Therapie für medienabhängige Kinder

Mit dem 16. Geburtstag änderte sich der Alltag von René (Name geändert) völlig. Er bekam einen Computer und ein Strategiespiel geschenkt. «Innerhalb von etwa vier Monaten entstand eine schwere Abhängigkeit», erinnert sich die Psychologin Simone Trautsch an den Jugendlichen.

Zum Schluss habe René zwölf bis 14 Stunden täglich vorm Computer gesessen. Er habe die Schule geschwänzt und stark abgenommen, weil er fast nichts mehr ass.

Die Wende kam auf Initiative der Eltern durch eine Therapie im mecklenburgischen Ostseebad Boltenhagen. Im dortigen Kindererholungsheim «Wichernhaus» der Diakonie machte René die «für ihn völlig neue Erfahrung», in einer Gruppe sehr beliebt zu sein, sagt Trautsch. Vorher hatte der Heranwachsende keine Freunde und war ein Einzelgänger. «Jetzt gehe es ihm gut», sagt Trautsch. René trat zu Hause in einen Volleyball-Verein ein, hatte wieder einen normalen Tagesrhythmus und seine Schulleistungen besserten sich.

Therapie gegen Spielsucht

Seit Frühjahr 2003 wird im «Wichernhaus» eine in Deutschland noch einzigartige Therapie für Kinder und Jugendliche angeboten, die in krankhaftem Ausmass elektronische Medien nutzen. Mindestens 200 Jungen und Mädchen von sieben bis 17 Jahren wurden nach Angaben der Einrichtung bislang behandelt.

Noch aber müssen Eltern und Diakonie diese spezielle Zusatztherapie selbst bezahlen. Grund hierfür sei, dass nur die Spielsucht bislang als so genannte stoffungebundene Sucht anerkannt sei, erläutert Ute Garnew, Geschäftsführerin der Evangelischen Kur- und Erholungsstätten Boltenhagen. Doch auch wenn sie bei den im Oktober geplanten Verhandlungen mit dem Verband der Angestellten-Krankenkassen noch keine Anerkennung der Medienabhängigkeit als Sucht erwartet, hofft sie, dass die Kassen künftig einen Teil der Therapiekosten übernehmen werden.

«Prävention muss bei den Kindern ansetzen», ist die Geschäftsführerin überzeugt. «Sie sind das schwächste Glied in der Gesellschaft.» Auch deshalb begleitet die Berliner Charité das Projekt in Boltenhagen wissenschaftlich. Eine Studie mit ersten Ergebnissen wird voraussichtlich im kommenden Frühjahr vorliegen.

Computer und Fernseher im Kinderzimmer?

Kinder unter drei Jahren sollten daher grundsätzlich nicht fernsehen und internetgestützte Lernprogramme nutzen, bis zum Alter von etwa 13 Jahren nur gemeinsam mit ihren Eltern oder nach Absprache. «Computer und Fernseher gehören nicht ins Kinderzimmer, weil die Kontrolle dort nicht vorhanden ist.» Auch sollte vor dem Fernseher nicht gegessen werden, betont Garnew.

Eine Untersuchung der Berliner Charité aus dem Jahr 2004 unter 323 Berliner Grundschülern von elf bis 14 Jahren zeigt allerdings eine andere Realität. Danach haben etwa 80 Prozent der Befragten einen eigenen Computer, 70 Prozent der Jungen und 44 Prozent der Mädchen eine eigene Spielkonsole sowie 60 Prozent der Jungen und 40 Prozent der Mädchen einen eigenen Fernseher.

Die elektronischen Medien seien ein schneller Weg, Gefühle wie Trauer, Frust und Stress nicht aushalten zu müssen, erklärt Psychologin Trautsch. Durch die Ausschüttung der Hormon-Vorstufe Dopamin und des Hormons Adrenalin beim PC-Spiel fühlten sich die Kinder «gut, ohne was dafür zu machen». Wichtig sei deshalb, den Umgang mit Konflikten und Problemen zu lernen und zu einem selbstbestimmten Umgang mit Computer, Fernseher, Spielkonsole, Gameboy und Handy zu finden.

Selbstbewusstsein stärken

Dazu gehöre auch, über Probleme zu reden, ein grösseres Selbstbewusstsein sowie Hobbys und sportliche Interessen zu entwickeln, unterstreicht Trautsch. Denn Kinder mit sozialen Problemen und geringem Selbstbewusstsein seien besonders gefährdet, in die virtuelle Welt zu fliehen. So habe ein 13-jähriger Patient mal zu ihr gesagt: «Der Computer ist mein Freund. Der versteht mich, stellt mich nicht in Frage.»

Datum: 27.09.2005
Quelle: Epd

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