Andreas Keller

Prophetie – jetzt erst recht!

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Andreas Keller (Bild: Stiftung Schleife)
Der Wirbel um unerfüllte, nicht ausgesprochene oder (noch) nicht eingetretene Prophetien hat auch seine guten Seiten. Davon ist Andreas Keller, der Leiter der Stiftung Schleife in Winterthur, überzeugt, wie er im aktuellen «Prophetischen Bulletin» schreibt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Wir haben weder zum Ende der Covid-19-Pandemie noch zum Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA prophetische Statements veröffentlicht. Nicht weil wir keine Meinung dazu hätten, sondern weil wir schlicht und einfach vom Herrn keine konkreten Worte empfangen haben. In seiner Souveränität nimmt Gott es sich offensichtlich heraus, selbst zu entscheiden, mit wem und wann er über gewisse Dinge mit seinen Kindern redet.

In Tat und Wahrheit ist der derzeitige Wirbel eine Beschneidung zu mehr Fruchtbarkeit, eine Einladung zu mehr Transparenz und eine Disziplinierung hin zur mehr geistlicher Autorität. Seitens der «Empfänger» bzw. Hörer der prophetischen Worte bin ich dankbar für die uns nun gegebene Chance, zu lernen, wie wir mit den betroffenen Gliedern des Leibes bzw. mit der uns von Gott geschenkten Gabe der Prophetie in Zeiten der Krise umgehen, denn daran wird der Stand der Reife und Mündigkeit des ganzen Leibes gemessen. Vergessen wir nicht, dass auch die anderen Gaben des fünffältigen Dienstes, ob es nun die Hirten, Lehrer, Evangelisten oder Apostel sind, dem Wachstumszyklus von Reinigung und Beschneidung immer wieder ausgesetzt werden. Wir tun also gut daran, eine verletzte Stelle an unserem Leib nicht zu exponieren, sondern sie in aller Sorgfalt und Liebe, nachdem die Wunde begutachtet und ein Plan zur Heilung festgelegt worden ist, zu pflegen und zu verbinden.

Der Vater der Geister

«…sollten wir uns nicht viel mehr dem Vater der Geister unterwerfen und dadurch leben?» (Hebräer Kapitel 12, Vers 9). Ein Name unseres himmlischen Vaters ist «Vater der Geister», denn vor seinem Thron brennen sieben Feuerfackeln, die für die sieben Geister Gottes stehen (vgl. Offenbarung Kapitel 4, Vers 5). Das Lamm Gottes vor dem Thron wird vom Seher Johannes mit sieben Augen beschrieben, «die sieben Geister Gottes bedeuten, die ausgesandt sind auf die ganze Erde» (Offenbarung Kapitel 5, Vers 6). In Jesaja Kapitel 11, Vers 2 werden die sieben Geister namentlich aufgeführt, u. a. werden auch der Geist der Einsicht und der Geist der Erkenntnis genannt.

Führen wir uns das Bild nochmals vor Augen: Der Dienst der Offenbarung hat seinen Ursprung, seine Förderung und sein Korrektiv zuerst am Vaterherzen Gottes, und alle Geister Gottes, inklusive des Dienstes der Offenbarung, sind in Form von Augen am Haupt des Lammes platziert. Demütige Hingabe ist angesagt; die Gabe an sich steht nicht zur Diskussion. Gott wirbt einmal mehr um das Mass unserer Hingabe an ihn und seinen Sohn wie auch darum, im Ausüben und Empfangen aller Gaben hin zum Haupt zu wachsen (vgl. Offenbarung Kapitel 19, Vers 10; Epheser Kapitel 4, Vers 15).

Steile Lernkurven

«Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht von sich aus reden, sondern was er hört, wird er reden, und das Zukünftige wird er euch verkündigen» (Johannes Kapitel 16, Vers 13). Gerade weil der Herr uns durch das Wirken des Heiligen Geistes noch viel präziser und genauer die Zukunft offenbaren möchte, und das beinhaltet per Definition das Wirken des prophetischen Geistes, ist die derzeitige Lernkurve steil. Auch der Heilige Geist agiert nicht «autonom», er ist konstant am Hören (Paulus beschreibt diesen Akt in 1. Korinther Kapitel 2, Vers 10 als «das Erforschen der Tiefen Gottes»). Ich glaube, alle Propheten würden bestätigen, dass sie genau das von Herzen zu tun versuchen. Zugleich ist das beherzte Suchen und Fragen nach der Zukunft und «den Tiefen Gottes» kein Garant zur Unfehlbarkeit. Warum ich das weiss? Weil ich gute prophetische Freunde habe, erfüllt mit dem Geist, über Jahre bewährt, die im Hören auf Gott zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Die Spannung dieser anscheinenden Diskrepanzen oder verschiedenartigen Gewichtungen und Auslegungen gilt es jetzt auszuhalten. Im gegenseitigen Austausch und Dialog sowie im transparenten Spiegeln und Verarbeiten reift die Gabe und schärft sich.

Richtig und doch nicht richtig

Propheten werden gern und viel nach ihrer «Meinung» gefragt – und das ist an sich nicht schlecht. Eine grosse Herausforderung für prophetisch Dienende ist jedoch, das persönliche Gut- oder Schlechtbefinden einer Situation – was bis zur Begeisterung oder Warnung durchschlagen kann – nicht der Meinung bzw. den Plänen Gottes gleichzusetzen. Diese Lektion musste z. B. auch der bekannte Prophet Nathan lernen, der am Hof von König David diente. Als David ihm gegenüber erwähnte, es sei nicht recht, dass er in einem Palast und Gott in einem Zelt wohne, und es sei nun an der Zeit, Gott einen Tempel zu bauen, reagierte Nathan begeistert: «Wohlan, alles, was du im Sinne hast, das tue, denn der Herr ist mir dir» (2. Samuel Kapitel 7, Vers 3).

Noch in der gleichen Nacht erging das Wort an Nathan, das Gott eigentlich für David hatte, und der Prophet musste dem König dieses präzisierte und nachgebesserte Wort überbringen. Gott wollte in einem Tempel wohnen, aber dieser sollte nicht durch David, sondern durch seinen Sohn gebaut werden. Nathan wurde wegen dieses Patzers nicht «disqualifiziert», im Gegenteil, seine Autorität am Hof des Königs wuchs, bis zu dem Punkt, wo er von Gott dazu gebraucht wurde, den König seines Ehebruchs zu überführen (vgl. 2. Samuel Kapitel 12).

Der neutestamentliche Prophet Agabus, welcher der Gemeinde in Antiochia die grosse Hungersnot zu Zeiten des Kaisers Klaudius voraussagte (vgl. Apostelgeschichte Kapitel 11, Verse 27–30), prophezeite später im Haus des Evangelisten Philippus, der vier Töchter hatte, die aus Eingebung redeten (man stelle sich nur den prophetischen «Vibe» in diesem Haus vor…), die Gefangennahme von Paulus in Jerusalem. Genauso geschah es. Doch während Agabus prophezeite, dass die Juden Paulus fesseln würden, fesselten in Tat und Wahrheit die Römer den Paulus (vgl. Apostelgeschichte Kapitel 21, Vers 33). Ich finde es irgendwie sympathisch, dass auch die grossen Propheten im neuen Bund als nicht perfekt dargestellt werden.

Auch Propheten (dürfen) lernen

Wenn es unter den strengen Auflagen des alten Bundes in Bezug auf das Ausüben des prophetischen Wortes schon Prophetenschulen gab, wie viel mehr dürfen und müssen sich die prophetischen Stimmen im neuen Bund schulen und trainieren lassen – auch diejenigen, die nicht einfach prophetisch dienen, sondern das Amt eines Propheten ausüben. Es wäre fatal zu glauben, dass eine gereifte Gabe keine Schulung bzw. kein Korrektiv mehr braucht. Gestehen wir das auch den (gestandenen) Propheten zu.

Ich bin dankbar, dass Lilo Keller in ihren «Prophetischen Ein- und Ausblicken» einige dieser Schulungs-Komponenten erwähnt, sei es Busse bzw. eine Entschuldigung in den Bereichen, wo wir etwas Falsches gesagt bzw. prophezeit haben, das Wachsen im Verständnis über das Timing Gottes, welches selten unserer Zeitvorstellung entspricht, oder die Entwicklung unseres Charakters, der parallel mit der Reifung unserer Gabe mitwachsen muss.

Vom Prüfen und Unterscheiden

Propheten sind keine Orakel. Ihre Worte müssen geprüft werden. Das ist kein Vorschlag, sondern ein Befehl (vgl. 1. Korinther Kapitel 14, Vers 29; 1. Thessalonicher Kapitel 5, Vers 21; 1. Johannes Kapitel 4, Vers 1). Wenn uns das Wort Gottes einen Befehl gibt, setzt es voraus, dass wir dazu auch befähigt und nicht auf unser eigenes Urteil geworfen sind. Selbstverständlich sollen wir dabei unseren Verstand gebrauchen, aber die wichtigste Komponente ist wiederum der Heilige Geist, der im Prüfen von prophetischen Worten eine Schlüsselrolle spielt. Dinge, die aus dem Geist geboren sind, müssen, wie es in 2. Petrus Kapitel 1, Verse 19–21 heisst, durch den Geist gesichtet und interpretiert werden.

Das, was nun so einfach klingt, ist im Grunde genommen eine hohe Schule! Prophetisches Hören und Verstehen ist und bleibt Stückwerk. Wir wissen um unsere «Färbungen» und «Prägungen», die sowohl unser Reden wie auch unser Hören beeinflussen. Dazu gehören auch persönliche geistliche Erfahrungen, die wir unbewusst als Massstab nehmen, «kulturelle Brillen», die unsere Überzeugungen mehr prägen, als wir annehmen, sowie unverheilte Verletzungen bis hin zu Übergriffen, die uns in den entsprechenden Bereichen äusserst sensibel und vorsichtig, im Extremfall auch reaktionär sein lassen. Wir merken: Auch im Prüfen gibt es noch viel Luft nach oben. Ohne die Gnade Gottes (darum werden die Geistesgaben ja richtigerweise auch Gnadengaben genannt) werden wir diese Wachstumskurve nicht meistern können. Und diese Gnade gibt Gott gerne, sofern wir uns hungrig und demütig danach ausstrecken.

Mutig voran

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Cover Prophetisches Bulletin 1/2021
Schütten wir das Kind also nicht mit dem Bad aus. «Den Geist löschet nicht aus, Reden aus Eingebung verachtet nicht!», schreibt Paulus in 1. Thessalonicher Kapitel 5, Verse 19–20. Das Ziel kann nicht sein, die Prophetie an die kurze Leine zu nehmen, damit sie kontrollierbar bleibt. Es fängt mit unseren Herzen an. Sind unsere Herzen rein und aufrichtig, kann gesundes Wachstum mit dem nötigen Korrektiv im richtigen Setting stattfinden. Wenn unsere Herzen den Samen der Verachtung tragen, wird diese Befleckung nicht nur auf die von Gott geschenkte Gabe kommen, sondern letztlich auf uns selbst zurückfallen. Wir brauchen einander. Seien wir vorsichtig mit öffentlicher Kritik. Beten wir, bevor wir kommentieren; bedecken wir, bevor wir entblössen.

Eines der ganz grossen Ziele der prophetischen Rede ist nicht «recht haben», sondern die Welt an das liebende Herz des Vaters zu führen, so beschrieben in 1. Korinther Kapitel 14, Verse 24–25: «Wenn jedoch alle aus Eingebung reden, es kommt aber irgendein Ungläubiger oder Uneingeweihter herein, so wird er von allen überführt, von allen erforscht, das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so wird er auf sein Angesicht niedersinken und Gott anbeten und verkünden, dass in Wahrheit Gott in euch ist.»

Prophetisches Bulletin:

Dieser Artikel stammt aus dem «Prophetischen Bulletin Nr. 1/2021». Das prophetische Bulletin ist eine Publikation der Stiftung Schleife. Es hat zum Ziel prophetisches Reden unserer Zeit aufzunehmen und weiterzugeben, Christen zu ermutigen und zu inspirieren und das Heranwachsen eines prophetischen Volkes zu fördern. Hier können Sie das prophetische Bulletin bestellen.  

Auch beim Livenet-Talk ging es vor Kurzem um das Thema Prophetie. Sehen Sie sich hier den ganzen Talk an, bei dem Andreas Keller ebenfalls Gast war:

Zum Thema:
«Jesus hat mir gesagt»: Wie können Propheten so falsch liegen?
Livenet-Talk: Prophetische Worte in Corona-Zeiten
Prophetie gewinnt Bedeutung: «Europa wird unregierbar»

Datum: 04.03.2021
Autor: Andreas Keller
Quelle: Stiftung Schleife

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