Theologe Samuel Escobar

«Raus aus der Opferrolle und proaktiv werden»

Wie sollten evangelische Christen auf die aktuelle soziale und moralische Krise unserer Gesellschaft reagieren? Hat die Kirche sich in den vergangenen 40 Jahren verändert? Bedarf sie einer neuen Reformation? Der peruanische Theologe Samuel Escobar beschreibt, wie er die aktuelle Situation der evangelischen Kirche in Europa, insbesondere Spanien, wahrnimmt.

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Samuel Escobar
In Spanien sind die evangelischen Christen immer noch eine grosse Minderheit und werden von der Gesellschaft nicht nur positiv wahrgenommen. Dies widerspiegelt sich natürlich auch in den Medien. Auch im deutschsprachigen Raum Europas erleben christliche Gemeinschaften immer wieder, dass sie von Medien als Sekten oder Radikale dargestellt werden. Was können evangelische Christen dagegen tun?

Hierzu äusserte sich der bekannte Theologe Samuel Escobar in einem Interview mit dem Internetportal der Spanischen Evangelischen Allianz, Protestante Digital.

Als reife Minderheit leben 

Wichtige Schwerpunkte: Man müsse lernen, das Gemeindeleben in Worte zu fassen, welche ein nicht-evangelischer Leser oder Zuschauer verstehen könne und kirchliche Aktivitäten hervorheben, die auch Nichtchristen interessieren, erklärte der gebürtige Peruaner. Und «man muss Beziehungen zu den Journalisten aufbauen. Das ist eine Kunst, die Zeit und Energie braucht. Dann muss man darauf bestehen, dass Stereotypen korrigiert werden, welche die Journalisten über die Minderheiten haben, dass sie beispielsweise «Evangelistisch» statt «Evangelikal» schreiben.» Es gebe auch, gerade in Spanien, immer wieder Situationen, in denen die Religionsfreiheit angegriffen würde. Hier müsse man aufmerksam sein. Auf der anderen Seite sollten  evangelische Christen es allerdings auch «vermeiden, in eine 'Opferrolle' zu fallen. Der spanische Protestantismus muss lernen, als reife Minderheit zu leben.»

Kleine Taten, aus denen Grosses wächst

Auch die soziale und ethische Krise unserer Gesellschaften war Thema des Interviews. Hierbei weist Escobar darauf hin, dass man die moralischen und ethischen Wurzeln der Krise im Blick haben müsse und nicht nur die Folgen, die daraus entstünden. «Die leidenschaftliche Befürwortung der Abtreibung durch bestimmte Gruppen der Gesellschaft beispielsweise enthüllt meiner Meinung nach den moralischen Rückgang im Verständnis der menschlichen Sexualität.» Hier müsse man eine spezifische evangelische Perspektive entwickeln.

Doch es gehe nicht nur darum, lautstark zu protestieren oder seine Solidarität zu zeigen. Vielmehr sollten sich die evangelischen Kirchen daran erinnern, welchen Wert die kleinen täglichen Taten der Solidarität haben. Diese könnten mit der Zeit dazu führen, dass ganze Institutionen oder Mechanismen entstehen, die globalere Lösungen für die sozialen Probleme suchen. «Wenn wir beispielsweise an die Arbeitsverhältnisse denken, wissen nur wenige, dass die Internationale Arbeitsorganisation ursprünglich vom reformierten Schweizer Industriellen Daniel Legrand (1783-1859) ins Leben gerufen wurde, der zu Beginn des industriellen Kapitalismus bereits die Notwendigkeit sah, dass Arbeiter und Arbeitgeber über die Gerechtigkeit ihrer Beziehungen ins Gespräch kommen müssen.»

Veränderungen durch die Lausanner Bewegung?

Eine Veränderung, die Escobar seit Beginn der Lausanner Bewegung feststellt, ist die Art, wie Gemeinden evangelisieren: «Heute versucht man, einen Evangelisationsstil anzuwenden, der näher am Beispiel der Bibel und am Vorbild von Christus orientiert ist und nicht mehr so stark an Verkaufstechniken oder religiöser Manipulation.» Doch man müsse aufpassen, diese Veränderung ohne Weiteres der Lausanner Bewegung zuzuschreiben. So seien in den letzten Jahren viele Institutionen entstanden, die das Potential der sozialen Hilfe von evangelischen Gemeinden kanalisieren; ebenfalls arbeiteten viele Institutionen enger zusammen, wie beispielsweise in der Micha-Initiative.

Grundsätzlich wünscht sich Samuel Escobar, dass die evangelischen Kirchen wieder ein neues Verständnis über die Grundsätze der Reformation des 16. Jahrhunderts und die sogenannten geistlichen Erweckungen des 18. und 19. Jahrhunderts erhalten. «Dies könnte im Kontext unserer Gesellschaften zu einer neuen Reformation führen. Oder besser noch, es könnte uns auf kreative Weise zurück zur biblischen Quelle bringen, die in sich ein einzigartiges Reformationspotential birgt.»

Zur Person:

Samuel Escobar ist einer der führenden lateinamerikanischen Theologen. Der gebürtige Peruaner ist unter anderem emeritierter Professor für Missionswissenschaften am Palmer Theological Seminary in Pennsylvania, USA, und Autor diverser Bücher. Escobar war einer der Hauptredner am Internationalen Kongress für Weltevangelisation 1974 in Lausanne und einer der führenden Theologen der Lausanner Bewegung.

Zur Webseite:
Lausanner Bewegung
Micha-Initiative Deutschland

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Datum: 03.05.2015
Autor: Rebekka Schmidt
Quelle: Livenet / ProtestanteDigital

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