Ganz persönlich

Wie Mutter und Tocher vor ISIS flohen – und lernten zu vergeben

Die Geschichte einer Familie auf der Flucht vor ISIS – und was ihnen als Christen Hoffnung gab, um zurückzukehren und ihre Stadt wiederaufzubauen.

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Flohen vor dem ISIS-Terror: Jandark (rechts) und ihre Tochter Joumana (links)
In der Nacht, in der ISIS in die Stadt Karakosch einfiel, betete Jandark das «Vater unser», immer und immer wieder. Es war dunkel, sie konnte nur zwei oder drei weitere Häuser im Stadtteil erkennen. Alle anderen Gebäude waren dunkel und leer durch die vielen Christen, die bereits vor ISIS geflohen waren.

Das Gebet bekam eine ganz neue Bedeutung für sie: Während sie bat, dass Gottes Reich komme, wusste sie, dass ihre Stadt in Händen der Terroristen lag, die Gottes Leute töten wollten. Und während sie betete, dass Gottes Wille geschehe, wusste sie, dass sie selbst die Zerstörung ihrer Stadt und ihres Hauses nicht verhindern konnte. Eine Stunde später sass sie im Bus auf der Flucht vor ISIS. Sie nahm nur ein paar Familienfotos mit sich, zurück blieben ihre persönlichen Dinge und ein grosses Holzkreuz an der Wand in der Hoffnung darauf, dass ISIS ihr Haus verschonen würde. «Jesus, warum passiert uns das? Kannst du uns retten?», fragte sie immer wieder.

Drei Monate im Schock

In der kurdischen Stadt Akre traf Jandark ihre Tochter Joumana, die zuvor mit einer Tante geflohen war. Hier sollten sie zwei Jahre lang leben. «Die ersten drei Monate, in denen wir vertrieben waren, lebten wir in einer Kirche», erinnert sich Joumana. «Ich konnte nichts mehr fühlen. Ich weiss nicht, wie wir dort lebten, was wir assen oder wie wir die Zeit totschlugen – wir waren drei Monate lang im Schock.» Für Jandark war es schrecklich, dass sich alles so normal anfühlte. Weil alle vertriebenen Christen dasselbe erlebt hatten, war ihre Situation nicht aussergewöhnlich. Und das erschreckte sie.

Die Chemikerin Joumana fand bald eine Arbeit als Grundschullehrerin und sie zog mit ihrer Mutter in ein eigenes Haus. Auch christliche Organisationen vor Ort unterstützten sie in den zwei Jahren. Bis die Nachricht eintraf: Karakosch wurde befreit! Nach und nach kehrten die Christen im Irak zurück in ihre Heimat.

Zurück im Trauma

Doch die Rückkehr war traumatisierend. «Wie kann ich ausdrücken, was ich fühlte?», fragt sich Jandark heute. «Wir haben unsere Privatsphäre verloren. Ich machte einen Schritt zurück und fasste am ersten Tag nichts an – ich stand einfach eine halbe Stunde da und schaute auf mein Haus. Ich machte nichts und dachte nur, dass wir unsere Intimsphäre verloren hatten.» Die ISIS-Terroristen hatten im Haus gewütet, Möbel herumgeschoben, alles war voller Ratten… Die Kleider der Frauen waren in eine Ecke geworfen worden, alle elektronischen Geräte waren weg. «Ich sah ein beschädigtes Haus, Kleidung und Schmutz», erinnert sich Joumana. «Wir verbrachten eine Woche im Haus, bevor wir überhaupt fähig waren, alles zu organisieren und zu säubern.» Dann putzten sie, verbrannten die alten Kleider, strichen die Wände und mussten einiges reparieren. Und das Kreuz an der Wand? Es war noch da, aber in vier Teile zerbrochen. «Ich klebte die Teile wieder zusammen, es ist immer noch in meinem Haus», berichtet Jandark.

«Liebet eure Feinde»

Heute, ein Jahr später, haben sich beide wieder eingelebt. Joumana arbeitet wieder als Chemikerin und Jandark ist sehr oft in der Kirche. Was würden sie den Terroristen sagen, die ihnen so viel Leid angetan haben? Jandark zitiert nur Matthäus, Kapitel 5, Vers 44: «Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.» Und weiter: «Jesus hat uns gelehrt, dass wir niemanden hassen sollen. Weil wir Christen sind, leben wir optimistisch. Wir leben in Frieden und Liebe – Jesus ist Liebe!»

«Das schönste am Christentum ist die Menschlichkeit», erklärt auch Joumana. «Ich behandle eine Person nicht, als ob sie nur Muslim oder mein Feind ist – ich behandle sie wie einen Menschen, egal, wer er ist.»

Niemand kann die Kirche besiegen

ISIS wollte das Christentum im Irak auslöschen – doch mit der Hilfe des Heiligen Geistes sind viele der geflohenen Christen wieder zurückgekehrt und bauen nicht nur ihre Städte, sondern auch das Christentum im Irak wieder neu auf. So wie das Kreuz in ihrem Haus konnte auch das Christentum nicht ausgelöscht werden. Und so wie Jandark ihr Kreuz zusammenklebte, wird Gott auch die Christen im Irak heilen und innerlich wiederaufbauen. In Jandarks Worten: «Wer hat die Kirche erbaut? Das war Jesus. Und selbst die Macht der Hölle kann sie nicht besiegen.»

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Datum: 06.04.2019
Autor: Christopher Summers / Rebekka Schmidt
Quelle: Open Doors USA / Übersetzung und Bearbeitung: Livenet

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