Anne-Sophie Mutter

Für mich ist jedes Konzert ein Gottesdienst

Sie ist eine der herausragendsten Violinistinnen weltweit. Und doch zeigt sich Anne-Sophie Mutter bescheiden. Ihre Begabung sieht sie als ein Geschenk Gottes. Und der Glaube an Gott war es auch, der sie motiviert hat, Musikerin zu werden, so sagt sie selbst. Anne-Sophie Mutter über ihren Beruf, ihren Glauben und ihr Leben.

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Anne-Sophie Mutter
Was bedeutet Ihnen der Glaube an Gott?
Anne-Sophie Mutter:
Der Glaube spielt in meinem Leben eine grosse Rolle. Ich hadere und zweifle auch, aber letztendlich fühle ich mich geleitet, ich fühle mich in meinem Glauben aufgehoben: Im Wissen, dass ich angenommen bin als Kind Gottes, dass ich Schutz finde in ihm. In der Not kann ich mich an Gott wenden, aber auch in Momenten grossen Glücks. Ich möchte ihn nicht missbrauchen als meinen Kummerkasten.

Für mich ist jedes Konzert ein Gebet, mein Dank an Gott, dass ich meiner Berufung folgen darf, denn es ist ja doch ungewöhnlich, dass man sich mit fünf Jahren für einen Berufsweg entscheidet. Der Glaube war, denke ich, auch die Motivation, Musikerin zu werden.

In welcher Hinsicht?
Schon als kleines Kind hatte ich das Bedürfnis, mit meiner Musik die Welt zu verändern. Früh habe ich begriffen, dass Musik ein völkerverbindendes, weltumspannendes, wunderbares Band ist, das uns emotional durchdringen kann und uns in gewisser Weise daran erinnert, dass wir, wie Goethe so schön sagte, unter unseren Kleidern nackt sind.

Vor Gott sind wir alle gleich. Dieses Band der Brüderlichkeit habe ich schon als Kind sehr eindrücklich von meinen Eltern geschildert bekommen.

Sie mussten in Ihrem Leben herbe Schicksalsschläge verkraften: den Tod Ihres Mannes und den Ihrer Lehrerin Aida Stucki. Was gibt Ihnen in solchen Situationen Kraft und Zuversicht?
Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Und ich glaube natürlich daran, dass ich diese Menschen wiedersehe. Ich glaube daran, dass alles im Leben ein gutes Ende nehmen wird. Mit diesen Gedanken lässt sich dann auch mit grossem Schmerz einigermassen gut überleben.

Dennoch: Das Leben ist keine «Carte blanche». Wir sind alle eingespannt, die Tage sind von Pflichterfüllung geprägt, aber trotzdem muss man sich immer wieder die Frage stellen: Was will Gott von uns? Was will ich mit meinem Leben bewirken? Nehme ich meine Umwelt wahr? Wie geht es meiner Seele?

Und was, denken Sie, will Gott von uns Menschen?
Vor allen Dingen eine Antwort auf die Frage: Was für einen Sinn hat mein Leben? Wozu sind wir auf dieser Welt, was kann ich Positives oder Sinnvolles hinterlassen?

Dazu gehören zum einen eigene Kinder, denen man versucht, Gutes mitzugeben, damit sie ihrerseits sinnvolle Mitglieder der Gesellschaft werden, mit Empathie und mit dem Auge auch für den anderen und nicht nur für das eigene Glück, sondern für das der Gemeinschaft. Denn nur in der Gemeinschaft ist das Leben wirklich erfüllt, schön und sinnvoll.

Deshalb gehören für mich Benefizkonzerte wie auch die Arbeit für die Stiftung mit zum Schönsten überhaupt, weil ich in der Arbeit für andere eigentlich die Lebensbestimmung von uns allen sehe. Zum einen ist das Konzert an sich und jede Erfahrung mit Kunst eine Erinnerung daran, dass wir diese Kreativität geschenkt bekommen haben. Sie ist aber auch Seelennahrung; wir leben in einer Zeit, in der die Seele so gar keinen Platz mehr zu finden scheint.

Schon als Kind habe ich mit Benefizkonzerten begonnen und habe darin auch immer eine Art Danksagung an Gott gesehen. Für mich ist die Kunst ein Fenster nach oben. Ich muss oft an die Sixtinische Kapelle denken, an die Hand Gottes, die nach uns greift. So pathetisch das auch klingen mag: Für mich ist jedes Konzert ein Gottesdienst. 

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Datum: 20.07.2013
Autor: Miriam Hinrichs
Quelle: stadtgottes.de / chrismon.de

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