«Ich bin dann mal weg»

Zehn Jahre Pilgerseelsorge in Santiago

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Das deutschsprachige Seelsorgeangebot in Santiago de Compostela besteht im Frühjahr zehn Jahre. Das Projekt entstand aus der Einschätzung, dass sich immer mehr Pilger auf den Weg in den nordspanischen Wallfahrtsort machen, aber bei ihrer Ankunft kaum eine Möglichkeit hatten, über Erfahrungen auf dem Jakobsweg zu sprechen.

Vor Ort gibt es inzwischen die unterschiedlichsten seelsorglichen Angebote. Eines davon ist eine vom Bistum Rottenburg-Stuttgart und der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam getragene Stelle, die von ehrenamtlichem Engagement lebt: Jeweils rund zwei Wochen lang kümmern sich aus drei eigens geschulten Personen bestehende Teams um die eintreffenden Pilger. Zu jedem Team gehört ein Priester. Vor Ort präsent sind Seelsorger immer von Anfang Mai bis Mitte Oktober.

Das nicht öffentliche 10-Jahre-Jubiläum wird am Wochenende in Rottenburg gefeiert.

Pilgerboom dank Hape Kerkeling

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Buchcover Hape Kerkeling «Ich bin dann mal weg»
In Deutschland und der Schweiz hatte unter anderem der 2006 erschienene und 2015 verfilmte Erlebnisbericht des TV-Entertainers Hape Kerkeling «Ich bin dann mal weg» eine Renaissance des Pilgerns ausgelöst. Dieser riss seither nicht mehr ab, wie Josef Schönauer, der St. Galler Seelsorger und Betreiber der Website pilgern.ch, gegenüber kath.ch sagt.

«Wenn jemand ankommt, muss er ein Formular ausfüllen», erzählt Schönauer weiter: Name, Herkunft, wann und wo er gestartet ist, Beruf und Motivation werden erfragt. Wer nachweisen kann, dass er oder sie mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuss oder 200 Kilometer mit dem Velo zurückgelegt hat, bekommt eine Pilgerurkunde, «Compostela» genannt. Nachgewiesen wird dies anhand des Pilgerpasses.

Wer nicht aus religiösen, sondern beispielsweise aus kulturellen oder sportlichen Gründen pilgert, bekommt lediglich eine Distanzurkunde, berichtet Schönauer. Diese bestätigt, von wo aus die Person nach Santiago gelaufen ist. Dieses Dokument gebe es erst seit einigen Jahren. «Früher gab es traurige Gesichter, wenn sie nichts bekamen.»

«Ich sehe den Pilgern nicht an, ob sie katholisch oder evangelisch sind»

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Josef Schönauer
Josef Schönauer kam selber vor 30 Jahren das erste Mal in Santiago an, zusammen mit einer Gruppe Jugendlicher, deren Seelsorger er war. Wie oft er seither dort war – zum Beispiel als Führer von Pilgergruppen –, kann er auf Anhieb nicht sagen.

Er sieht den Pilgern nicht direkt an, aus welchen Motiven sie pilgern, sagt er gegenüber kath.ch. «So wenig, wie ich sehe, ob sie evangelisch oder katholisch sind», ergänzt er lachend. «Wenn jemand in Velokleidung und mit dem Helm auf dem Kopf hereinkommt, erwarte ich eher sportliche als religiöse Motive, aber mit Sicherheit weiss man das nie.»

Einfachheit, Ursprünglichkeit und Entschleunigung

Die Gründe für den Pilger-Boom sieht er unter anderem in einem Bedürfnis unserer Zeit. In einer komplexen Welt hätten viele eine Sehnsucht nach Einfachheit, Ursprünglichkeit und Entschleunigung. Für viele Menschen sei das Pilgern auf dem Jakobsweg aber auch eine Möglichkeit, über ihr Leben nachzudenken und sich darüber mit anderen auszutauschen.

Nebst Büchern und Filmen haben denn auch persönliche Erfahrungen von Jakobspilgern seiner Meinung nach den grössten Einfluss auf potenzielle Nachfolger. Schönauer erzählt das Beispiel eines Maurers, der nach Santiago gelaufen ist. «Er hatte eine Jakobskapelle in Appenzell renoviert. Bei der Einweihung habe der Pfarrer von seinen Erfahrungen auf dem Jakobsweg erzählt. Da wusste der Maurer: Das mache ich auch!»

Hinweis: Auszüge dieses Texts stammen aus einer Serie zum Jakobsweg auf kath.ch.

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Datum: 30.01.2019
Autor: kna / Sylvia Stam
Quelle: kath.ch

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