Haben Sie schon einen Weihnachtsbaum?

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Gestern war ja so ein typischer Weihnachtsbaumeinkaufstermin. In meiner Familie sind wir damit immer sehr spät dran – auch weil da immer alle mitreden wollen. Und kurz vor Weihnachten uns alle Fünf zu einem Termin zusammenkriegen – schwierig.

Diesesmal waren wir besonders spät dran. Kurz vor Verkaufsschluss, dort wo wir immer hingehen, sah es schon ziemlich leer aus. Der Verkäufer zuckte bedauernd mit den Schultern. "Viel ist da nicht mehr. Aber wenn Sie hier bei den Nordmanntannen schauen wollen." Ich fand die alle zu teuer. Die Kinder streiften über den Platz. "Kommt mal hierher", riefen sie. Wir Eltern folgten. Sie hatten eine kleine Fichte vor sich hingestellt und drehten sie vorsichtig. "Der?" fragte ich - und war innerlich schon bereit, doch tiefer in die Tasche zu greifen für eine der edlen Nordmanntannen. "Der ist doch ganz schief hier, und die Spitze ist geteilt. Und da ist eine Lücke in den Zweigen." "Das Loch kann man wegdrehen, und hier oben ist er schön dicht", widersprachen die Kinder. "Ich weiss nicht...", der Vater zögerte, "wir könnten auch noch mal weiterschauen." "Nein," meldete sich unsere energische Jüngste zu Wort, "guckt mal, der sieht so arm aus, der muss hier weg. Den kauft sonst keiner mehr. Da mochte sie wohl recht haben. Jedenfalls: wir Eltern gaben uns geschlagen. Und der Verkäufer meinte: "Ich gebe ihnen den Weihnachtsbaum billiger."

Zwei Tage später stand der krüppelige Baum überraschend gerade in unserm Wohnzimmer, und die Kinder behängten ihn mit allem, was die Weihnachtskiste hergab. Sie überlegten genau, wie sie seine schönen Seiten hervorheben könnten. Das Loch in den Zweigen fiel fast nicht mehr auf. Und zum ersten Mal gab es keinen Streit darüber, was denn auf die Spitze sollte - der Strohstern oder der Goldengel: es gab ja sozusagen zwei Spitzen am Baum...

Als ich am Abend die Kerzen anzündete, in diesem kurzen stillen Moment vor dem grossen Sturm, musste ich lächeln: originell ist er ja, unser Weihnachtsbaum! Arm sieht er jedenfalls nicht mehr aus. Sondern ziemlich reich. Was Liebe so aus einem machen kann! Warum denken wir eigentlich so oft, wir müssten makellos und perfekt sein, um die Liebe anderer zu gewinnen? Ist es nicht genau anders rum, dass das zur Liebe lockt, was nicht vollkommen ist, sondern hilfsbedürftig und ein bisschen krumm?

Unser krüppeliger Tannenbaum - für mich ein kleines Zeichen für die Weihnachtsbotschaft, die trotz Kitsch und Konsum jedes Jahr neu die Herzen berühren will und unsere harten Massstäbe so wunderbar auf den Kopf stellt: Unscheinbar wird wertvoll, arm wird reich und krumm gerade.

Weil Gott uns mit Augen der Liebe anschaut, hat er sich selbst aus Liebe verschenkt: "Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht daran fest, zu sein wie Gott. Er gab es willig auf. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen.“ Zitiert aus der Bibel, Übersetzung: "Die Gute Nachricht“, Philipper, Kapitel 2, Vers 6 bis 8.

Jesus wurde geboren. An Weihnachten könnte man sich auch an den eigentlichen Sinn dieser Geburt erinnern: Man muss auch als Mensch nicht makellos und perfekt sein. Jesus nimmt uns so wie wir sind, wenn wir es ihm und uns eingestehen, dass wir eher auf krummen, als auf geraden Wegen durchs Leben laufen.

Autor: Andrea Schneider

Datum: 22.12.2002
Quelle: ARD

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