Neue Sinndeutung architektonischer Werke

Als Brown in Sakrileg einen Ausflug in die Baukunst der Gotik unternahm, muss sein architektonischer Reiseführer von Sigmund Freud geschrieben worden sein. Brown behauptet in Gestalt von L. Teabing, dass die Prieure de Sion beim Bau mittelalterlicher Kathedralen Symbolismen der weiblichen Sexualität verwendet habe, um die Verehrung von Göttinnen darzustellen. Dieser Gedanke hätte die ursprünglichen Baumeister in Wallung gebracht, die nichts dergleichen im Sinn hatten. Nach Brown wurde "die weite Höhlung des Kirchenschiffs mit dem weiblichen Uterus verglichen … samt Schamlippen und einer kleinen Lilie als Klitoris oben im Spitzbogen über der Tür" (S. 440).

Doch weder die nebulöse Prieure noch die Templer hatten irgendetwas mit der Errichtung mittelalterlicher Kathedralen zu tun. Der Bau der grossen Kirchen Europas ging den Templern nicht nur um Jahrhunderte voraus. Vielmehr steht auch fest, dass sie im Allgemeinen drei Türen an ihren Haupteingängen und nicht nur eine Tür hatten, wobei weitere Türen an den Querschiffen dazukamen. Somit ist der Vergleich mit dem Unterleib einer Frau kaum noch zu verstehen.

Hätte Brown Untersuchungen über die Baugeschichte mittelalterlicher Kathedralen und nicht die Faseleien sensationsgieriger Autoren gelesen, wäre ihm bekannt, dass "die weite Höhlung des Kirchenschiffs" sowohl der früheren romanischen als auch der späteren gotischen Bauwerke auf die Markthallen der antiken griechisch-römischen Welt, die Basiliken, zurückgeht.

Autor: Paul L. Maier
Quelle: Dan Browns Sakrileg, Hank Hanegraaff & Paul L. Maier, CLV , ISBN 3-89397-553-5


Quelle: Fossilien: Stumme Zeugen der Vergangenheit

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