Engel zwischen den Zeiten

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Wieder ist Weihnachten vorbei. Wieder ein Jahr. Noch nicht ganz. Erst in drei Tagen beginnt das Neue. Noch sind wir "Zwischen den Jahren". Eine Art "Zwischenzeit". Warten, wie es weitergeht. Sehen, was kommt, Schönes und Schweres. Schwebezustand. Schwellenangst.

Was erwartet uns im Neuen Jahr? Welche Chancen. Krisen, Kriege, Wirtschaftgar eine neue Weltordnung? Alles ist unsicher. "Gott steh uns bei", so hiess es oft die letzten Monate. Wer steht Ihnen bei in dieser Zwischen-Zeit? Haben Sie einen gegen die Angst, der Sie über die Schwelle trägt - wie ein Engel?

Ich habe einen. Seit Wochen in meinem Kalender. Da gehört er einfach hin. zwischen diesen Tage. Er ist nicht schön. Hingeworfen wie ein Kinderzeichnung. Der Kopf kahl, verletzlich. Die Augen niedergeschlagen. Der Mund schmal. Als wüsste er nicht, was sagen. Das Lächeln süsssauer, wie eingefroren. Der Körper verschoben. Die Flügel verwachsen, als wären sie nur im Weg, Einer davon fährt tief in die Herzgegend herab, spitz, schmerzlich. Und die Hände verkrampft ineinander, als wüsste er nicht, was tun.

Ein Engel, so unsicher wie ich. Genau so einen mag ich bei mir haben an der Schwelle. Wenn ich die Bilder dieses Jahres sehe - zerbombte Städte, hungernde Kinder, flüchtende Menschen - und die Unworte höre - "Heiliger Krieg", "grenzenlose Vergeltung" - wenn ich lese, wie Menschen verdächtigt und verurteilt werden per "Schnellgericht", nur weil sie anders aussehen - dann kann ich keinen Jubel-Engel um mich haben, der sein "Fürchtet euch nicht" herausposaunt. Nur der hier soll bleiben. Sprachlos, ängstlich.

Denn dieser Engel kennt schreckliche Zeiten. Paul Klee hat ihn 1939 gezeichnet. Klees Kunst gilt als "entartet", sein Körper ist todkrank und der Krieg beginnt. Doch Paul Klee, im Schweizer Exil, malt Engel. Weinende, lachende, stürzende, schwebende - die Figuren fliessen aus ihm heraus. Sind plötzlich da. Um ihn. Gehören da einfach hin, in diese Zwischen-Zeiten.

Wo sind sie jetzt - die Engel - die einfach da sind? Die Traurige trösten, Wunden verbinden, Hungernde satt machen. Die Feinde versöhnen und Frieden suchen. Wo sind sie in Amerika und Afghanistan. Israel und Palästina und bei uns? Wer setzt noch auf Gewaltlosigkeit, wer stellt sich gegen jeden Krieg - und wer weiss, wie man das macht?

Schwebezustand. Schwellenangst. Ich warte in der Zwischenzeit. Betrachte den Engel und entdecke seine stille Kraft - die Kraft, wieder aufzublicken. Wenn er den Kopf hebt, Augen, Mund und Hände öffnet und ruft: "Fürchtet euch nicht" , werde ich ihm glauben. Weil er weiss, wovon er spricht. "Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen."

Autorin: Mechthild Werner

Datum: 29.12.2002
Quelle: ARD

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