Mysterienreligionen

Am Christentum gibt es wirklich kaum etwas Eigenständiges. Der vorchristliche Gott Mithras - man nannte ihn den Sohn Gottes und das Licht der Welt - wurde an einem fünfundzwanzigsten Dezember geboren, kam gewaltsam ums Leben, wurde in einem Felsengrab bestattet und ist nach drei Tagen von den Toten wieder auferstanden. Der fünfundzwanzigste Dezember ist übrigens auch der Geburtstag von Osiris, Adonis und Dionysos. (Sakrileg, S. 319-320)

Nachdem wir mit den in Sakrileg befindlichen dogmatischen Aussagen hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Bibel und der Göttlichkeit Christi aufgeräumt haben, wenden wir uns jetzt Browns Behauptung zu, wonach es "am Christentum … wirklich kaum etwas Eigenständiges" gibt (Anmerkung des Übersetzers: Interessanterweise heisst es im US-amerikanischen Original "nichts Eigenständiges".). Erneut gilt jedoch, dass es nicht dem Christentum, sondern Browns dogmatischen Behauptungen an Eigenständigkeit fehlt. Er fügt dem oft gesungenen alten Lied von der Nivellierung des christlichen Glaubens lediglich eine weitere Strophe hinzu. Es wird von denen gesungen, die den biblischen Jesus auf der öffentlichen Meinungsebene herabsetzen wollen - nämlich dahingehend, dass Tod, Grablegung und Auferstehung Jesu Christi Mythen seien, die man aus antiken heidnischen Mysterienreligionen übernommen habe. Dieses sattsam bekannte Lied, das man einst vorwiegend an privaten Einrichtungen der akademischen Welt gesungen hat, ist heute in der Öffentlichkeit weit verbreitet.

Der erste Mythos, der diesbezüglich weit verbreitet ist, besagt, dass die Ähnlichkeiten zwischen dem christlichen Glauben und den Mysterienreligionen nicht zu übersehen seien. Diejenigen, die solches mythologisches Gedankengut kolportieren, verwenden den biblischen Wortschatz und geben sich alle erdenkliche Mühe, um irgendwelche Gemeinsamkeiten zu kreieren. Nehmen wir z.B. die angeblichen Ähnlichkeiten zwischen dem Christentum und dem Isis-Kult. Der Gott Osiris wurde angeblich von seinem Bruder ermordet und im Nil begraben. Obwohl die Göttin Isis den Leichnam zurückholen konnte, fiel er ihrem Schwager doch wieder in die Hände. Er schnitt den Leichnam in vierzehn Stücke und verteilte diese über das ganze Land. Nachdem Isis die Stücke gefunden hatte, "taufte" sie eines nach dem anderen im Nil, bis Osiris schliesslich "auferweckt" war.

Im Blick auf die angeblichen Ähnlichkeiten sowie den Wortschatz, mit dessen Hilfe sie weitergegeben werden, wird weithin übertrieben. Wer Parallelen zwischen der "Auferstehung" des Osiris und der Auferstehung Christi findet, geht offensichtlich etwas zu weit.10 Ebenso gilt: "Wer das, was mit dem Sarg des Osiris im Nil passierte, mit der Taufe vergleicht, kann auch das Versinken von Atlantis als Vergleich heranziehen."11 Wie der Philosoph Ronald Nash in seinem Buch The Gospel and the Greeks (so viel wie Das Evangelium und die Griechen) dazu näher ausführt, sind andere Parallelen, die von liberalen Gelehrten angeführt werden, noch weiter hergeholt.12 Und nicht nur das! Liberale Gelehrte verwenden auch eine völlig falsche Chronologie - als die meisten Mysterien weite Verbreitung fanden, war der Schriftkanon längst abgeschlossen. Somit wäre es weitaus exakter, davon zu reden, dass die Mysterien vom Christentum beeinflusst wurden - und nicht umgekehrt!13

Ausserdem reduzierten die Mysterienreligionen die Realität auf eine persönliche Erleuchtungserfahrung. Im Rahmen geheimer Riten erfuhren Eingeweihte eine esoterische Bewusstseinsveränderung, die ihnen den Eindruck vermittelte, in einen Bereich höherer Realität einzudringen. Während diejenigen, die Christus nachfolgten, den wesentlichen christlichen Lehren verpflichtet waren, versetzten sich Anhänger von Mysterienreligionen in veränderte Bewusstseinszustände. Sie waren der Idee verfallen, dass Erfahrung ein besserer Lehrer sei als Worte. Ja, Mysterienreligionen wurden nur deshalb so genannt, weil sie in Verbindung mit geheimen Praktiken und Riten standen, die angeblich nur den Eingeweihten bekannt waren! Die betreffenden Mysterien waren keineswegs in der Geschichte verwurzelt und dokumentarisch belegt. Im Gegenteil: In diesen Religionen wurden künstlich erzeugte Stimmungen und Emotionen voll ausgekostet. Ausserdem haben die MMysterienreligionen in der Regel unterschiedliche Formen diverser religiöser Systeme miteinander verschmolzen. Deren Anhänger verehrten nicht nur verschiedene heidnische Gottheiten, sondern machten sich oft auch Aspekte konkurrierender Mysterienreligionen zu Eigen, ob-wohl sie kultisch gesehen weiterhin im Rahmen ihrer eigenen religiösen Gedankengebäude blieben. Anders dagegen im christlichen Glauben. Wer Christus nachfolgt, vertraut einzig und allein dem, der sagte: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich" (Johannes 14,6).

Autor: Paul L. Maier
Quelle: Dan Browns Sakrileg, Hank Hanegraaff & Paul L. Maier, CLV , ISBN 3-89397-553-5

Fussnoten
10 Der Historiker Edwin Yamauchi erklärt: "Eine grundfalsche Annahme besteht darin, die ägyptische Anschauung von einem Leben nach dem Tod mit der ›Auferstehung‹ der jüdisch-christlichen Überlieferungen gleichzusetzen. Um Unsterblichkeit zu erlangen, musste der Ägypter drei Bedingungen erfüllen: (1) Sein Körper musste erhalten bleiben, also mumifiziert werden. (2) Es musste für Nahrung gesorgt werden - entweder dadurch, dass man täglich Brot und Bier als Opfer darbrachte, oder dadurch, dass Nahrungsmittel auf magischen Darstellungen an den Wänden des Grabes zu sehen waren. (3) Mit den Toten mussten Zaubersprüche bestattet werden - im Alten Reich in Form von Pyramidentexten, im Mittleren Reich von Sargtexten und im Neuen Reich in Form des Totenbuches. Überdies erstanden die Ägypter nicht aus den Toten. Vielmehr umschwebten körperlose Wesen der betreffenden Person - wie z.B. ihr Ba (Verkörperung der unverwechselbaren Charaktereigenschaften eines Menschen bzw. der Persönlichkeit) und ihr Ka (eine Art Schutzgeist bzw. körperloser Doppelgänger) - weiterhin ihren Körper. Auch ist Osiris, der stets in mumifizierter Form dargestellt wird, kein Prototyp für den auferstandenen Christus. Dazu hat Roland de Vaux fest-gestellt: Was war damit gemeint, dass Osiris ›zum Leben erweckt‹ wird? Die einfache Tatsache, dass er dank der Fürsorge der Isis imstande ist, ein Leben über das Grab hinaus zu führen, das fast genauso aussieht wie seine irdische Existenz. Aber er wird nie wieder zu den Lebenden zurückkehren, sondern nur über die Toten herrschen … Dieser ins Leben zurückgerufene Gott ist in Wirklichkeit ein Gott der Mumien [The Bible and the Ancient Near East, 1971, S. 236]." (Edwin M. Yamauchi, "Easter: Myth, Hallucination, or History?" Christianity Today, 29. März 1974, online abrufbar unter http://www.leaderu.com/everystudent/easter/articles/yama. html (Stand 10. März 2004). Siehe auch Ronald Nash, "Was the New Testament Influenced by Pagan Religions?", Christian Research Journal, Bd. 16 (Nr. 2), online abrufbar unter http://www.equip. org/ free/DB109.pdf, Zugriff am 10. März 2004).
11 Ronald Nash, "Was the New Testament Influenced by Pagan Religions?", Christian Research Journal, Bd. 16 (Nr. 2), S. 11.
12 Ronald H. Nash, The Gospel and the Greeks, 2. Auflage (Phillipsburg: Presbyterian and Reformed, 2003). Im Blick auf eine ausgezeichnete kurze Zusammenfassung siehe Nash, "Was the New Testament Influenced by Pagan Religions?", online abrufbar unter http://www.equip.org/free/ DB109.pdf.
13 Siehe Nash, "Was the New Testament Influenced by Pagan Religions?"


Quelle: Fossilien: Stumme Zeugen der Vergangenheit

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