Applaus für den Täter?

Der immer noch schwierige Umgang mit sexuellem Missbrauch in Gemeinden

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In den USA berichten die Medien derzeit über den sexuellen Missbrauch durch Andy Savage, den Pastor einer Megakirche. Durch die #MeToo-Kampagne brachte das Opfer die länger zurückliegenden Tat ans Licht. Am Umgang mit Täter und Opfer wird deutlich, dass Kirchen und Gemeinden bei diesem heiklen Thema noch viel zu lernen haben. Auch hier in Europa.

Vor 20 Jahren war Andy Savage Jugendpastor einer texanischen Gemeinde. Laut Zeugenaussage der damals 17-jährigen Jules Woodson zwang er sie auf einer gemeinsamen Autofahrt zu sexuellen Handlungen. Anschliessend entschuldigte er sich bei ihr, forderte sie aber auf zu schweigen. Woodson lehnte dies ab, doch ihre Gemeinde verlangte Stillschweigen. Im Zuge der #MeToo-Kampagne meldete sie sich bei Savage, der inzwischen ein Pastor der Highpoint-Kirche in Memphis ist. Sie berichtet, dass er ihr nicht antwortete, stattdessen aber den «Vorfall» (wie er es bezeichnete) vor seiner Gemeinde bekannte, die ihm daraufhin stehend applaudierte. In «Christianity Today» schrieb Ed Stetzer daraufhin kritisch: «Diese 'Standing Ovations' hat die ganze Welt gehört.» Eine Woche und zahlreiche Reaktionen später wurde Savage beurlaubt.

Tatsächlich wird an diesem Fall von sexuellem Missbrauch in der Gemeinde vieles deutlich, was Christen auch hierzulande grosse Probleme bereitet.

Ist es nicht mal genug?

Berichte über sexuellen Missbrauch machen Hörer, Leser und Zuschauer betroffen. Doch gerade eine breite Darstellung in den Medien schlägt meist nach kurzer Zeit ins Negative um. Nach der #MeToo-Aktion, in der sich viele Frauen outeten und zugaben: «Ich bin auch ein Opfer sexueller Gewalt», herrscht zurzeit eher die Einstellung vor: Jetzt ist es mal genug. Die Aktion #ChurchToo («in meiner Gemeinde auch») erhält so nur relativ geringe Aufmerksamkeit. Von den Medien oder ihren Konsumenten her gedacht, ist das auch völlig verständlich. Nur Betroffenen kann man mit solchen Äusserungen nicht kommen.

Von der Mitschuldigen zum Opfer

Dazu kommt, dass bei vielen Missbrauchsfällen dem Opfer automatisch eine gewisse Mitschuld gegeben wird. So auch in Memphis. Während Andy Savage vor seiner Gemeinde wenigstens allgemein seine Schuld bekannte, äusserte er laut Relevant Magazine in einem anschliessenden Radiointerview, der «Vorfall» sei «sehr einvernehmlich» gewesen. Damit wird das Opfer schnell zur Partnerin bzw. Mitschuldigen gemacht, und es ist keine Rede mehr davon, dass sie ein schutzbefohlener Teenager war und er erwachsen, Pastor und in einer Vertrauensposition. Die Theologiestudentin und Redakteurin Mara Feßmann schreibt über dieses «victim blaming» (das Denken, dass das Opfer eigentlich selbst schuld sei) im kirchlichen Raum: «Dabei ist auffällig, welchen Einfluss ein kirchlich-konservatives Frauenbild hat, das die Frau und den weiblichen Körper als irgendetwas zwischen Verführung oder Versuchung für Männer und Projektionsfläche extremer Reinheits- und Jungfräulichkeitsideale zeichnet.» Bei Missbrauch, ob in der Gemeinde oder anderswo, muss es ganz klar sein: Schuldig ist der Täter, nicht das Opfer.

Von Vergebung zu Verantwortung

Gerade im kirchlichen Umfeld kommt noch der Faktor der Vergebung hinzu. Wenn Missbrauch geschieht und offenbar wird, passiert oft folgendes: Der Täter soll sich beim Opfer entschuldigen. Anschliessend soll das Opfer dem Täter vergeben. Und dann sollen beide weiterhin in der gleichen Gemeinde bleiben und alles soll wieder so sein wie früher… Zurecht meint Mara Feßmann dazu: «Damit wird nicht nur die Aufarbeitung unterbunden, auch werden die Frauen für Taten in die Pflicht genommen, die sie selbst nicht begangen haben, sondern deren Opfer sie geworden sind. Zur Versöhnung – sofern sie denn überhaupt möglich und gewollt ist – gehört untrennbar auch ein Schuldeingeständnis der Täterperson und das Ziehen notwendiger Konsequenzen.» Tatsächlich fällt es gerade Christen schwer, über die Vergebung hinauszudenken und einen Täter mit seiner Straftat (denn das ist sie!) den Behörden anzuzeigen.

Vom Selbstschutz zum Opferschutz

Vielfach entsteht der Eindruck, dass alle Beteiligten besser geschützt werden als das Opfer. Dem Täter soll nichts passieren, denn «er hat ja Busse getan». Die Kirche oder Organisation soll möglichst aus dem ganzen Prozess herausgehalten werden, «weil sie ja beschädigt werden könnte». Und das Opfer? Vielen geht es so wie Jules Woodson, die vor 20 Jahren erlebte, dass ihr Missbrauch niemanden interessierte. Die Gemeinde schwieg, und der Jugendpastor wurde erst beurlaubt und dann versetzt. Momentan geschieht fast dasselbe. Savages jetzige Gemeinde äusserte sich laut Relevant Magazine: «Wir unterstützen Andy weiterhin als Leiter unserer Gemeinde, aber wir verstehen auch, dass dies eine schwere Zeit nicht nur für ihn und seine Familie, sondern auch für unsere Versammlung ist.» Wenn Kirchen und Gemeinden erst an die Öffentlichkeit gehen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt und dann sich selbst und den Täter bedauern, ohne das Opfer mit einem Wort zu erwähnen, dann läuft etwas völlig verkehrt. Die vornehmste Aufgabe jeder Gemeinde ist doch ihr Einsatz und Schutz für Schwache, Wehrlose und Opfer.

Vom Vorfall zum Missbrauch

So lange verbogene Menschen aufeinandertreffen, wird es zu Missbrauch kommen. Bis in Kirchen und Gemeinden hinein. Hier müssen Christen lernen, wieder auf die Opfer zu hören. Ihnen besser zu begegnen. Ed Stetzer stellt klar: «Das ist keine Frage der PR, sondern eine der Gerechtigkeit». Es ist gut, dass Andy Savage erst einmal zurückgetreten ist und sein Fall jetzt untersucht wird, doch das hätte schon vor seinem öffentlichen Bekenntnis und dem Applaus der gar nicht richtig informierten Gemeinde geschehen sollen. «Aber», fährt Stetzer fort, «das Ganze fängt damit an, Dinge beim Namen zu nennen, wenn sich ein Jugendpastor an einem Teenagermädchen seiner Jugendgruppe sexuell vergeht. Andere werden erwägen, ob eine Straftat vorliegt oder ob jemand nach solchem Machtmissbrauch wieder eine gewisse Leitungsfunktion ausüben kann. Tatsächlich gibt es hier vieles zu reden und zu tun. Aber allem voran sollte eines ganz klar sein: Es geht nicht um irgendeinen 'Vorfall'. Es geht um Missbrauch.»

Zum Thema:
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Datum: 18.01.2018
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Relevant Magazine / Christianity Today / ZEIT

Kommentare

Ja, danke sehr für diesen klaren Artikel und die gesunde Positionierung. Ich bin ganz bei Ihnen und Ihrer Argumentation!
Es wäre an der Zeit, Missbrauch in den Gemeinden zu thematisieren. Vergebung ist sicher eine Seite, die andere Seite ist aber der jahrelange Leidensweg der Opfer und deren Familien. - Von den Gerichten erhoffe ich, dass die Selbstbehalte der Krankenkassen, dass diese Kosten welche für Aerzte, Spitäler, Pflege usw. ausgegeben werden müssen, dem Täter angelastet werden. Auch Folgeschäden und Arbeislosigkeit. Ich glaube, dass sich dann manch ein Täter zweimal überlegt was er tut.

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