«Die illegale Pfarrerin»

Erste Frau in Schweizer Kirchenamt

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Greti Caprez-Roffler (Bild: Wikipedia)
Was für heutige Zeiten recht unspektakulär klingt, liess damals die konservativen Gemüter kochen: Eine Frau, und erst noch Mutter, die als reformierte Gemeindepfarrerin dienen wollte. Erst 1963 erreichte Gerti Caprez-Roffler das fast Unmögliche und wurde für eine Bündner Kirchgemeinde angestellt.

Doku-Film, Buch und Hörbuch zeigen ein historisches Ereignis der Schweizer Kirchengeschichte und spielen damit topaktuell ins Thema der Gleichstellung der Frau rein. «Die illegale Pfarrerin» erzählt von Skihosen für Frauen, Familien-Management und einer geistlichen Würdenträgerin. Als «Pfarrer im Rock» wurde sie von den Gemeindemitgliedern scherzhaft, aber doch dickköpfig gegen die unbewegliche Regierung in Chur verteidigt. Mehr sei es ja nicht. 

Schwanger zum Theologieexamen

1929 lebten die beiden Bündner im weltoffenen Brasilien, wo Greti Caprez-Roffler auf ihr Theologie-Schlussexamen hin lernte und ihr Ehemann als Ingenieur arbeitete. Zurück in der Schweiz stellte sich die Frage, ob ihr Theologiestudium mit dem Muttersein zu vereinbaren ist; zumal die Kirche noch nicht dafür bereit schien.

So absolvierte sie ihren Theologieabschluss ohne Perspektive auf eine Kanzel, aber mit Bauch, einem heranwachsenden Baby. Anfang der 1930er-Jahre waren Frauen gerade mal als Pfarrhelferin akzeptiert und nicht mehr. Doch für Gretis Vater, der Dorfpfarrer, war sie sein Lieblingskind. Deshalb wünschte er sich, dass sie in seine Fussstapfen treten könnte. Sie probierte mehrmals, beim kantonalen Kirchenrat in Chur eine Anstellung als Pfarrerin zu kriegen, jedoch erfolglos. Frustriert musste sie einsehen: «…hatte es geahnt, aber noch nicht erfahren müssen, dass es eine Schande ist, ein Weib zu sein.»

Von Gott arrangiert, aber gut genug?

Dann geschah das Unwahrscheinliche. Die Pfarrerin Caprez-Roffler wurde einstimmig, und von ihrer Mutter vorgeschlagen, von der Dorfbevölkerung zur neuen Pfarrerin im bündnerischen Furna gewählt. Sie wurde somit zur ersten Gemeindepfarrerin der ganzen Schweiz. Ihr Ehemann blieb in Zürich und konnte nur 14täglich zu Besuch kommen. Aber Gott hätte sie als 25-Jährige dahin gestellt und stand hinter ihr, erklärt Margreth Härdi-Caprez die Haltung ihrer Mutter.

Der Churer Kirchenrat beschloss, dass das Ganze gegen das Gesetz geschah und deshalb ungültig sei. Seine Mitglieder tobten. Doch auf dem Berg oben hielten die Menschen 100 Prozent zu ihr. «Unser Pfarrer hat halt einfach einen Rock an», werden die Bauern zitiert. Zwei Monate nach Amtsantritt vollzog die frisch Gewählte ihre erste Taufe. Die Eheleute diskutierten, ob es denn auch seine Gültigkeit habe. Sie selber wurde immer wieder von inneren Zweifeln geplagt, ob sie denn genüge. Was ihr besonders gefiel, waren die Seelsorgebesuche, zu denen sie auch ihr Baby mitnahm. Die Ratsuchenden schätzten das, weil die Geistliche selber mitten im Leben stand und so ganz praktisch beraten konnte.

Zum echten Reformieren erweckt

Die Autorin hinter der Doku, Christina Caprez, schilderte Livenet gegenüber wichtige Stationen des geistlichen Lebens von Greti Caprez-Roffler: «In ihrer Jugendzeit war meine Grossmutter eine stark Suchende, sie zweifelte an ihrem Glauben, das Gebet war kaum Teil ihres Alltags. In den 1930er Jahren, mit Ende Zwanzig, kam sie in Zürich in Kontakt mit der Oxford-Bewegung, einer christlichen Erweckungsbewegung um den Pastor Frank Buchman, die auch in Zürich unter konservativen Akademikerinnen und Akademikern regen Zulauf fand. Meine Grossmutter hatte dort ein Glaubenserlebnis und wurde fortan frommer, sie betete z.B. regelmässig und hielt 'erbaulichere' Predigten – was bei ihren liberalen Eltern (auch ihrer Mutter, der Pfarrfrau) auf wenig Verständnis stiess.»

Starre Strukturen durchbrechen

Schon vor dieser Berührung hatte sie die Kraft und Persönlichkeit zu revolutionären Taten. Und hier kam eine neue Dimension in ihr Leben. Ebenso gab sie Kurse, um Skihosen für Damen anzufertigen, was bei schneereichen Wintern eine Erlösung war. Auch half sie mit, dass Mädchen und Buben dasselbe lernten, zumindest in der eigenen Familie: Die Knaben strickten beispielsweise Socken. Die Leiterfigur machte sich jedoch auch in ihren strengen, fixen Vorstellungen von Erziehung bemerkbar; wie beispielsweise, dass Gott Rechenschaft über jede «unnütze» Minute fordere.

Zwischen Kanzel, Kantonsheim und den Kindern

Eine Wende geschah, als ihr Mann sich ebenfalls entschied, Theologie zu studieren. Der Trennungsschmerz wurde zu gross, und so zogen sie in Zürich zusammen, wo Greti Caprez sogar Pfarraushilfen in Gemeinden ausüben konnte. Sie erkannte beispielsweise, dass der Vater mehr in der Familie zurück sein, mehr Zeit für Frau und Kind, mehr Mensch sein solle. Die Herren von Chur taten das ihrige dazu, dass sich die Pfarrerin nicht willkommen fühlte und wegzog. Grosse Präsenz hatte der vermeintliche Skandal einer Dorfpfarrerin auch in den Zeitungen der ganzen Nation und wurde heiss diskutiert.

Es folgten Anstellungen im Bündnerland und wiederum in Zürich, die sie näher zusammenrücken liessen. So wurde Greti Caprez-Roffler nicht nur Pfarrhelferin, sondern aktive Seelsorgerin und ebenbürtige Gefährtin ihres Gatten. Mit der Geburt des sechsten Kindes fragte sie: «Warum willst du, Gott, mehr Kinder als wir Menschen sie wollen?»

Offiziell ordiniert

Dann die Weihe: Als fünffache Grossmutter wurde Greti Caprez-Roffler 1963 im Zürcher Grossmünster ordiniert. Glücklich zogen sie nach Graubünden, wo ihr Traum endlich Wirklichkeit wurde. Mit ihrem Gian zusammen bekleideten sie eine Pfarrstelle im Job-Sharing. Nur schon dieses Wort existierte damals höchstens in weiter Ferne. Als Pensionierte kehrte sie an den Ort des Aufbruchs zurück und diente, diesmal mit ihrem Mann, als Stellvertretung für zwei Jahre der Gemeinde Furna. 

Zuversicht vom Zufluchtsort

Trotz der vielen Widerstände fand sie immer wieder Zuversicht, um ihren Weg zu gehen. Das Gebet war ein wichtiger Zufluchtsort. «Der Glaube war auf jeden Fall eine immense Kraftquelle für sie, ohne die sie die vielen Rückschläge nicht hätten verkraften können. Umgekehrt könnte man auch kritisch sagen: Sie floh sich in den Glauben, weil sie an der Welt so verzweifelte», so die Enkelin Christina Caprez.

Sehen Sie sich hier den Doku-Film an:

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Datum: 25.03.2021
Autor: Roland Streit
Quelle: Livenet

Kommentare

Es besteht kein Zweifel darüber, welchem kirchlichen Segment Greti Caprez heute angehören würde: dem pietistischen, christlich-konservativen, evangelikalen (oder welches Etikett auch immer). Es darf darüber spekuliert werden - sofern es keine Belege gibt -, ob den „Herren in Chur“ dieser Umstand nicht ein grösserer Dorn im Auge war, als dass sie eine Frau war. Deshalb wäre ihre Geschichte nicht nur als benachteiligte Frau, sondern auch als benachteiligte Pietistin zu erzählen. Das würde dann aber nicht mehr so gut zum Seitenhieb gegen die „konservativen Gemüter“ passen.

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