«Flucht aus Evangelikalien»

Eine Flucht – oder doch eher eine Wanderung?

Mit dem Buch «Flucht aus Evangelikalien» hat der Musiker Gofi Müller (48) Christen, die bisher in evangelikalen Gewissheiten ruhten, aufgeschreckt. Zu Recht?

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Gofi Müller
Das Buch hat in Deutschland einige Wellen geschlagen. Es legt den Finger auf einige Eigentümlichkeiten der «Evangelikalen», insbesondere ihre Neigung zur Abgrenzung gegen Andersgläubige, die Enge in gewissen Gemeinden, den selbstauferlegten Zwang, auf alle Fragen eine einheitliche Antwort zu haben. Es plädiert dagegen für eine christliche Gemeinschaft, die offen ist für Andersdenkende, nicht auf alle Fragen eine fertige Antwort zu haben, dem Heiligen Geist, dem Denken und der Gnade mehr Raum zu geben.

Den Nerv getroffen

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Hossa Talk mit Gofi Müller
«Wir verstehen unsere Äusserungen nicht als Standpunkte, sondern als Gehpunkte», sagte dazu Gofi Müller am Freitag beim Hossa Talk in der Vineyard Basel. Im Dialog mit Jay Friedrich ging er auf Fragen aus dem Publikum ein, ohne dass daraus fertige Antworten resultierten. Er beschreibt seine eigene Entwicklung als evangelischer Christ zugespitzt so: «Ich möchte heute Fragen stellen, früher wollte ich Antworten geben.»

Damit traf er in Basel wohl durchaus einen Nerv. Gerade in neueren evangelischen Gemeinden sind Werte und Haltungen, wie sie in den Auseinandersetzungen mit der historisch-kritischen Theologie und problematischen Strömungen in der Oekumene herausgebildet haben, nicht mehr aktuell. Damals galt es, Gegensteuer zu geben, auf die uneingeschränkte Gültigkeit der Heiligen Schrift zu pochen und liberalen und politischen Theologien entgegenzutreten. Zudem entsprach es einfach einem verbreiteten Bedürfnis von Christen, klare Antworten zu bekommen.

Einheit vor dogmatischer Korrektheit

Heute ist das Bedürfnis viel grösser geworden, die gemeinsamen Anliegen und die zentralen Glaubenswahrheiten der verschiedenen Kirchen zu erkennen und gemeinsame Auftritte und Projekte zu entwickeln. So hat die Schweizerische Evangelische Allianz ein Papier veröffentlicht, das zur Zusammenarbeit auch mit Katholiken aufruft, wo sich dafür Türen öffnen. An der Explo 2017/18 traten die Leiter der Landeskirchen und des Freikirchenverbandes gemeinsam auf. Es sind positive Auswirkungen der Postmoderne, auch wenn sich einige Sorgen machen, dass biblische Wahrheiten verdrängt werden können, dass die Beliebigkeit überhand nimmt.

Zwischen Beliebigkeit und Dogmen

Gerade die Befürchtung, sich in Richtung Beliebigkeit zu entwickeln, dämpfte Gofi Müller in Basel. Er suchte einen Weg zwischen Beliebigkeit und dem Festhalten an einem Katalog von Dogmen. Er will dem Wunsch, über alle Fragen offen sprechen zu dürfen, Nachdruck verleihen. Ein anspruchsvoller Weg, den das Hossa Talk Team durchaus selbst geht. Die Zweifler ermutigt er mit der Feststellung, es gebe eine Glaubensgewissheit, «auch wenn ich vieles noch nicht weiss». Und es gebe auch zentrale christliche Wahrheiten wie den Schöpfergott, das Wirken des Heiligen Geistes und die Offenbarung Gottes in Jesus Christus, um die sich Christen sammeln und fröhlich Gemeinschaft pflegen sollen, ohne sich ständig abgrenzen zu müssen.

Die Flucht aus Evangelikalien ist somit eher eine Wanderung, der sich schon viele angeschlossen haben, auch wenn sie noch nicht so genau wissen, wo der Weg hinführt. Aber die Freiheit, sich nicht auf traditionelle Antworten und Forderungen stützen zu müssen, erleben sie als befreiend. Es liegt an guten Hirten, sie dabei zu begleiten und die biblischen Wahrheiten im heutigen Kontext aufleuchten zu lassen.

Zum Blog auf AiGG:
Flucht aus Evangelikalien

Zur Webseite:
Hossa Talk

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Datum: 20.11.2018
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

Kommentare

Dass in einem Buch einmal mehr eine "Flucht aus Evangelikalien" propagiert wird, überrascht in der postmodernen Glaubensverwirrung nicht mehr, höchstens, dass hier so wohlwollend darüber berichtet wird. Ob sich das gut mit den Zielen von SEA oder VFG verträgt? Trotzdem danke für den seltsamen Verweis auf den AiGG-Blog, an dem man wirklich Freude haben kann, denn er vertritt evangelikale Theologie und Bibelverständnis aufs Schönste, siehe z.B. den kritischen Artikel zu Worthaus (der auch auf bibelbund.de zu finden ist), Krieg im AT oder das biblische Geschichtsverständnis. Eine biografisch bedingte Distanzierung von "Evangelikalien" bedeutet noch nicht, auch die entspr. Theologie aufzugeben.

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