Das göttlich Weibliche

Das matriarchalische Heidentum - jener ursprüngliche Glaube, der vom "patriarchalischen Christentum" angeblich unterdrückt wurde - scheint das geheime religiöse Ideal zu verkörpern, wofür Brown in Sakrileg an vielen Stellen eintritt. Seiner Ansicht nach sollte es an Gottes Stelle bzw. neben ihm eine Göttergemahlin geben, die genauso oder sogar noch mehr verehrt wird. Eine solche Vorstellung findet unter radikalen feministischen Theologinnen unserer Zeit ein breites Echo. Einige davon fordern eine Neubewertung von Sophia, der obersten Göttin der Gnostik im 2. nachchristlichen Jahrhundert.

Ohne zu dieser in unzähligen Variationen existierenden christlichen Irrlehre abschweifen zu wollen, könnte man jedoch die Ethik, die mit Browns Kreuzzug für das göttlich Weibliche in Verbindung steht, durchaus hinterfragen. Hier finden wir keinen erhabenen Idealismus zugunsten der angeblich weiblichen Aspekte des göttlichen Wesens, sondern vielmehr eine lautstarke Befürwortung einer grenzenlosen sexuellen Hemmungslosigkeit, die zu demjenigen Kult gehört, der von jüdisch-christlichen Grundsätzen "befreit" ist.

Brown zufolge hat die Kirche "das Geschlechtliche nachhaltig dämonisiert" (S. 423), während diejenigen, die das göttlich Weibliche bevorzugen, es als Quasi-Sakrament ansehen. Als Beleg dafür beschreibt Brown ein widerliches Ritual, bei dem ihm der Film Eyes Wide Shut direkt als Vorlage diente. Diese Szene zeigt einen Kreis kostümierter Anhänger eines Sexualritus - Männer und Frauen gleichermassen -, die in einem nächtlichen, von Kerzen erleuchteten Keller einen unheimlichen Gesang intonieren. Sie haben einen Kreis gebildet, in dessen Mitte ein Paar den Geschlechtsakt vollzieht. Zumindest reicht das Anstandsempfinden bei Browns Heldin noch so weit, dass sie angesichts dieser Szene schockiert ist (bis ihr am Ende alles erklärt wird). Letztendlich lautet die für den Leser bestimmte Botschaft jedoch: Obwohl es vielleicht widerlich aussieht, ist es in Wirklichkeit in Ordnung, weil es sich hier um den Ritus des Hieros Gamos, einer "heiligen Hochzeit" handelt, der mit dem göttlich Weiblichen verbunden ist. Die im Roman befindlichen endlosen Hinweise auf Aphrodite oder Venus verstärken nur noch dieses Thema. Dabei fällt Browns haarsträubende Symboldeutung auf, die von Planetenbewegungen bis zu Walt-Disney-Filmen reicht.

Ja, der christliche Glaube "dämonisiert den Sex" nicht - ganz im Gegenteil! Er betrachtet die Sexualität als eine der grössten Gaben Gottes - freilich als Gabe, die man verantwortlich gebrauchen sollte. In einer Zeit, in der die Infektionskrankheit AIDS, Herpes und andere sexuell übertragbare Krankheiten grassieren, ist diese Ansicht wohl kaum überholt. Die in Sakrileg suggerierte sexuelle Zügellosigkeit würde diejenigen Gefahren, welche die sexuelle Revolution mit sich gebracht hat, nur verschärfen. Auch hat keine der etablierten Religionen unserer heutigen Welt Frauen mehr aufgewertet als das Christentum. Wenn Brown für feministische Anliegen kämpft, sollte er stattdessen jene Weltreligionen unserer Zeit ins Visier nehmen, deren Anhänger die Segnungen der Frauenbefreiung noch nicht erfahren haben.

Autor: Paul L. Maier
Quelle: Dan Browns Sakrileg, Hank Hanegraaff & Paul L. Maier, CLV , ISBN 3-89397-553-5


Quelle: Fossilien: Stumme Zeugen der Vergangenheit

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