Heucheln – aber bitte echt!

Was ein religiöser Heuchler treibt und anrichtet, hat Molière mit seinem ‚Tartuffe‘ unübertrefflich dargestellt. Die aktuelle Inszenierung am Schauspielhaus Zürich unterhält auf hohem Niveau – und stellt die Frage nach dem Nutzen von Heuchelei heute.

Der wohlhabende, reichlich naive Hausvater Orgon ist seinem Dauergast Tartuffe verfallen; das fromme Mäntelchen ums Schmarotzertum durchschaut er nicht. Der Regisseur Matthias Hartmann macht Tartuffe zum Drittelguru mit indischem Baumwohllhemd. Yoga-Übungen sollen Orgon in der Midlife Crisis innere Ruhe vermitteln, angesichts der Partylaunen seiner verwöhnten Sprösslinge und des Sarkasmus seiner tabletten- und sektverliebten Gattin Elmire, die im Seidenpyjama durch den Silbersalon wankt.

Wenn Naivität an der Realität zerschellt

Gesunden Menschenverstand und Entschlusskraft beweist einzig die schwangere Hausangestellte Dorine. Sie will nicht zusehen, wenn Orgon sein Töchterchen, verliebt in einen (überzeichneten) Hiphopper, dem Heuchler zur Frau gibt. Als wäre dies Vorhaben nicht skandalös genug, überschreibt der Vater, von Tilo Nest tragikomisch-mitleiderregend gespielt, dem Schleimer sein Haus und ganzes Vermögen. Orgons Verblendung kippt in bodenlose Verzweiflung, als Elmire ihn unter dem Tischtuch die lüsternen Annäherungsversuche des Tugendwächters verfolgen lässt. Nun ist alles verloren, der Gerichtsvollzieher tritt auf – allein der Deus ex machina kann es wieder ins Lot bringen. (Der helvetische Retter-Gag, den Hartmann zum Ende des Blocherjahres 2007 ersonnen hat, sei hier nicht verraten.)

Heuchelei – Schattenseite einer gottesfürchtigen Epoche?

Bitterernst war es dem Dichter mit seiner Komödie, in der er gegen einflussreiche devote Kreise (1) anschrieb. Denn mit Frömmigkeit, echt oder vorgestellt, war im 17. Jahrhundert viel zu gewinnen. Jene, die der Autor treffen wollte, reagierten prompt: Nach der Aufführung der ersten Fassung 1664 wurde ‚Tartuffe‘ verboten. Molière nahm dem Stück die Spitzen, machte aus dem Geistlichen einen weltlichen Schmarotzer. Fünf Jahre kämpfte er um die endgültige Freigabe durch den Sonnenkönig.

Dabei hatte der Autor, wie er seiner Majestät nach der Uraufführung schrieb, alle Vorsicht walten lassen: „Um die Wertschätzung und die Achtung, die wir den wahrhaft Frommen schulden, besser zu wahren, habe ich den Charakter, von dem ich handeln wollte, so gut es mir möglich war von ihnen abgegrenzt. Ich habe keinerlei Zweideutigkeit belassen, ich habe alles gestrichen, was Gut und Böse hätten verwechseln lassen können, und habe bei dieser Darstellung nur deutliche Farben und markante Linien verwendet, die sogleich den echten und unverfrorenen Heuchler erkennbar machen.“

‚Weil ich es mir wert bin‘

Wahre Frömmigkeit gegen frommes Getue: Am Anfang der Geschichte des Christentums schrieb Paulus an Timotheus, dass es um Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben geht (2). Achtzig Generationen später, ein Dritteljahrtausend nach den Versailler Hofintrigen, auf die sich Molière bezog, gibt es die Instanz Kirche, die ‚wahrhaft fromm‘ definierte, nicht mehr. Säkularisierung, Kriege und Migrationen haben die Völker Europas verunsichert; die Unterscheidung von echter und falscher Frömmigkeit fällt schwerer.

Verführt heute die Sehnsucht nach religiösem Erleben zu einem Spiel, das man – bewusst oder unbewusst – mitspielt, weil man in guter Gesellschaft jemand sein will? Wann kippt Event-bezogene Spiritualität in Selbstverliebtheit à la ‚Weil ich es mir wert bin‘? Molière, heute in Szene gesetzt, macht den Wandel seit dem 17. Jahrhundert bewusst, die Ichbezogenheit, die unsere Kultur atmet.

…und bei fremden Religionen?

Das Zürcher Tartuffe-Programmheft hinterfragt die medial aufgebauschte „Wiederkehr der Religion“ in unseren Breiten (3) und zeigt zugleich Betende aus aller Welt. Was ist nun bei ausländischen Angehörigen fremder Religionen achtbare Religiosität, authentische Ehrfurcht vor dem Göttlichen – und was berechnende und selbstgefällige Frömmelei? Wer wagt es, über fremde Prediger – sofern sie nicht Intoleranz und Gewalt predigen – den Stab zu brechen? Bei Einheimischen, die man vielleicht von früher kennt und die nun in exotischen und esoterischen Bewegungen abheben, drängt sich ein Urteil eher auf, doch der (auch kirchlich belobigte) Kult des Individualismus verbietet, es deutlich auszusprechen...

Adieu, Tartuffe?

Die Zürcher Aufführung regt an zu überlegen, ob die multireligiös sein wollende Gesellschaft nicht ganz einfach überfordert ist. Wie einfach wäre es, wenn bloss ‚echte und unverfrorene Heuchler‘ und offensichtlich selbsternannte ‚Sprachrohre Gottes‘ um Gefolgschaft, Hingabe und Häuser würben! Was ist dagegen zu halten von Harmonie- und Heilsbringern, den aus Übersee einfliegenden Geistheilerinen und Schamanen, deren zweifellos ‚überragende‘ spirituelle Fähigkeiten alle Fragen nach persönlicher Glaubwürdigkeit verbieten?

Grundsätzlich: Welche Masken zieht Heuchelei über, wenn es aus der Mode ist, dem Höchsten zu dienen? Dass mit dem Macht- und Bedeutungsverlust der Institution Kirche die Versuchung dahin wäre, Religiosität zu spielen, einen Draht zur letzten Wirklichkeit vorzugaukeln und Gutgläubigkeit auszubeuten, wird doch niemand glauben – Tartuffes orientalisches Baumwollhemd macht Sinn. Dazu kommen diverse Kulte der säkularen Gesellschaft, die mit gleichsam religiöser Inbrunst zelebriert werden und enorme Opfer heischen. Für Anlässe zu Heuchelei ist weiterhin gesorgt.

Tartuffe im Schauspielhaus Zürich: weitere Vorstellungen am 15./17.24./27. und 31. März
Buch über Molière und seine Zeit (französisch)

(1) La Compagnie du Saint-Sacrement
(2) Die Bibel, 1. Timotheusbrief, Kapitel 1, Vers 5
(3) Der Essay stammt von Herbert Schnädelbach

Bilder: Schauspielhaus Zürich, Copyright: Tanja Dorendorf

Datum: 28.02.2008
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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