Kommentar

Freikirchler in der Schule stark übervertreten?

An den Pädagogischen Hochschulen sind Freikirchler «stark übervertreten». Das behauptet der Sektenspezialist Hugo Stamm. Fromme Studenten hofften, «dass der Samen im freikirchlichen Sinn aufgeht».

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Andrea Vonlanthen
Warum sich ausgerechnet der Sektenspezialist Hugo Stamm mit den frommen Studierenden an den Pädagogischen Hochschulen (PH) beschäftigt und warum er es gerade jetzt tut, bleibe dahingestellt. In der Ausgabe des «Tages-Anzeiger» vom letzten Montag beschäftigt ihn jedenfalls die Frage: «Unterwandern Evangelikale die Volksschule?» Stamm erinnert an Protestaktionen an der PH Zürich vor zwei Jahren. 10 bis 30 Prozent der angehenden Lehrer seien freikirchlich organisiert, hiess es damals. Die «Fundis» würden beim Sexualunterricht aus Protest die Vorlesung verlassen, sich weigern, die Evolutionstheorie zu akzeptieren, und sich abschotten. Befürchtet wurde auch, «dass sich die strenggläubigen angehenden Lehrer später nicht religiös neutral verhalten und die Schule als Missionsfeld missbrauchen werden». Deshalb seien sie für den Lehrerberuf nicht geeignet.

«Überdurchschnittlich viele»

Unter dem Titel «Starke Übervertretung» erinnert Hugo Stamm daran, dass die Anhänger von Freikirchen nur rund 3 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Die kürzlich veröffentlichte Nationalfonds-Studie «Beruf oder Berufung?» belege nun, dass an der PH Bern 15 Prozent der Studierenden zum freikirchlichen Umfeld gehören und eine «absolute Glaubensgewissheit» vertreten. («idea Spektrum» berichtete in Nr. 33 darüber.) Am christlich orientierten Institut NMS, das der PH Bern angeschlossen ist, sind es gar 34 Prozent. Somit ist laut Stamm auch die Schätzung des Zürcher PH-Rektors Walter Bircher von 15 Prozent frommen Absolventen «recht präzis». Die Beobachtungen der Zürcher Studierenden seien also nicht aus der Luft gegriffen: «Überdurchschnittlich viele Anhänger von Freikirchen drängen in den Lehrerberuf.»

Göttliche Bestimmung

Laut der Studie gibt es zwei Gruppen von frommen Studenten: Zuerst jene, die in einer freikirchlichen Familie aufgewachsen sind, und dann jene, bei denen es sich laut Stamm «im weitesten Sinn um Konvertiten» handelt. Sie sollen in der Mittelschule missioniert worden sein, vor allem von Event-Kirchen wie dem ICF. Stamm erklärt: «Diese Neubekehrten fassen den Lehrerberuf laut Studie als Berufung auf und fühlen sich von Gott auserwählt, in der Welt christlichen Sinn zu stiften. Sie mischen sich ein, suchen die Diskussion und provozieren. Für sie hat der Glaube Lifestyle-Charakter.» Für den Sektenspezialisten ist klar: «Da viele Gläubige aus Freikirchen eine göttliche Bestimmung spüren, drängt es sie in den Lehrerberuf: In der Schule können sie ihre christliche Überzeugung den Kindern vorleben und hoffen, dass der Samen im freikirchlichen Sinn aufgeht.» Dabei sei ihnen aber bewusst, dass sie in der Schule nicht aktiv oder offensiv missionieren dürften.

Wie beurteilt ein frommer Dozent an der PH Bern die Situation? Stamm zitiert dazu das Interview in der Ausgabe Nr. 33 von «idea Spektrum»: «Beat Spirgi empfindet den Vorwurf der Unterwanderung der Schule durch Fromme als bösartig und diskriminierend. Es sei vielmehr erfreulich, 'wenn junge Christen mit einer persönlichen Beziehung zu Gott den Mut haben, an einer PH zu studieren'.» Spirgi gebe aber auch zu, hält Stamm abschliessend fest, «dass die Frommen manchmal undifferenziert denken oder sich wissenschaftlichen Reflexionen verweigern würden».

Unterwandern Evangelikale die Volksschule? Hugo Stamm will die Antwort offensichtlich seinen Lesern überlassen. Immerhin.

Der Autor Andrea Vonlanthen ist Chefredaktor bei «Idea Spektrum Schweiz».

Webseiten:
Pädagogische Hochschule Zürich
Pädagogische Hochschule Bern

Datum: 23.10.2011
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: ideaschweiz

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