Heini Bächi aus Winterthur

Physisch blind, aber im Glauben sehend

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«Wir nehmen das Wesen eines Menschen wahr und lassen uns nicht durch Schönheit oder Tätowierungen, Kleidung oder Gehabe ablenken», sagt Heini Bächi. Er leitete eine Selbsthilfe-Gruppe für sehbehinderte Menschen und ist selbst erblindet. Im Interview mit Livenet berichtet er von seinem Wirken.

Livenet: Heini Bächi, Sie engagieren sich für eine Selbsthilfe-Gruppe mit sehbehinderten Menschen. Was genau tun Sie?
Heini Bächi:
Nach meiner eigenen Erblindung erkannte ich, wie wichtig der Austausch und praktische Hilfen im Alltag und im Beruf für Betroffene sind. Ich suchte Sehbehinderte im mittleren Alter und gründete im Rahmen des «Schweizerischen Blindenbundes» die «Adler»-Gruppe in Winterthur. Ein Kernteam leitet sie und ich koordiniere Aktivitäten, suche gute Fachleute und helfe Einzelnen.

Sie sind auch in einer Gruppe für blinde Christen aktiv. Was geschieht da?
Die Gruppe ist offen für jedermann, ich bin im Team mit zwei Seelsorgerinnen aus der reformierten und katholischen Kirche. Ich selbst bin charismatischer Freikirchler. Wir mussten keine Basis suchen, die ist in Jesus da. Die Teilnehmer haben keine Mühe, sich einzuklinken, sei es bei den Liedern, Gebeten, biblischen Geschichten bis hin zum Hören auf Gott.

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Heini Bächi
Glauben Menschen, die weniger gut oder gar nicht sehen, anders als andere Christen? Ist der Bezug zu Gott tiefer oder anders?
Paulus sagte, das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ewig. Darum müssen die Augen des Herzens geöffnet werden, denn die Blindheit des Herzens trennt uns von Gott. Nach der Heilung des Blindgeborenen sagte Jesus, er sei gekommen, die Blinden sehend und die Sehenden blind zu machen. Dies widerfuhr Paulus selber ganz wörtlich, er war für drei Tage blind, um in der Dunkelheit das Licht der Welt, nämlich Jesus, zu sehen.

Blinde Christen sind nicht besser dran als sehende Christen, aber sie sind nicht durch die äussere Welt so stark beeinflusst. Wir nehmen das Wesen eines Menschen wahr und lassen uns nicht durch Schönheit oder Tätowierungen, Kleidung oder Gehabe ablenken. Nicht umsonst trägt die Justitia neben der Waage und dem Schwert eine Augenbinde: Bei ihr gilt kein Ansehen der Person, wie bei Gott auch nicht. So kommen oft Menschen im Bus oder Zug zu uns und erzählen von ihrem Leben, weil wir sie nicht äusserlich bewerten. Da wir mehr auf die Wahrnehmungen anderer Menschen angewiesen sind und auch auf die Eindrücke unseres Geistes durch den Heiligen Geist, leben wir defensiver und erkennen Dinge, die Andere übersehen.

Erleben Sie manchmal, dass Menschen durch Gott geheilt werden - gerade auch, wenn es um Sehbehinderungen geht?
Echte Heilungen bei Sehbehinderten selber sind sehr selten, von Blindgeborenen oder Vollblinden in der Schweiz weiss ich gar nichts. So was würde sich schnell herumsprechen. Ich habe eine gute Kollegin, die sogar in einem Heilungsgebetsteam mitmacht. Aber unter uns beten wir bis hin zu Krebskrankheiten, aber um Heilung der Augen? Das ist für viele zu schmerzlich. Ich kenne eine blinde Christin, die ihre Kirche verliess, weil für sie im Hauskreis ständig um Heilung gebetet wurde!

Diese Frau steht bewundernswert und vorbildlich im Leben, aber sie will nicht ständig auf körperliches Defizit reduziert werden. Kürzlich wurde sie im Bahnhof gefragt, ob man für sie beten dürfe. Oh ja, sagte sie, dass sie und ihr neuer Führhund rasch harmonieren. Doch ein weiteres Mal wurde nur für ihre Augen gebetet, was sie echt frustrierte. Eine andere Frau geriet in ihrer Erblindung so unter einen Heilungszwang, dass sie sich mehrmals das Leben nehmen wollte, sie verliess auch ihre Kirche und ging in eine esoterische Richtung.

Wie gehen blinde Christen damit um, wenn sie (noch) nicht geheilt werden?
Zuerst muss man sich in der Bibel selber informieren. Dann merkt man, dass heute viele falsche Aussagen über Heilung gemacht werden: «Gott will immer und sofort heilen!» Oder: «Körperliches Leiden ist wertlos.» Blinde sind in guter biblischer Gesellschaft: Jakob und Isaak waren altersblind, Simson wurden die Augen ausgestochen, Paulus hatte eine Sehschwäche. Gott ist doch kein Heilungsautomat, sondern ein Vater mit grossen Zielen für uns, die weit über unseren Körper hinausgehen. Warum nicht mit einer körperlichen Einschränkung das Gleiche machen wie mit den Sorgen? Sie Gott anbefehlen und erwarten, dass er unser Leben trotzdem erfüllt? Unser Zustand ist mit der Schweiz vergleichbar: Unser Land ist durch fehlende Bodenschätze und Berge beeinträchtigt, doch sind wir sehr erfolgreich in Nischen tätig, man kann Mangel durch Innovation mehr als ausgleichen! So gesehen dienen uns wirklich alle Dinge zum Besten, und schliesslich steht weit über jeder Heilung das Wort, dass wir dem Bild Jesu ähnlich werden sollen. Ein Christsein ohne Leid wird oberflächlich bleiben.

Was ist Ihnen bei der Arbeit unter sehbehinderten oder blinden Menschen wichtig?
Möglichst viel Hilfe zur Selbsthilfe freisetzen, gut vernetzt sein mit den besten Stellen und nicht zuletzt ehrliche Gespräche und - wenn angebracht - auf den grossen Augenöffner hinweisen. Was Jesus von allen Religionen unterscheidet: Er hat einen Leidensbonus. Das macht ihn glaubwürdig für jeden von uns, wenn er mit Leid konfrontiert wird.

Was bewegt Sie bei Ihrem Engagement?
«Liebe, die dem Leid sich stellt, ist Hoffnung für die ganze Welt», heisst es im «Paulus-Oratorium» von Siegfried Fietz. Hoffnung entsteht dann, wenn wir uns aktiv mit den Problemen um uns herum auseinandersetzen.

Unsere Freikirchen helfen Menschen, die arbeitslos werden, psychisch krank sind oder als Migranten zu uns kommen. Bei Behinderten und chronisch Kranken sowie älteren Menschen sehe ich Nachholbedarf, denn das «Haus soll voll werden», wie Jesus es sagte.

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Datum: 16.08.2019
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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