Liebe Gottes

Schöpfung ist Liebe. Von dem, was wir hierzu sagen, gilt das Wort Augustins: »Wir sprechen darüber, nicht weil wir es sagen könnten, sondern weil darüber nicht geschwiegen werden darf.«

Unter der Liebe Gottes versteht das Neue Testament den Zug des Allmächtigen zu dem, was ihm ähnlich ist. Johannes schildert am Anfang seines Evangeliums schon die Schöpfung als ein Werk der göttlichen Liebe. »Am Anfang war das Wort.« Ein richtiges Wort ist kein blosser Schall; es stammt aus dem Drang, sich mitzuteilen, Gemeinschaft zu haben.

»Und das Wort war bei Gott.« Das heisst: Bei Gott war der mächtige Drang, sich mitzuteilen, Berührung, Austausch zu haben mit Wesen, die ihm ähnlich sind. Dieser Drang war so übermächtig, so alles bestimmend, es wogte so von ihm in die Tiefen der Gottheit, dass es im Evangelium weiter heisst: der Allmächtige war dieser Drang. »Und Gott war das Wort.« Das bedeutet dem Wesen nach dasselbe, was Johannes in seinem ersten Brief sagt: »Gott ist Liebe« (1. Joh. 4,8-16).

Weil es die gottähnlichen Wesen noch nicht gab, mit denen der Vater im Himmel hätte Gemeinschaft haben können, rief sein allmächtiger Drang sie ins Dasein: »durch dasselbige sind alle Dinge geschaffen.« So brach in der Schöpfung die Liebe Gottes hervor als der gewaltige Zug zu dem, was ihm ähnlich ist; und es stand als die Krone der Schöpfung, als ihr eigentlicher Sinn, der Mensch da: das Ebenbild Gottes.

Dieser Zug bleibt bestehen, auch nachdem der Mensch von seiner anfänglichen Höhe gefallen ist und sich von Gott abgewandt hat. Der Schöpfer kann von dem nicht lassen, den er so herrlich erschuf.

Die Liebe Gottes zum gefallenen Menschen hat ihren guten Grund

Man findet oft eine Auffassung vom gefallenen Menschen, derart, als wäre an ihm »eigentlich« nichts Liebenswertes mehr, als wäre er so durch und durch schlecht, dass die Liebe Gottes zu diesem Menschen dann im tiefsten unwahr wäre. Solch eine Auffassung hat mit dem Neuen Testament nichts gemein.

Der Schöpfer liebt auch den gefallenen Menschen mit gutem Grund: der Groschen, der im Staub liegt, bleibt ein Groschen (Luk. 15,8-10); ein verschütteter Schatz bleibt ein Schatz, ein gefangener Prinz bleibt ein Prinz, und der verlorene Sohn bleibt der Sohn (Luk. 15,11-24).

Auch der sündigen Menschheit gegenüber bleibt Gott der Vater aus dem einfachen Grund, weil sie aus ihm stammt; auch hier ist seine Liebe der Zug zum Göttlichen. Was tut die Liebe, wenn sie durch eine weite Ferne von dem geschieden ist, den sie liebt? Sie sendet Zeichen, Boten ihrer selbst.

Die göttliche Liebe kann sich damit nicht begnügen, dass sie durch die Werke der Schöpfung mittelbar zum Menschen spricht. Sie sendet Boten, die ihm unmittelbar Kunde von der Liebe bringen. In der Sendung der Propheten tritt mächtig der Zug Gottes zum Menschen hervor.

Gottes Liebe in Christus und deren Ziel

In seiner ganzen Urgewalt bricht sich dieser Zug aber Bahn in der Sendung des Sohnes. In ihm leuchtet die Fülle des göttlichen Lichtglanzes, die fleckenlose Reinheit des Heiligen, seine völlige Hoheit über alles Gemeine mitten im Dunkel des gottfernen Menschenlebens herrlich auf: »Wir sahen seine Herrlichkeit.«

»Das Wort ward Fleisch«, das bedeutet, der mächtige Drang des Vaters, sich mitzuteilen, Berührung zu haben, gewinnt Gestalt in einer menschlichen Person. So erst kann dieser Drang bis zum Menschen dringen. So erst wird die Mitteilung zu einer Mitteilung an uns.

Der Unendliche in der Gestalt des Endlichen, der Ewige in den Schranken einer bestimmten Zeit, der Heilige mitten in den Daseinsformen des sündigen Fleisches - das ist das Wort, das wir vernehmen, die Sprache, die wir verstehen können.

Der, der zu uns gesandt ist, wird so zu unserem Schicksalsgenossen, dass auch er von allen Mächten des Bösen versucht wird. Auch er kommt zuletzt in eine Lage, aus der er keinen Ausweg mehr sieht, in der er bis aufs Blut ringen muss um Klarheit und Gehorsam. Aber dann wird ihm der Weg gewiesen, und er geht ihn in unweigerlichem Gehorsam.

Gerade da, wo die Finsternismächte ihm ihr letztes Aufgebot entgegenwerfen, schreitet er unberührt und sieghaft durch ihre Reihen und bricht seinen Mitmenschen eine Gasse zurück ins Vaterhaus. Die Gottesherrlichkeit, zu der er durchgedrungen, gibt er den Seinen. Nun ist wieder Berührung da zwischen Gottheit und Mensch heit. Der Zug Gottes zum Gottesebenbild, der die Sendung des Sohnes wirkte, ist zum Ziel gekommen

Die göttliche Weltregierung ist Liebe

Gott ist Liebe: sein ganzes Tun ist beherrscht von dem Drang, Gemeinschaft zu haben mit dem, was ihm ähnlich ist. Unter diesem Zeichen steht auch die ganze göttliche Weltregierung.

Sehr viele Zweifelsfragen, die die göttliche Vorsehung betreffen, stammen aus einer ganz falschen Vorstellung davon, was Liebe sei. Als ob Liebe bloss im Geben von Gaben, im Erweisen von Wohltaten bestände. Als ob da, wo es streng hergeht, wo Dinge entzogen werden, wo kraftvoll durchgegriffen wird, von keiner Liebe mehr die Rede sein könne.

Wir wissen es doch schon im Menschenleben ganz anders; das Wesen der Liebe liegt nicht darin, dass sie allerlei Gaben gibt, sondern dass sie sich selbst gibt, in ihre Nähe, in ihre Gemeinschaft zieht. Weil die göttliche Liebe es darauf abgesehen hat, zu sich zu ziehen, darum kann sie davor nicht zurückschrecken, den Menschen von dem zu lösen, was zwischen ihm und seinem Gott steht.

Es ist dieselbe Liebe, die mit den Zöllnern zu Tisch sitzt, die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft und die im hellen Zorn den Tempel reinigt, die Heuchler entlarvt, den gutmütig überredenden Jünger einen Teufel schilt. Ohne Entfernung der Hindernisse keine Gemeinschaft.

Wenn die Liebe des Allmächtigen zugreift, muss es urgewaltig zugehen

Wenn aber der Allmächtige selbst sich an ihre Wegräumung macht, dann muss es dabei auch allgewaltig zugehen. Dann geschehen Dinge, dass uns Menschen Hören und Sehen vergeht, dann kommen »Schicksalsschläge« über Menschen und Katastrophen über Völker, die unbegreiflich erscheinen müssen. Denn wer kann es vorausberechnen, was eine mächtige, heisse Liebe zu tun imstande ist?

Ihr Tun ist immer überraschend, sei es, dass sie nimmt, sei es, dass sie gibt. Zuletzt hat sie es aber mit allem doch aufs Geben abgesehen: nämlich darauf, sich selbst zu geben. Darum wird das Endergebnis des Weltlaufs das sein, dass die Menschheit mit der gesamten Schöpfung wieder in die anfängliche Nähe Gottes kommt.

Ja, weit über das Mass dessen, was ihr in den ersten Tagen gegeben war, wird sie zu innigster Gemeinschaft dem Schöpfer verbunden sein. Wenn alles, was von Gott ist, zurückkehrt zu Gott, dann ist die Liebe am Ziel ihrer Wege (Röm. 11,36).


Autor: Ralf Luther
Quelle: Neutestamentliches Wörterbuch

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