Auge um Auge...

Christen und die Todesstrafe

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Ein Mädchen wird vergewaltigt und der Täter gefasst. Terroristen zünden eine Bombe in der Fussgängerzone und viele Passanten sterben. Sollen die Verbrecher «nur» ins Gefängnis? Oder ist die in solchen Situationen immer wieder geforderte Todesstrafe das geeignete Mittel? Was sagt die Bibel zu diesem Thema? Wie ordnen Christen dies heute ein? Weltweit gibt es dazu sehr unterschiedliche Meinungen – mit der Folge, dass Menschen mit derselben Bibel in der Hand einmal für und einmal gegen die Todesstrafe sind. In Europa wird sie jedoch von den meisten Christen abgelehnt.

Am 30. Dezember 2006 um sechs Uhr früh betrat Saddam Hussein in Bagdad den Galgen und wurde dort hingerichtet. Viele Menschen weltweit wollten, dass der ehemalige irakische Diktator für seine Taten zur Rechenschaft gezogen würde. Doch tatsächlich protestierten gerade europäische Politiker und Kirchenvertreter in seltener Einheit. «Der Vatikan verurteilte, dass 'ein Verbrechen mit einem anderen Verbrechen bestraft' werde. Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, betonte, 'die Todesstrafe sei keine angemessene Form staatlichen Strafhandelns'.» Demgegenüber betonte der damalige US-Präsident George W. Bush, «der sich bisweilen als geläuterten Christen bezeichnet, … die Exekution als Meilenstein auf dem Weg zu einem demokratischen Irak» (Chrismon).

Fakten zur Todesstrafe

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Weltkarte der Todesstrafe (blau = vollständig abgeschafft, grün = nur im Sonderverfahren, orange = Hinrichtungsstopp, rot = angewendet)
Fakt ist, dass die Todesstrafe wahrscheinlich zu jeder Zeit der Menschheitsgeschichte Realität war. Immer noch werden jedes Jahr Tausende Menschen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Amnesty International geht in seinem aktuellen Todesstrafen-Bericht davon aus, dass global zurzeit über 19'000 Menschen in Todeszellen sitzen. Die meisten Hinrichtungen (weit über 1'000 pro Jahr, genaue Zahlen sind Staatsgeheimnis) finden immer noch in China statt. Es folgen Iran, Saudi-Arabien, Vietnam, Irak und Ägypten. Direkt danach kommen Industrienationen und Rechtsstaaten wie die USA und Japan.

Weltweit gibt es damit laut Amnesty International 106 Staaten, in denen die Todesstrafe vollständig abgeschafft ist, 37 Staaten, in denen sie ausgesetzt ist, und 55 Staaten, die die Todesstrafe anwenden. Einige (Irak und Vietnam) richten vermehrt Menschen hin, insgesamt ist die Tendenz jedoch gerade rückläufig, wobei die Gründe laut «Stern» vielfältig sind: Zweifel an ihrer abschreckenden Wirkung, Änderung der Drogengesetze (Iran) oder auch immense Kosten bzw. Lieferschwierigkeiten für zugelassenes Gift (USA).

Für Kumi Naidoo, Generalsekretär von Amnesty International, ist dieser Rückgang «ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese grausame Strafe der Vergangenheit angehört».

Die Todesstrafe in der Bibel

Die Bibel kennt und beschreibt die Todesstrafe in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Das Alte Testament befürwortet sie darüber hinaus deutlich. Eine der zentralen Stellen dazu – quasi die Einführung – steht in 1. Mose, Kapitel 9, Vers 6: «Wer Menschenblut vergiesst, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn im Bild Gottes hat Er den Menschen gemacht.» Das oft von Gegnern der Todesstrafe ins Feld geführte sechste Gebot: «Du sollst nicht töten!» (2. Mose, Kapitel 20, Vers 13) bezieht sich dagegen auf den einzelnen Mord, nicht auf eine Hinrichtung nach einem gerichtlichen Urteil. Deswegen übersetzen viele es auch mit: «Du sollst nicht morden!»

Im Neuen Testament wird ein ähnlicher antiker Kontext vorausgesetzt. Es gibt darin allerdings keine eindeutigen Aussagen für oder gegen eine Todesstrafe. Neben allgemeinen Aufforderungen zur Unterordnung unter den Staat, der «das Schwert nicht umsonst» trägt (Römer, Kapitel 13, Vers 4), wird im NT eher eine Ethik der Vergebung und des Gewaltverzichts propagiert: Feindesliebe, Barmherzigkeit und Verzicht auf Richten (Lukas, Kapitel 6, Vers 27–37). Diese neutestamentlichen Ideen gehen allerdings davon aus, dass Christen als Minderheit in einem (römischen) Staat reagieren und nicht nicht selbst regieren.

In der Bibel oder biblisch?

Obwohl die Todesstrafe zweifellos in der Bibel vorkommt, ist die Frage, ob sie damit für heute legitim und «biblisch» ist, gar nicht so einfach zu beantworten. Schon ihre scheinbar eindeutige Einführung nach der Sintflut wird durchaus kontrovers beurteilt: Wird hier Todesstrafe beschrieben oder befohlen? Oder geht es sogar um eine Betonung der Menschenwürde? (Ausführlich und sehr lesenswert beschreibt Daniel Lanz in «Forum Ethik» diese und andere Fragen rund um die Todesstrafe.)

Vollständig schwierig wird ein Übertragen der Todesstrafe auf heute, wenn man sieht, wofür sie im alttestamentlichen Gesetz verhängt wurde. Sie ist Strafe nicht nur für Mord, sondern auch für Delikte wie Zauberei, Entheiligung des Sabbats, unerlaubtes Betreten heiligen Bodens, Menschenraub oder auch Geschlechtsverkehr mit einer Frau während ihrer Monatsregel (vgl. 2. Mose, Kapitel 21 und 3. Mose, Kapitel 20).

Tatsächlich haben die ersten Christen die Todesstrafe zunächst abgelehnt, aber besonders während der Hexenverfolgungen wurde sie christliche «Normalität» und Massenphänomen. Interessanterweise wurden die Juden im Laufe ihrer Geschichte immer vorsichtiger. «Die spätere rabbinische Tradition legte die Bedingungen für Todesurteile so eng aus, dass sie kaum erfüllbar waren und Hinrichtungen extrem selten wurden», hält Daniel Lanz fest.

Während die Hinrichtung von Straftätern in den USA immer noch von vielen Christen befürwortet wird, wird sie in Europa durchgehend abgelehnt. Gerade nach den Erfahrungen des sogenannten Dritten Reichs bezogen Theologen wie Emil Brunner, Karl Barth und Ernst Wolf eindeutig Stellung dagegen, und man wird unter den heutigen deutschen Theologen niemanden finden, der für die Todesstrafe spricht.

Abschreckung und Vergeltung?

Wenn man einmal von reinen Unrechtsregimes absieht, kommen von Befürwortern der Todesstrafe neben einem kategorischen: «Die Bibel befiehlt es!», hauptsächlich folgende Gründe: Sie ist die einzig gerechte Antwort auf schwerste Verbrechen (Vergeltung). Nur sie schützt die Gesellschaft nachhaltig vor Gewalttätern (Prävention). Sie hält andere vom Nachahmen schwerer Verbrechen ab (Abschreckung). Diese Argumente sind zumindest diskussionswürdig. Ist das Üben von Rache Aufgabe eines Staates? Könnte es nicht auch Resozialisierung sein? Ist ein Schutz der Bevölkerung vor Gewalttätern wirklich nur durch deren Tod zu leisten? Funktioniert der Gedanke der Abschreckung tatsächlich? «Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Mordrate in den US-Bundesstaaten mit Todesstrafe höher liegt als in denen ohne Todesstrafe» (Lanz).

Gnade und Menschenwürde!

Geschichtlich gehört die Todesstrafe zu den legitimen Möglichkeiten eines Staates, Recht zu sprechen. Doch es scheint folgerichtig, dass sie in immer weniger Rechtsstaaten angewandt wird. Dabei spielen die christlichen Werte der Vergebung und der Menschenwürde eine entscheidende Rolle. Tatsächlich verpflichten uns biblische Aussagen zur Todesstrafe nicht, sie heute in einem geänderten Umfeld mit anderen Möglichkeiten einfach beizubehalten. Und viele Aussagen der Bibel zum Wert des Lebens an sich und dazu, mit Menschen gnädig umzugehen und an ihre Veränderung zu glauben, unterstreichen diesen Ansatz. Unsere Gesellschaft kann heute auf eine Todesstrafe verzichten. Und sie sollte es auch tun.

Typisch ist in diesem Zusammenhang die bekannte Erzählung der Ehebrecherin (Johannes, Kapitel 8, Vers 1–11), die zum Steinigen zu Jesus gebracht wird. Jesus verurteilt darin weder die Schuldige noch das Rechtssystem – er zeigt allerdings einen besseren Weg auf als die Todesstrafe, regt die Kläger an, ihren Umgang mit Schuld zu überdenken, und die Verurteilte, sich zu bessern (was nach ihrem Tod schlecht möglich wäre).

Eine provokante Frage, die im Zusammenhang mit der Todesstrafe immer wieder gestellt wird, fasst das Ganze gut zusammen: Warum töten wir Menschen, die Menschen töten, um zu zeigen, dass es unrecht ist, Menschen zu töten?

Zum Thema:
«Gottes Gnade hatte sie»: Kelly Gissendaner trotz Gnadengesuchen hingerichtet
USA und die Todesstrafe: Kann eine Gesellschaft «biblisch fundiert» mit dem Tod bestrafen?

Datum: 14.09.2019
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Kommentare

ie Hölle. (Ende meines Posts). Die Todesstrafe ist eine Idee von Gott selbst, 1. Mose 2.17. Er wendet sie auch täglich ca. 150.000x an. Die moralische Verantwortung dafür trägt jeder einzelne Mensch selbst. Die Gute Nachricht ist, daß man ihr entgehen kann. Voraussetzung ist jedoch die Einwilligung in den eigenen Tod und die Erkenntnis, daß man dafür moralisch verantwortlich ist, siehe Schächer. Das nennt sich dann "Bekehrung", praktiziert "Taufe"! :-) Dann kann man mit seiner eigenen Persönlichkeit im Leib Christi langfristig unbeschreiblich gut leben. Ob man gesellschaftlich die Todesstrafe an Mördern vollstreckt, ist eine andere Frage, für die es n. m. M. eine einfache Antwort
"Jesus und die Ehebrecherin" wurde im 5. Jahrhundert in die Bibel eingefügt, ein Schelm wer Böses dazu denkt... Die Antwort auf die provokante Frage gibt der noahitische Bund nach der Sintflut, damit die Menschen nicht wieder allgemein verderben muß mit der Todesstrafe bei Mord dem Einhalt geboten werden. Weil dies nicht geschieht werden wieder Zustände wie vor der Sintflut einkehren und sind schon da: Matthäus 24.37-39 Jesu Sterben am Kreuz stellvertretend für die Sünden der Menschen ist ein Bekenntnis zur Todesstrafe. Siehe auch die Aussage des Schächers. Die Todesstrafe bei Mord ist menschlicher als lebenslange Haft oder laufen lassen. Weit schlimmer als die Todesstrafe ist d
Über die eigentliche Aussage von 1Mo 9 kann man auf jeden Fall unterschiedlicher Meinung sein. Ich gehe hier einig mit dem zitierten Daniel Lanz, dass es keine Aufforderung zum Töten ist. Aber dass der Tod von Jesus am Kreuz die (heutige) Anwendung der Todesstrafe legitimieren soll, finde ich etwas weit hergeholt. Auch die Einschätzung, dass eine Haftstrafe (immerhin ist hier Resozialisierung möglich und ein Justizirrtum korrigierbar) an sich unmenschlicher sein soll als eine Hinrichtung, kann ich nicht ganz nachvollziehen.

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