Europäer religiöser als erwartet

Nietzsche hatte als Botschaft an das kommende 20 Jahrhundert verkündet: „Gott ist tot.“ Und Emile Durkheim hatte es als Charakteristikum der fortschreitenden Industrialisierung und Modernisierung angesehen, dass die Welt Abschied nimmt von der Bindung an Religion.

Ein Irrtum, wie der amerikanische Sozialwissenschaftler und Politologe Ronald Inglehart im Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung klarstellte. Laut einem Bericht von „Tagesspiegel online“ scheinen Religion und fortschreitende Modernisierung durchaus zusammenzupassen. Die Thesen der Säkularisierung von Marx bis Emile Durkheim müsse daher auf den Prüfstand.

Phase der weltlichen Ziele

In den siebziger Jahren hat Inglehart, so der „Tagespiegel“ weiter mit seiner These vom Wertewandel von der Industriegesellschaft hin zur postmaterialistischen Gesellschaft über Nacht Karriere gemacht und die Gesellschaftsforschung verändert. Seitdem waren die Wissenschaftler den postmateriellen Werten auf der Spur. Woodstock, Jugendrebellion, Studentenrevolte, Drogen und Selbsterfahrungstrips schienen die äusseren Kennzeichen dafür abzugeben. Nicht mehr die Arbeit und das Einkommen standen im Vordergrund. Seit den 1960er Jahren ging es um Sex, Gefühle, Selbstentdeckung. In der Regel spielte Religion dabei keine Rolle, es ging um weltliche Ziele. Doch die Lage hat sich geändert.

Seit den achtziger Jahren untersucht Inglehart den Wertewandel in 80 Gesellschaften. Seine Meinungsumfragen ergeben: Die Religiosität will keineswegs verschwinden. Das passt zu den Forschungen von Ingleharts amerikanischem Kollegen Samuel Huntington, der die modernen Konflikte als Kulturkampf darstellt, in denen religiöser Fundamentalismus die entscheidende Rolle spielt – islamischer Fundamentalismus gegen christlichen Fundamentalismus in den USA. Doch nicht nur dort – in der ganzen Welt hingen mehr Menschen als je zuvor traditionellen religiösen Werten an, sagt Inglehart.

Menschen wollten wissen, woher sie kommen

In den armen Ländern wächst die Glaubensbereitschaft wegen der grossen Verunsicherung und Zukunftsangst am meisten. Die Hoffnung auf eine bessere Welt gewinnen immer mehr Menschen aus der Religion. Eine Renaissance der Religion lässt sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus auch in Osteuropa beobachten. Und selbst in den postmaterialistischen Gesellschaften des Westens nähmen sich die Menschen mehr Zeit, um über ihr Leben nachzudenken. Die Menschen wollten wissen, woher sie kommen – allein diese Frage schon fördere ihre Religiosität.

Sie stellt sich auch hier gerade den Armen. Die USA seien zwar ein reiches Land, aber mit einem kaum entwickelten Wohlfahrtsstaat. Für die einzelnen Bürger gebe es selbst im reichen Amerika eine erhebliche Unsicherheit in Zukunftsfragen. Natürlich gebe es Unterschiede zwischen den USA und Europa: Während in den USA der Kirchenbesuch ungebrochen stark ist, gehen in den skandinavischen Ländern und in Deutschland immer weniger Menschen in die Kirche. Das heisse aber nicht, die Europäer seien von der Religon weniger berührt. Ingleharts Umfragen zeigen: Wer in Deutschland mit den Kirchen unzufrieden ist, tritt aus und spart die Kirchensteuer. Wer in den USA mit seiner Kirche unzufrieden ist, wechselt die Kirche, weil es viele Glaubensrichtungen gibt, folgert der „Tagespiegel online“.

Quelle: Tagesspiegel online

Datum: 03.08.2004

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