Livenet-Talk: Kirche und Sex

«Die 'Warte-Botschaft' hält junge Paare nicht vom Sex ab»

Die Sexologin Veronika Schmidt aus Schaffhausen und Thomas Eggenberg, Pastor der Bewegung Plus in Bern sprechen offen über Sex, Selbstbefriedigung und Scham. Hintergrund ist das neue Buch «Unverschämt biblisch – Impulse für einen bejahenden Umgang mit Sexualität
Livenet-Talk «Sind wir zu verklemmt?»
Veronika Schmidt
Thomas Eggenberg

» (siehe Talk vom 12. November 2020).Seit 20 Jahren führt Veronika Schmidt als systemische Beraterin und klinische Sexologin eine eigene Praxis in Schaffhausen. Auf ihrem Blog liebesbegehren.ch plädiert die Autorin mehrerer Bücher für Aufklärung und Selbstverantwortung in Sachen Sexualität. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund – und in Kauf, konservative Kreise vor den Kopf zu stossen. Talk-Partner Thomas Eggenberg, Theologe und Pastor der Bewegung Plus in Bern, sprach ebenfalls Klartext, wenn auch verhaltener.

Grenzen sind wichtig

«Es geht in der Sexualität ums Entdecken, es gibt fast keine Grenzen mehr, Hauptsache man hat den Bezug zum Körper.» So hatte Florian Wüthrich im Talk zum Buch die Message von Veronika Schmidt interpretiert und zusammengefasst. Dies korrigierte die Sexologin nun: «Mich stört die Aussage 'Es gibt fast keine Grenzen'. Meine ganze Arbeit der letzten Jahre möchte ich nicht so verstanden haben. Im Gegenteil, es ist sehr wichtig Grenzen zu setzen. Der Mensch braucht Schutz, auch in der Sexualität. Aber Menschen müssen lernen, sich diese Grenzen selbst zu setzen, ich sehe es nicht als Aufgabe der Gemeinden.»

Von anregend bis kritisch

Angesprochen auf das Buch lobte Schmidt den Beitrag von Martin Bühlmann. Er präsentiere darin ein Sexualkonzept, das auf einer wertschätzenden, differenzierten und positiven Haltung basiere. Nebst weiteren positiven Passagen und Aussagen von Paaren, beinhalte es aber auch einige kritische Kapitel. Später kritisierte sie den starken Grundtenor und Fokus auf das Thema «Wahre Liebe wartet». Thomas Eggenberg bezeichnete das Buch als mutig und anregend. Er teile das Grundanliegen der Autoren, Orientierung zu vermitteln, um eine erfüllte befriedigende Sexualität zu leben. Dazu vermittle das Buch gute Anstösse, wenn er auch die eine oder andere Aussage anders bewerten oder biblisch ergänzen würde. «Gottes Gebote setzen uns Grenzen. Es geht um die Frage, wie wir uns innerhalb dieses Spielraums auf gesunde Weise entwickeln können», sagte er.  

Wissen führt zu Verantwortung

Auf die Frage nach der idealen Gemeindeordnung, erklärte Veronika Schmidt, jede Gemeinschaft habe und brauche ihre Regeln. Allerdings zweifle sie sehr daran, dass es legitim und überhaupt möglich sei, christliche, verbindliche «Vereinsstatuten» zu formulieren. «Viel notwendiger ist es, jungen Menschen im Bereich Sexualität Wissen zu vermitteln. Wie im Buch erwähnt, erachte ich es als sinnvoll, in der Gemeinde Sex regelmässig zum Thema zu machen. Aber dann sollte wirklich über Sex geredet werden und nicht über dessen Vermeidung. Die 'Warte-Botschaft' hält junge Paare nicht davon ab, sexuell aktiv zu werden», bekräftigte Schmidt. Untersuchungen besagten, je mehr junge Menschen über Sexualität wüssten, desto später hätten sie zum ersten Mal Sex. Mit dem Wissen einher gehe die Reflektion über wichtige Fragen wie «Tut es mir, tut es dem anderen gut?», «An welchem Punkt stehen wir?», «Können wir füreinander und allenfalls für ein Kind Verantwortung übernehmen?» Thomas Eggenberg erlebe, dass auch Konkubinats-Paare eine dauerhafte Partnerschaft anstrebten und sich dieser Verantwortung durchaus bewusst seien. Allerdings frage er sich, was sie daran hindere, den nächsten Schritt zu gehen und zu heiraten. Denn, so Eggenberg weiter: «Meine tiefste, wenn auch im heutigen gesellschaftlichen Kontext sehr konservative Überzeugung ist, dass Sexualität und die Ehe als dauerhafte, ausschliessliche Beziehung, eng zusammengehören.»

Junge Menschen nicht sich selbst überlassen

«Es ist nicht mein Anliegen, Sex vor der Ehe zu propagieren», nahm Veronika Schmidt den Faden auf. Das Problem ist, dass wir die Jungen was eine gesunde sexuelle Entwicklung anbelangt von der Pubertät bis ins Ehebett sich selbst überlassen. Dies schliesse sie aus ihrer Beratertätigkeit. Es sei erschreckend, wie viele junge christliche Paare keinen Sex hätten, sie seien frustriert und wüssten nicht, wie sie ihn lustvoll erleben könnten. «Das geht sogar so weit, dass manche enttäuscht sind von Gott, weil sie sich bewusst bis zur Ehe füreinander aufgehoben haben», gab Schmidt zu bedenken.

Selbstbefriedigung und Fruchtbarkeit

Bei der Definition von Sex wurde es spannend. Veronika Schmidt versteht darunter, das gegenseitige Erregen bis zum Orgasmus. So gesehen hätten sehr viele Paare bereits Sex gehabt – mit oder ohne Warte-Absichten. Damit war das Thema Selbstbefriedigung nicht weit. «Selbstbefriedigung ist der sexuelle Entwicklungslernweg von Menschen. Wir kommen mit verschiedenen Reflexen zur Welt, die uns ermöglichen, zu lernen. Dazu gehört der Erregungsreflex. Leider verknüpfen wir ihn mit Sexualität und halten Kinder so davon ab, sich schöne Gefühle zu verschaffen und ihren Körper kennenzulernen. Aufgrund dieser Verbote haben viele Menschen, vor allem Frauen, keinerlei Bezug zu ihrem Körper, zu sexueller Erregung.» Thomas Eggenberg erläuterte den mit dem Orgasmus einhergehenden Samenerguss. Dieser stände für ihn auch klar im Zusammenhang mit der Weitergabe von Leben. Er verbinde ihn mit Ehrfurcht vor Gott und seiner Schöpfung. Eggenberg zitierte seinen Theologieprofessor: «Ein Orgasmus ist die Anteilnahme an der Schöpfungslust Gottes.» Sex und Fruchtbarkeit seien nicht gleich zu gewichten, sagte Veronika Schmidt: «Sexualität hat einen Zweck in und an sich und nicht nur in der Fruchtbarkeit. Da denke ich auch an die die vielen kinderlosen Singles und Paare – jedes 5. ist davon betroffen – die ihre Sexualität in Frage stellen, weil sie nicht fruchtbar ist.» Erektionsprobleme, die verunmöglichten, auf natürlichem Wege zeugungsfähig zu sein, würden ebenso zu Enttäuschung und damit zu Beschämung führen.

Scham und Tabuisierung

«In der Vergangenheit gab es in der Tat eine leibfeindliche Einstellung. Sexualität wurde negativ bewertet und mit Sünde verbunden – erst recht in der Tradition von Freikirchen. Darüber müssen wir sprechen», sagte Thomas Eggenberg. Dies sei auch das Anliegen der Autoren von «Unverschämt biblisch…», Sexualität positiv und bejahend zu vermitteln. Sexualität sei etwas sehr Persönliches und Intimes. Von ihrer Funktionalität und vom Erleben her, lasse sie sich gar nicht mit Worten beschreiben. Allerdings dürfe man sich auch nicht hemmen lassen und das Thema gar nicht mehr ansprechen. Veronika Schmidt griff die Problematik der «Regeln» in Gemeinden und der damit verbundenen Einteilung in 'richtig und falsch' auf: «Jeder, der diesen Regeln nicht entsprechen kann, wird beschämt. Tabuisierung löst Scham aus. Was wir nicht benennen, wird mit Scham besetzt. Ich glaube, in der Kirche gibt es viele solcher ausgesprochenen und unausgesprochenen Beschämungen, die dazu führen, dass Menschen sich schlecht fühlen und sie glauben lassen, sie seien nicht in Ordnung, so wie sie sind. Ich erhoffe mir, dass sich junge Menschen Kompetenzen aneignen, die sie befähigen, eigene Schlüsse zu ziehen. Dieses Zutrauen in sich selbst, gute Entscheidungen zu treffen, schützt sie auch davor, sich von Meinungen in bestimmte Richtungen manipulieren zu lassen.»  

Websites von Veronika Schmidt: liebesbegehren.ch, veronikaschmidt.ch

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Datum: 03.12.2020
Autor: Manuela Herzog
Quelle: Livenet

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