Lässt die neue afghanische Verfassung Christen zu?

Bisher darf es in Afghanistan Christen offiziell gar nicht geben. Die geltende Verfassung lässt das Bekenntnis zu Christus nicht zu. Muslimische Afghanen, die Christen werden, gewärtigen die Todesstrafe. Dies unterstreicht ein ausländischer Christ, der seit Jahren in Afghanistan lebt, in einem Bericht. Nach der Zerschlagung des grausamen Jochs der Taliban-Herrschaft gibt es zwar viel Hoffnung und manche Verbesserung im verwüsteten Land am Hindukusch. Doch die Religionsfreiheit, die Grundlage einer gedeihlichen Entwicklung, ist noch nicht gesichert.

Christliche Hilfswerke wieder zugelassen

Laut dem vom Internet-Dienst von ‚Christianity Today‘ veröffentlichten Bericht aus Kabul, dessen Verfasser wegen der Sicherheitslage anonym bleibt, ist eine Menge Hilfswerke an der Arbeit, vor allem in der Hauptstadt. Christliche Organisationen konnten sich nach dem Fall der Taliban bei der neuen Regierung registrieren.

Die religiösen Minderheiten atmeten Ende 2001 auf. Die Taliban hatten jeden Afghanen, in dessen Besitz sie eine Bibel fanden, gefoltert und eingekerkert. Bekannte er sich als Christ, musste er mit dem Tode rechnen.

Ein Rabbi harrt aus

Die Juden des Landes sind bis auf den greisen Rabbiner, der die Synagoge in Kabul hütet, alle emigriert! Der Rabbiner wurde in der Zeit der Taliban mindestens fünfmal schwer misshandelt und fast zwei Monate im berüchtigten Pul-e-Charkhi-Gefängnis eingeschlossen. Die Peiniger verlangten von ihm, Muslim zu werden. Der Rabbiner weigerte sich. Die Synagoge ist am Zerfallen, der Rabbiner hat laut dem Bericht kaum genug zu essen. Aber er will bleiben. Er fühle sich jetzt recht frei in der Stadt.

Auch Hindus und Sikhs wurden von den Taliban verfolgt und misshandelt. Viele verliessen das Land. Bekanntlich ordneten die Taliban im Sommer 2001, kurz vor der Verhaftung der Shelter-Now-Mitarbeiter, ein gelbes Armband für alle Nicht-Muslime im Land an. Nun ist keine Rede mehr von solcher Diskriminierung, und die Hindus versammeln sich frei.

Einheimische dürfen nicht Christen werden

Auch die (ausländischen) Christen können sich wieder problemlos in ihren Kirchen treffen (unter den Taliban waren nur verborgene Treffen in Privatwohnungen möglich). Aber wenn Afghanen bekennen, dass sie Christen geworden sind, geraten sie in Lebensgefahr – auch heute noch. Der amtierende Vorsitzende des Obersten Gerichts Afghanistans, Mullah Fazul Shinwari, erklärte öffentlich, dass Afghanen, die Christen würden, getötet werden müssten. Einem christlichen Journalisten aus den USA sagte Justizminister Asharaf Rasooli im letzten Jahr: „Kein Muslim darf zu einer anderen Religion übertreten“.

Der Berichterstatter vermutet, dass die einheimischen Muslime wegen der anhaltenden Präsenz der internationalen ISAF-Schutztruppe von öffentlichen Hinrichtungen von Christen Abstand nehmen.

Werden die Christen in der neuen Verfassung erwähnt?

Umso wichtiger wird der Wortlaut der neuen Verfassung, welche die Regierung in Kabul derzeit ausarbeitet. „Wir beten viel und haben westliche Regierungen gebeten, ihren Einfluss geltend zu machen“, schreibt der Berichterstatter. In der alten Verfassung figurieren nur Juden, Hindus und Sikhs als religiöse Minderheiten. Aus diesem Grund leugnen Afghanen, dass es überhaupt Christen unter ihren Landsleute gibt.

Aber es lässt sich nicht leugnen, dass in den letzen 25 Jahren eine Anzahl (der Berichterstatter spricht von ‚vielen‘) Afghanen Christen geworden sind. Die Afghanen wüssten dies. „Wenn sie die Christen in der neuen Verfassung als eine geschützte Minderheit aufführen sollten, wäre dies ein ganz wichtiger Schritt hin zur Religionsfreiheit. Der Einschluss der Christen würde religiöse Verfolgung nicht ausmerzen. Afghanen würden durch die Abkehr von ihrer überkommenen Religion immer noch in vielfältige Gefahr geraten, aber es gäbe wenigstens eine offizielle Anerkennung afganischer Christen. Und auf dieser Grundlage könnten sie ihre Rechte einfordern.“

Kurzer Arm der Regierung Karzai

Kabul ist nicht Afghanistan – der Arm der vom Ausland gestützten Regierung reicht nicht weit. Grosse Gebiete werden von Stammesführern beherrscht, die ihre eigenen Allianzen pflegen. Vor allem in paschtunischen Gebieten im Süden des Landes kommt es zu vielen Gewalttaten. Viele frühere Taliban-Kämpfer machen die Gegenden unsicher, aus denen sie stammen und in die sie sich nach dem Fall ihres Regimes zurückzogen. Mehrfach wurden ausländische Mitarbeiter von Hilfswerken angegriffen. Am 27. März wurde ein Rotkreuz-Mann in Orzugan erschossen.

Das Land ist verwüstet, die Infrastruktur weitgehend zerstört; ein grosser Teil der Gebildeten hat das Land unter den Sowjets, den Mujahedin oder den Taliban verlassen. Doch nun ist der Aufbruch zurück ins Leben spürbar: An vielen Orten können Mädchen (wieder) zur Schule gehen. Der Berichterstatter verweist darauf, dass die Menschen wieder Radio hören und fernsehen.

Soldaten draussen im Land noch nicht entwaffnet

Ob die Schaffung einer gesamt-afghanischen Armee und Polizei vorankommt, ist schwierig zu beurteilen. Am Osterwochenende verpflichteten sich Kommandeure aus verschiedenen Regionen auf die Schaffung einer einheitlichen Armee. Karzai bot den Regionalherrschern 157 Millionen Dollar (nach einem UN-Plan von westlichen Ländern und Japan zugesagt) an, um über 100'000 Soldaten zu demobilisieren und zu entwaffnen, die noch unter dem Befehl der Warlords stehen.

Im Internet-Dienst Eurasianet schreibt der Taliban-Spezialist Ahmed Rashid allerdings, die Sicherheitslage sei heute brüchiger als Ende 2001. Die Taliban und mit ihnen verbundene Al-Qaeda-Kämpfer hätten sich neu formiert und sowohl US-Truppenbasen wie auch Wiederaufbauprojekte angegriffen. Deshalb hätten Hilfswerke mehrere Gebiete im Süden verlassen; dort herrschten die Gewehrläufe.

Taliban wieder verstärkt aktiv – mit pakistanischer Rückendeckung

Der afghanische Präsident Karzai hat diese Woche seinen pakistanischen Amtskollegen General Musharraf besucht, um die Spannungen zwischen den beiden Staaten abzubauen und die Wirtschaftsbeziehungen zu fördern. Kürzlich kam es im paschtunischen Grenzgebiet zu einer Schiesserei zwischen Verbänden der beiden Armeen, was die Spannungen erhöhte. Karzai drängt laut dem Artikel Rashids darauf, dass Pakistans Geheimdienst ISI die verdeckte Unterstützung der Taliban endlich einstellt und ihre Führer, die Pakistan als Basis nutzen, festnehmen lässt.

Am 17. April verfolgten afghanische und US-Truppen eine Gruppe von Taliban über die Grenze nach Pakistan. Bei einem Anschlag in der Grenzstadt Tschaman waren der Cousin des Gouverneurs von Kandahar, der früheren Taliban-Hochburg, getötet und sein Bruder verletzt worden. Der Sprecher des Gouverneurs sagte, die Taliban könnten sich in Pakistan frei bewegen und ihren Zielen nachgehen.

Angst vor Anschlägen – auch in Kabul

Da und dort haben die Taliban Hinterhalte gelegt; mehrfach wurden grosse Waffenverstecke entdeckt. Auch in der Hauptstadt Kabul und ihrer Umgebung häuften sich letzthin Autobomben und Minenexplosionen. Am 10. April gab Präsident Hamid Karzai in einer Rede an die Nation erstmals zu, dass ein „Mangel an voller Sicherheit und Stabilität“ die Bemühungen um den Wiederaufbau Afghanistans behindere.

Der US-Sondergesandte Khalilzad (2001 nach Kabul, inzwischen nach Bagdad geschickt) sicherte Karzai die weitere Unterstützung der Supermacht zu. Angeblich traf Khalilzad auch Beamte des pakistanischen Geheimdiensts ISI und forderte sie auf, die Machenschaften der Taliban zu unterbinden und so zur Stabilisierung Afghanistans beizutragen.

Datum: 24.04.2003
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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