? Wo befindest du dich auf deiner Reise des Glaubens?

Zum Buch:
Christian Geiss: Vollbracht. Eine Reise des Glaubens. Zwölf Erzählungen, Edition Wortschatz, 312 Seiten (auch als eBook erhältlich)

Zum Thema:
Credo: «Ich glaube»: Glaubensbekenntnisse – hilfreich, wichtig und gut
KonApp: Die «Immerdabei-Bibel»
Gebete für Millionen: «Alexa, wer ist Gott?»

Datum: 06.11.2019
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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