Film «Das Neue Evangelium»

Die Gute Nachricht für Feldarbeiter

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Szene aus dem Film: Revolte der Würde mit Jesus als Anführer (Bild: vincafilm.ch)
Der Streifen ist an Aktualität fast nicht zu übertreffen und geht dorthin, wo’s wehtut. Schon die Passionsgeschichte ist ein Gipfel der Schmerzen, aber hier werden die Parallelen zum Heute gezogen, wo der Zuschauer hart in der Realität von schuftenden Flüchtlingen aufschlägt. Eben diese spielen dann Haupt- und Nebenrollen in der Doku mit dem Unterthema: «Wie drehen wir zusammen einen heutigen Jesusfilm?»

Braucht es nochmals eine Neuverfilmung des Neuen Testamentes? Livenet hatte bereits ausführlich über das Werk von Milo Rau berichtet, bevor in diesen Tagen die offiziellen Filmvorführungen folgen.

Beim Begleiten der Dreharbeiten begegnet der Zuschauer plötzlich einem Jesus-Coaching, wo ein alter Christus-Darsteller dem Neuen zeigt, wie er dies spielen würde, ganz nach dem Motto: «WWJD? Was würde Jesus darstellen?»

Das dramatische Werk bringt auf jeden Fall neue Aspekte und setzt Jesus-Szenen in die brandheissen Fragen: wie heute mit dem und den «Fremden», die sich selber als Sklaven bezeichnen, und deren Arbeits- und Lebensalltag umgegangen wird.

Am Anfang war die Tomate

Nicht ganz, denn zuerst erreichte den Regisseur die Anfrage, ob er einen Jesusfilm drehen würde. Denn das süditalienische Matera wurde zur «Kulturhauptstadt Europas 2019» gekürt. Er sagte sofort zu und machte sich auf die Suche nach Laiendarstellern – wo das tatsächliche, reale Drehbuch zu spielen begann. Vor Ort fand sich Milo Rau plötzlich im Flüchtlingslager mit vielen auf Tomaten-Plantagen arbeitenden Afrikanern, in unmenschlichen Bedingungen. Weil er nicht darüber hinwegsehen konnte, beschloss er, diese Schicksale in den Film einzubauen.

Und daraus entstand dieser besondere Mix aus Doku-Drama und Spielfilm, am selben Ort, wo bereits Pasolini und Mel Gibson ihre Jesus-Streifen kreierten.

Regisseur kommt Kirche näher und bewundert Gott

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Bild vom Set mit Milo Rau im Hintergrund
Auf die Frage, ob sich seine Beziehung zum Christentum während des Filmdrehs geändert habe, antwortete Milo Rau, dass er nun von der Kirche ein viel positiveres Bild habe, weil er so viele starke Engagements, gerade auch in der Flüchtlingshilfe in Italien, kennengelernt hatte. Vorher wäre seine Meinung von den bekannten, negativen Schlagzeilen geprägt gewesen, jetzt hätten ihn die vielen Projekte berührt. Und gegenüber dem christlichen Glauben beeindrucke ihn, wie radikal Gott zum Menschen wurde.

Bibel, Bild und bunte Gesichter

Gesichter: helle, schwarzafrikanische, alte, junge – die am Kreuzweg stehen und mitleiden. Dies ist die Eingangssequenz und schon ist der Zuschauer mitten drin. Und auch mitten in den Kontrasten, sodass man plötzlich an einer Schneelandschaft entlang fährt und Schilder einer Autobahnausfahrt sieht. Sie führt nicht zuletzt in die Welt der tomaten-pflückenden Flüchtlinge.

Dann folgen bereits originale Evangeliumsworte des Engels, der Maria die Geburt Jesu prophezeit. Die gesetzten Bibelstellen betiteln jeweils Kapitel der Doku, die folgen – ein permanenter Begleiter.

Orangen und die Revolte der Würde

Jesus ist Aktivist, der studierte und jetzt gegen die Unterdrückung in der italienischen Landwirtschaft kämpft. Die Arbeiter sind teilweise auf Orangenplantagen, wo sie täglich knappe 30 Euro verdienen. Sie wollen sich für die Gerechtigkeit jedes einzelnen Menschen einsetzen und führen die «Revolte der Würde».

Jesus-Coaching und Wohnort gesucht

Der Zuschauer sieht dann auch Ausschnitte aus dem alten Pasolini-Film und erkennt, dass der damalige Hauptdarsteller jetzt als Coach tätig ist und dem neuen Jesus seine Tipps weitergibt.

Sogleich wird wieder in den Flüchtlingsalltag gezoomt, wo Auferstehung und Wiederbelebung zum Thema wird. Denn die Migranten haben die Idee, unbewohnte Container und Gebäude wieder zu aktivieren und einen brachen Weinberg wieder zu beleben. «Italien ist nicht ein armes Land, es hat vieles, aber man lässt es verkommen», beschreibt einer der Afrikaner.

Und ein paar Sequenzen später sieht man ohnmächtig zu, wie ihr provisorisches Lager geräumt wird, ohne eine Alternative zu haben – «es gibt keinen Ort, wo sie ihr Haupt hinlegen können…», kommentiert eine weitere Bibelstelle.

Bibeldarsteller und ausgeflippter Hass

Einen weiteren Platz nehmen die Casting-Szenen ein, bei denen Einheimische für Rollen vorsprechen. Doch plötzlich findet sich der Zuschauer in einer Folterszene des Soldaten gegenüber Jesus, wo das Casting zur Realität wird und der italienische Brillenträger seiner Wut freien Lauf lässt. Immer wieder peitscht und schlägt er auf einen Stuhl ein. Und er speit seine hasserfüllten Sprüche gegen dunkelhäutige Menschen… und spielt sich so in Rage. Verausgabt und völlig verschwitzt. Bestimmt eine der heftigsten Filmsequenzen überhaupt, sie fährt mächtig ein.

Zerstörung von Früchten, Lager und Jesus

Ebenfalls stark ist die Zerstörung von gepflückten Tomaten, sei es in der Fussgängerzone und noch eindrücklicher auf dem weissen Supermarktboden. Unweigerlich empfindet man die biblische Szene mit, als Jesus den Tempel räumte.

Bei der Verurteilung schreit der Pöbel, der Schwarze solle gekreuzigt werden, weil er Gott lästerte. Dann verharrt die Kamera bei Jesus am Kreuz, Nahaufnahme – und – Cut! Schnitt, er stirbt nicht, so gibt's auch keine Auferstehung, jedoch folgen diese Bibelworte: «Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein Licht» und «Ich werde bei euch sein, bis ans Ende der Welt!»

Errungene Siege und ciao Mafia

Wie bereits der Vorspann, ist auch der Abspann ein wichtiger Teil des Filmes. Denn man kriegt mit, welche Erfolge erzielt wurden.

Beispielsweise entstand nach Jahrzehnten des Kampfes das «Haus der Würde» und Fairtrade Tomatenplantagen, ohne Mafia und mit dem Label «No caporalato» (ohne Mafia-Einfluss).

Kommentar

Der Streifen wirkt oft überladen, mit den vielen Strängen und Geschichten und Formaten, wie «der Film im Film». Natürlich ist es interessant, wenn der frühere Jesusdarsteller auf den Aktuellen trifft. Doch wenn er dann selber in einer Rolle auftaucht, wird's irgendwann unübersichtlich.

Schwach wirken mehrmals die Laienschauspieler; wenn beispielsweise die Szene mit der Ehebrecherin zu oberflächlich erscheint, dem Original nicht gerecht wird, oder bei einer ernsten Demo zum Protest gegen Unterdrückung lächelnde Statisten mitlaufen.

Und ein klassischer Fehler schlich sich ein: der dreimal krähende Hahn, anstelle des dreimal verleugnenden Petrus.

Die bildgewaltige Doku ist für diejenigen, die sich zum Thema «Umgang mit dem/n Fremden» berühren lassen wollen oder sich für die Parallelen von Jesusnachfolge und Aufstehen für Gerechtigkeit interessieren.

Der Film (1h 47min.) ist aktuell in diversen Kinos und online zu sehen.

Zur Webseite:
Trailer auf YouTube
Interview von SRF1

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Datum: 22.04.2021
Autor: Roland Streit
Quelle: Livenet

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