Neuer DFB-Torwarttrainer

«Mein Glaube hilft mir bei Misserfolgen»

Diesen Juni ist Andreas Kronenberg als Torwarttrainer vom SC Freiburg zur deutschen Nationalmannschaft gewechselt. Der überzeugte Christ hat mit PRO über den Wert von Krisen und Erfolgen gesprochen und seine Lieblingsstelle in der Bibel verraten.
Andreas Kronenberg (Bild: Deutscher Fussball-Bund)
Das Trainerteam des Deutschen Fussball-Bundes mit Hansi Flick in der Mitte und Andreas Kronenberg ganz rechts (Bild: Deutscher Fussball-Bund)

Ab wann hat der christliche Glaube in Ihrem Leben eine Rolle gespielt?
Andreas Kronenberg: Ich bin in einem katholisch geprägten Elternhaus aufgewachsen. Aber ich hatte keine innige Beziehung zum Glauben. Das kam erst mit Anfang 20, als ich als Fussball-Profi kurzfristig arbeitslos wurde. Diese Krise hat mich ins Nachdenken gebracht und ich bin zum Glauben gekommen.

Was war ausschlaggebend?
Wenn du im Leistungssport arbeitslos wirst, stellst du dir schon ein paar existenzielle Fragen. Natürlich gab es auch wichtige Menschen, mit denen ich über das Thema geredet habe. Entscheidend war für mich aber die Antwort auf die Frage: Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?

Welche Antwort haben Sie gefunden?
Jesus hat die Antwort gegeben. Bei seinem Tod am Kreuz blieb ihm nichts mehr. Die Auferstehung drei Tage später lässt die christliche Hoffnung erst richtig lebendig werden. Allerdings ist das für viele Menschen eine Torheit, da eine Auferstehung wissenschaftlich unmöglich ist. Als Christen leben wir in diesem Zwiespalt und stossen damit auch auf Unverständnis. Letztlich ist es ausschliesslich Gott, der jedem von uns persönlich begegnet und diesen unglaublichen Glauben in uns wecken kann.

Die damalige Zeit war für mich von Unsicherheiten geprägt und bis heute werden vermeintliche Sicherheiten über Bord geworfen. Damals war für mich alles vorbei. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe mich mit den Inhalten der Bibel beschäftigt. Es gab kein bestimmtes Ereignis, sondern es war ein Prozess. Bei Rot-Weiss Erfurt habe ich vor allem meinen Trainer René Müller als grossen Segen empfunden, mit dem ich über diese Fragen reden konnte.

Welche Rolle spielt der Glaube im Alltag und auf dem Sportplatz am Sonntag?
Beim Sport ist es manchmal besser, wenn die Leute nicht wissen, dass ich gläubig bin. Ich möchte das Spiel gewinnen. Da sind manche Verhaltensweisen nicht so optimal (schmunzelt). Ich glaube, am Ende musst du du selbst bleiben. Bevor Paulus erblindet ist, war er sehr kämpferisch – und das war er auch danach als Prediger. Ich bin sonntags kein anderer Mensch als werktags. Trotzdem prägt der Glaube natürlich den Alltag, erdet dich und gibt dir einen gewissen Halt.

Können Sie sonntags in den Gottesdienst gehen?
Weil wir sonntags trainieren, kann ich die Gottesdienste oft nicht besuchen. Durch Corona gibt es in unserer Gemeinde auch Online-Gottesdienste. Die schaue ich mir gerne an.

Sie haben drei Spiele in der U21-Nationalmannschaft der Schweiz gemacht. Warum hat es für die «grosse» Nationalmannschaft nicht gereicht?
Es gab einfach Grenzen. Ich habe in der Schweiz gespielt und bin als relativ junger Torhüter in die Dritte Liga nach Deutschland gewechselt. Nach meinem Wechsel in die Zweite Liga hatte ich kaum noch Spielanteile und Einsätze. Deswegen hat es auch für die Nationalmannschaft nicht gereicht.

Waren Sie neidisch auf die Profis, die den Durchbruch geschafft haben?
Definitiv nicht. Klar wollte ich als Profisportler das Maximum erreichen und gerne Nationalspieler werden. Aber es gab Grenzen. Neid war für mich nie ein Thema. Ganz im Gegenteil: Als ich nach dem dritten Kreuzbandriss aufhören musste, war das auch eine Erlösung. Ich wusste: Neben dem Fussball gibt es noch andere wichtige Sachen. Deswegen habe ich mich nie über meine Karriere definiert.

Als Jugendtrainer haben Sie viele Jugendliche begleitet, die ihren Durchbruch verpasst haben. Wie gehen Sie mit deren nicht erfüllten Hoffnungen um?
Im Nachwuchs-Leistungszentrum hoffen ganz viele auf eine Karriere als Profi-Fussballer. In der Realität schaffen aber vielleicht drei Prozent den Durchbruch. Als Trainer ist es nicht meine Aufgabe, sie von diesem Traum abzubringen. Trotzdem mache ich ihnen klar, dass es keine Niederlage ist, wenn der Durchbruch misslingt. Für sie ist die Enttäuschung riesig. Ich mache ihnen Mut, die Köpfe nicht hängen zu lassen. Oft werden aber auch im Umfeld der Jungs hohe Erwartungen geschürt. Deswegen ist die Begleitung in den Leistungszentren so eminent wichtig.

Als Torhüter wissen Sie, dass deren Fehler am ehesten über Sieg und Niederlage entscheiden. Wie wichtig ist die mentale Arbeit mit Ihren Schützlingen?
Sehr wichtig. Als Torwart bist du in einer exponierten Position. Du kannst dich nie verstecken. Wenn du einen Fehler machst, führt das häufig zu einem Gegentor und den entsprechenden Schlagzeilen. Wir versuchen in den Gesprächen die Extreme auf ein Normalmass zu bringen: sowohl bei positivem als auch bei negativem Medienecho. Da ist eine gesunde Balance sehr wichtig. Ein offenes Ohr hilft den Torhütern dabei enorm.

Sie sind also auch fernab des Trainingsplatzes ein wichtiger Gesprächspartner?
Ob ich ein wichtiger Gesprächspartner bin, weiss ich nicht. Manchmal ergibt sich das einfach. Egal ob auf oder fernab des Trainingsplatzes. Auf dem Platz merkst du, wann eine sportliche Pause sinnvoll ist, um bestimmte Dinge zu besprechen. Oder im Trainerbüro, wenn wir Spiele gemeinsam analysieren. Letztlich geht es um Kommunikation und ein Gefühl für die Situation der Torhüter. Sie sollen wissen, dass die Tür bei Bedarf offen steht.

Sie haben in Freiburg viele erfolgreiche Torhüter wie Roman Bürki, Oliver Baumann, Alexander Schwolow und Mark Flekken entwickelt. Macht Sie das stolz?
Das Wort finde ich unpassend. Ich bin froh, dass es in Freiburg die ganzen Jahre so gut gelaufen ist und wir keine Torwartprobleme hatten. In einem grossen Verein ist der Torwarttrainer nur ein kleiner Bestandteil in den Entwicklungsprozessen. An erster Stelle stehen aber die Torhüter und die haben es aufgrund ihrer Qualität geschafft.

Welche Rolle spielt sportlicher Erfolg für Ihr Leben?
Das kommt auf die Definition an. Mit Freiburg haben wir jedes Jahr versucht, den Klassen­erhalt zu erreichen und den Verein weiterzuentwickeln. Dass ich die sportliche Entwicklung des Vereins so lange begleiten durfte, macht mich zufrieden in meinem Beruf. Bei vielen Vereinen müssen kurzfristige Erfolge her. Es ist gut, wenn die Vereinsführung Dinge realistisch einschätzen und die Arbeit des Trainerteams bewerten kann. Das ist hier der Fall.

Was macht aus Ihrer Sicht ein sportliches Vorbild aus?
Im Leistungssport sind Beharrlichkeit und Wille wichtig. Ich muss an einem Ziel dranbleiben, immer wieder aufstehen und sämtlichen Widerständen trotzen. So wichtig Talent ist, letztlich ist es nur eine Grundvoraussetzung, um darauf etwas aufzubauen.

Gibt es aus Ihrer Sicht christliche Werte, die für den Fussball wichtig sind?
Ich habe immer Probleme mit dieser Verknüpfung. Ich glaube, die sind nicht mehr oder weniger wichtig als anderswo. Natürlich schauen jüngere Menschen auf Sportler im Rampenlicht. Aber das sind auch nur Menschen. Das sollte man akzeptieren und nicht immer alles so überhöhen. Das wäre gut für alle.

Wer ist für Sie der wichtigste Ansprechpartner nach Misserfolgen?
Der Rückzug in die Stille und das Gebet. Wenn ich als Spitzensportler meine Leistung nicht mehr bringen kann, weil ich verletzt bin oder weil mein Zenit überschritten ist, wird es schwierig. Wir haben einen Gott, der selbst Mensch wurde und somit unsere Gefühlswelt nach Misserfolgen bestens kennt. Da erscheint es mir logisch, ihn als Ansprechpartner zu wählen.

Was bewundern Sie an Jesus?
Dass er die Gemeinschaft mit dem Vater aufgegeben hat, um Mensch zu werden. Er hat gefühlt, gelitten und sich gefreut wie wir Menschen, um am Ende für uns zu sterben. Es gibt nichts, was du mehr tun kannst, als für jemanden zu sterben. Ich ducke mich oft schon weg, wenn es darum geht, meinen Glauben zu bekennen. Als die Römer Jesus abgeholt haben, wusste er, was ihn erwartet. Er hat sich nicht weggeduckt.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte in der Bibel?
Petrus beteuert Jesus, selbst bis in den Tod zu ihm zu halten. Dann erlebt er sich als Versager. Der «Felsenmann» lernt seine Grenzen kennen. Er erfährt, dass die eigene Absicht, obwohl sie gut gemeint und bis ins Letzte fromm ist, gänzlich auseinanderfallen kann. Mir führt diese Bibelstelle vor Augen, wie bedingungslos uns Jesus Christus liebt. Unsere menschlichen Schwächen sind für ihn kein Hinderungsgrund, uns in seine Nachfolge zu rufen.

Ist der Job beim DFB die Krönung Ihrer Karriere?
Mir ging es nie um sportliche Spitzenpositionen. Ich wollte auch nicht unbedingt in den Profibereich. In Freiburg sind wir ein Ausbildungsverein. Dementsprechend sieht dort der Alltag mit allen Beteiligten aus. Es freut mich, dass die DFB-Verantwortlichen mich angefragt haben. Ich freue mich riesig auf die Aufgabe und die Menschen, mit denen ich viel bewegen kann. Das spornt mich mehr an als ein nächster Schritt auf einer vermeintlichen Karriereleiter.

Andreas Kronenberg, geboren 1974 in Basel, ist Torwarttrainer beim Deutschen Fussball-Bund und Nachfolger von Andreas Köpke. Als solcher bereitet er die Torhüter unter anderem auf die Weltmeisterschaft in Katar in diesem Jahr vor. Vergangene Saison hatte er das Amt sowohl beim DFB als auch beim SC Freiburg, bei dem er seit 2011 tätig war, inne. Kronenberg war früher selbst Profi-Fussballer.

Dieser Artikel erschien zuerst bei PRO Medienmagazin.

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Datum: 27.06.2022
Autor: Johannes Blöcher-Weil
Quelle: PRO Medienmagazin

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