Beatrice Scherrer

Unerwünscht – und doch geliebt!

Eine Karte mit einem lebenslustigen Strichmännchen prangt am Kühlschrank, umrahmt von den Worten: «Sei stolz darauf, dass du so bist, wie du bist.» Beatrice Scherrer hat ihre Nase noch nie hochgetragen. Im Gegenteil: Unsägliches Leid und Selbsthass prägten ihr Leben. Heute eine fürsorgliche Mutter, erzählt die 40-Jährige, wie sie wahrhaftige Liebe fand.

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Beatrice Scherer
Unter erschwerten Umständen und einen Monat zu früh, kam ich in Zürich zur Welt. Meine Mutter war 17 und ohne Vater aufgewachsen. Als Dienstmädchen einer betuchten Dame wohnte sie bei meiner damals 40-jährigen Grossmutter. Dass ich lebe, ist ein Wunder. Die Beziehung zwischen meinem Erzeuger und meiner Mutter war rasch auseinandergebrochen. Mit mir im Bauch, hatte sie nach Italien reisen müssen, um die Schwangerschaft abzubrechen. Mitunter wegen ihres zarten Alters, war es dann doch nicht so weit gekommen, und ich durfte leben.

Kindheit als Kampf

Ich war zwei, als meine Mutter wieder heiratete. Niemand hatte Zeit für mich. Meist spielte ich ganz alleine in meinem Zimmer. Nachts quälten mich Alpträume, und keiner kam, um mich zu trösten. Als ich vier Jahre alt war, wurde mein Stiefbruder geboren – der absolute Wunsch- und Lieblingssohn. Ich fühlte mich derart ungeliebt und abgelehnt, dass ich mich im Spiel manchmal selbst verletzte. Doch auch diese Wunden blieben unbemerkt. Körperlich und seelisch misshandelt, zog ich mit 16 von zuhause aus.

Zwischen Leben und Tod    

Mit meinem damaligen Freund teilte ich mir eine kleine Wohnung und begann eine Lehre, auf die diverse Weiterbildungen folgten. Nach sechs Jahren heirateten wir. Doch die Ehe zerbrach noch im selben Jahr. Ich war 24, frisch geschieden, todunglücklich und wieder auf mich alleine gestellt. Lechzend nach Liebe, liess ich mich auf diverse Abenteuer ein – unter anderem mit einem 20 Jahre älteren Mann. Ich wurde schwanger. Ein Baby im Bauch – ohne Mann und Zukunft – diese Situation kam mir irgendwie bekannt vor …

Das Kind unter solchen Umständen auszutragen, schloss ich aus. Aber den Entscheid für oder gegen dieses Leben konnte und wollte ich auch nicht fällen. Die einzige Lösung schien mir, mein eigenes Leben auszulöschen. Eine heftige innere und äussere Unruhe hinderte mich jedoch daran. Die Abtreibung überlebte ich nur knapp. Kein Wunder – ohne Lebenswillen!

Ein Hoffnungsschimmer

Bei einem Psychotherapeuten weinte und leerte ich mich aus, kam aber keinen Millimeter weiter. Erst als mir ein Arbeitskollege – mein heutiger Ehemann – eines Tages von Gott erzählte, schöpfte ich Hoffnung. Urs verglich mich mit einem Glas Wasser, das voller Probleme und Leid kurz vor dem Überlaufen stehe. Er sagte: «Du musst endlich Wasser abschöpfen, damit du wieder leben kannst. So viel Leid kann dir aber nur Jesus wegnehmen.» Urs vermittelte mir eine biblisch-therapeutisch orientierte Seelsorgerin. Skeptisch, was diese wohl besser machen könnte, rief ich sie an. Ihre Antwort machte mir Hoffnung: Sie könne gar nichts besser machen. Der einzige Unterschied sei, dass wir die Therapie mit der Hilfe von Jesus angehen würden. Es folgten regelmässige Gespräche, in denen ich Ballast abwarf und schmerzlich meine Kindheit aufarbeitete. Wenig später fand ich auch die Wahrheit bezüglich meines Vaters heraus. Nach und nach kam mein ganzes Leben ans Licht.

Aufatmen – und endlich leben!

Es war eine harte Zeit, aber ich spürte, dass jemand da war, der mir half zu überleben und weitere Schritte zu wagen. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich wahrhaftige Liebe, fühlte mich geborgen und beschützt – als ob Engel mich bewachten und bewahrten. Bald erkannte ich den lebendigen Gott hinter allem. Im Beisein meiner Seelsorgerin bekannte ihm alle dunklen Episoden meines Lebens und nahm das Freundschaftsangebot von Jesus an. Er befreite mich von meiner rebellischen, selbstverachtenden Haltung, von den Erlebnissen des Missbrauchs, von Angst, Todesgedanken und aller Lieblosigkeit. Ich konnte wieder atmen und fand endlich meinen Platz im Leben.

Elementar erneuert

Meinem Papi hatte ich nie genügen können und als Sündenbock für alles herhalten müssen. Mein himmlischer, wahrer Vater schenkt mir Freiheit und Freude. Am meisten freue ich mich am Geschenk meiner Familie, dass ich mit Urs zwei Kinder haben und eine Mutterliebe leben darf, die ich selber nie gekannt habe. Es ist für mich ein grosses Wunder, dass ich Liebe empfangen, empfinden und weiterschenken kann. Ich lebe, weil Jesus mich ohne Vorbehalte liebt. Ich lebe jeden Tag aus seiner unverdienten Liebe heraus. Er hat mich elementar erneuert und bedeutet mir alles.
 
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Die Polizisten machten mir Platz


Autor: Manuela Herzog
Quelle: Jesus.ch

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