Der Wunsch nach einem starken Leben

Cannabis konsumieren, rasen, Schulden machen, Gewalt anwenden. Das Überborden von Jugendlichen in der Schweiz wird zurzeit in der Öffentlichkeit stark thematisiert.

Was läuft eigentlich mit der Jugend falsch? Zwei in der christlichen Jugendarbeit tätige kirchliche Mitarbeiter, Jörg Weisshaupt und Matthias Spiess, versuchen im Gespräch mit Thomas Hanimann Antworten zu finden.

Thomas Hanimann: Warum hauen junge Menschen heute immer wieder über die Schnur?
Jörg Weisshaupt: Diese Feststellung machten wir gerade gestern im Team der Jugendkirche. Nicht nur Cannabis, sondern harte Drogen, Kokain und Ecstasy werden in der Stadt Zürich zur Partydroge. Die Gründe sind verschieden. Ich denke, dass dabei der Umgang mit dem Geld eine Rolle spielt. Viele Teenager verfügen über viel mehr Geld; viele sind aber auch stark verschuldet.

Matthias Spiess: Es fehlen längerfristige Perspektiven und Ziele. Verpflichtungen sind nur noch kurzlebig. Hobbys werden rasch gewechselt. Ausdauernd dranbleiben, längerfristig Verantwortung für eine Sache tragen, ist weniger in. Der Rückzug in die eigene Welt, in den geschützten Raum, ist vielleicht ein Reflex auf die Heimatlosigkeit und Haltlosigkeit in der Familie.

Haltlosigkeit?
Weisshaupt: Vielen Jugendlichen, auch solchen, die schulisch reüssieren, fehlt es ganz grundsätzlich an Selbstwertgefühl. Die Jugend in der Stadt ist dabei besonders betroffen. Sie sind heimatlos und manche von ihnen durch ihr Aufwachsen in schwierigen Familienverhältnissen und Patchworkfamilien auch ziemlich entwurzelt. Ihnen fehlen der Halt durch Leitplanken und sinnvolle Regeln.

Spiess: Viele suchen den Halt, den sie in der Familie nicht mehr finden, in der Clique. Die Grundfragen, die sie sich stellen, sind aber immer die gleichen: „Wer bin ich und wie werde ich geliebt?“ Mit ihrem Handeln wollen sie sich Anerkennung in der Clique verschaffen.

Finden sie dort ihren sozialen Halt und ihre Ideale?
Spiess: Nur beschränkt. Im Wesentlichen bleiben sie auf sich allein gestellt. Die Isolation ist ein grosses Problem. Junge kommunizieren zwar mit Handys und MMS. Dies geschieht aber auf sehr tiefem Niveau. Die Computer-Games sind zwar eine Form des Auslebens von Aggression, gleichzeitig aber auch eine Weltflucht.

Weisshaupt: Ich beobachte oft den Rückzug in eine eigene Welt. Wurden in der letzten Generation die Aggressionen oft gegen aussen gerichtet, richten heutige Jugendliche diese immer mehr gegen sich selber. Früher kämpfte man in Protestbewegungen gemeinsam gegen das Übel der Welt, heute dröhnt man sich mit Drogen und Medikamenten zu. Bei diesem Konsum machen auch Pharmaindustrie und Eltern mit.

Was erhoffen sie sich denn vom Drogenkonsum?
Spiess: Es geht um Lustgewinn, Sehnsucht nach Lust und Liebe. Man sucht den Kick, gleich was es kostet. Man will nicht nur, wie Jugendliche es immer getan haben, Grenzen ausloten. Man geht bis an den Punkt, wo es nicht mehr gesund ist, setzt sogar sein Leben aufs Spiel um „das Leben zu spüren“. Das geht bis zu Selbstverletzung.

Hat diese Sehnsucht „das Leben zu spüren“ auch positive Seiten?
Spiess: Durchaus. Heute ist die Jugend nicht schlechter, sondern anders. Es stimmt, dass die Zahl der psychisch kranken und seelisch verletzten jungen Menschen zugenommen hat. Andererseits kenne ich viele motivierte und engagierte Jugendliche, die uns Erwachsenen etwas vorzeigen können. Sie sind einfach „Kinder ihrer Väter“. Der Wertezerfall bei den heute 40-Jährigen färbt auf sie ab. Sie suchen aber nach Vorbildern und finden diese nicht mehr. Im Grunde zeigt sich daran das wirklich tiefe Bedürfnis junger Menschen: Sie müssen die Frage nach dem Sinn des Lebens klären.

Weisshaupt: Jugendliche halten uns vielfach auch einen Spiegel vor. Wir sehnen uns nach einem Leben in Sicherheit, mit weniger Zwängen und weniger Leistungsdruck. Die jungen Menschen sind sich daran gewöhnt, dass alles da ist, dass es mehr oder weniger von alleine kommt, ohne dass sie etwas dazutun müssen. Sie sind der Ansicht, dass sie nicht mehr hart arbeiten müssen, um etwas zu erreichen. Sie wollen einfach für den Tag da sein und unbeschwert in die Zukunft schauen. Das ist eine Mentalität, die ich bei jungen Menschen immer wieder beobachte. Daneben können sie sich aber auch extrem ins Zeug legen, besonders in den Bereichen, in denen es für sie wichtig ist.

Eine neue Mentalität deutet auf neue gesellschaftliche Umstände hin.
Weisshaupt: Für die Kinder und Jugendlichen ist die Welt komplexer geworden. Schon die Mischung der Kulturen und Weltanschauungen, denen sie täglich vor ihrer Haustür begegnen, macht es für sie schwieriger.

Spiess: Heute gibt es für die Jugendlichen viel mehr Freiheit. Damit verbunden sind auch die vielen Wahlmöglichkeiten. Selbst entscheiden müssen kann überfordern. Die Versuchung ist gross, den im Mensch steckenden Egoismus auszuleben. Im Umgang miteinander gilt dann einfach das Recht des Stärkeren.

Wer ist schuld daran? Die Eltern?
Weisshaupt: Mit Schuldzuweisung wäre ich sehr zurückhaltend. Die Eltern sind genauso überfordert. Auch für sie ist es sehr viel komplexer geworden. Die Zeit der antiautoritären Erziehung ist vorbei. Heutige Eltern versuchen schon, eine strengere Linie zu fahren. Es besteht aber vielfach eine Ratlosigkeit.

Spiess: Schuldzuweisung scheint mir auch nicht der richtige Weg zu sein. Das Problem liegt tatsächlich bei der Überforderung. Viele Eltern wollen die Verantwortung delegieren, auf die Schule, auf Jugendgruppen und so weiter. Die Verantwortung kann man aber nicht einfach auf andere abschieben. Das gilt ebenso auf der anderen Seite: Auch Jugendliche sind letztlich selber für ihr Leben verantwortlich. Es liegt nicht immer am Erzieher, wenn die Erziehung nicht gelingt. Eine gewisse Strenge und klare Regeln können den Jungen helfen.

Die Lösung?
Spiess: Der Sinn im Leben muss geklärt sein. Nur wer im Tiefsten den Wert, den Gott ihm gibt, verstehen kann, kann auch die Sinnfrage lösen.

Weisshaupt: Als Christen und als Kirche können wir den jungen Menschen tragfähige Gemeinschaft anbieten. Besondere Aufmerksamkeit sollte man dabei psychisch labilen Jugendlichen schenken, die in Jugendgruppen den Halt nicht leicht finden können. Ersetzen können wir damit die Familie allerdings nicht.

Datum: 28.02.2005
Autor: Thomas Hanimann
Quelle: idea Schweiz

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