„Es gibt keine Pauschallösungen im Umgang mit gewalttätigen Jugendlichen“

Eine Bande Jugendlicher überfällt eine Kioskfrau, ein zufälliger Passant wird spitalreif geschlagen, ein Jugendlicher wird von Gleichaltrigen mit dem Messer bedroht und zur Herausgabe von Natel, Bargeld und Bankomatkarte gezwungen. "Jugendgewalt" wird in der Presse wieder verstärkt thematisiert und hat auch Politiker auf den Plan gerufen.

Für Jugendanwälte und Richter steht auch bei Gewalttaten nicht das Strafen oder Vergelten im Vordergund. Vielmehr wollen sie den straffälligen Jugendlichen zwar klare Grenzen, aber auch einen Ausweg aus ihrer verfahrenen Situation zeigen. Dies beinhalte auch ein Stück christlicher Nächstenliebe, meint ein sozialpädagogischer Mitarbeiter der Jugendanwaltschaft Aarau.

Anfangs August ist die CVP Schweiz mit einem Positionspapier "Stopp der Jugendgewalt” an die Öffentlichkeit getreten. Hintergrund der Diskussion ist die Vermutung, dass diese Form der Kriminalität deutlich angestiegen sei. Ob die Wahrnehmung den Fakten entspricht, ist jedoch nicht sicher.

Im Kanton Aargau ist es beispielsweise nicht so, dass die Gewaltdelikte seit 1987 zugenommen hätten. Die Dossiers bei der kantonalen Jugendanwaltschaft schwanken zwischen 25 und 75 Fällen pro Jahr. Für die Schwankungen gibt es kaum Erklärungen. Urs Lüthi, Sozialarbeiter auf der Jugendanwaltschaft Aarau und Mitglied einer Chrischona-Gemeinde, spricht von einer Art "Modezyklus".

Viele Ursachen

Vielleicht ist es die Tatsache, dass die Brutalität solcher Vergehen sofort durch die Medien bekannt wird, welche die Öffentlichkeit aufschreckten. Es ist allerdings nicht diese Thematisierung in der Öffentlichkeit, die Urs Lüthi stört. Vielmehr sind es die öffentlichen Forderungen nach sofortigen, raschen Rezepten, die den sozialpädagogischen Mitarbeiter auf der Jugendanwaltschaft nicht nur in diesen heissen Tagen ins Schwitzen bringen. Ein grosses Problem im Bereich der Jugendkriminalität sei nämlich, dass es nicht sofortige allgemeine Lösungsansätze gebe, sagt Lüthi. Die Hintergründe und das Umfeld jedes Delinquenten seien so individuell, dass es kaum Patentrezepte zur Verhinderung von Gewalttätigkeit geben könne.

Zu diesen breit gefächerten Ursachen gehöre die verbreitete Frustration von Jugendlichen, die oft ohne Lehrstelle dastehen und die Türe für ihren weiteren Lebensweg verschlossen sehen. Die ungehemmte Präsentation von Gewalt am Fernsehen, in Videos und in Computerspielen trage dazu bei, dass die Hemmschwellen herabgesetzt würden.

Jugendliche ernst nehmen

Seine christliche Lebenshaltung führt Lüthi dazu, auch im gewalttätig gewordenen Jugendlichen in erster Linie einen Menschen in Schwierigkeiten zu sehen. "Ich möchte, dass dieser Mensch lernt, mit seinem Leben in der Gesellschaft richtig umzugehen", sagt Lüthi. Gewalt versteht Lüthi als negative Seite einer Aggression, die als positive Kraft auch persönlichkeitsbildend wirkt, besonders in der Pubertätsphase der Jugendlichen. Eine Erziehung, welche auf diese entwicklungspsychologischen Faktoren Rücksicht nehme, könne ein Beitrag zur Gewaltverhinderung sein.

Eine zentrale Aufgabe komme der Familie wie auch der Schule zu. So sei es wichtig, die guten Beziehungen und die Kommunikation untereinander zu fördern. Verlässlichkeit gehören ebenso dazu wie das Einüben der Konfliktfähigkeit. Vor allem gelte es, den jungen Menschen auch in der schwierigen Phase der Pubertät als liebenswertes und liebesbedürftiges Individuum ernst zu nehmen. Bei aggressivem oder problematischem Verhalten der Jugendlichen empfiehlt er den Eltern, etwas "darüber zu stehen", also die momentane Situation auch im gesamten Entwicklungsprozess zu sehen. Dies sei nicht gleich zu setzen mit einer Laissez-faire-Haltung, betont Lüthi. Wenn Gewalt geschieht, sollten die Erziehungsverantwortlichen – bei Delikten etwa die Jugendanwaltschaft – eingreifen und dem Gewalttätigen klare Grenzen setzen. Nachher müsse aber mit dem Jugendlichen eine Auseinandersetzung stattfinden mit dem Ziel, eine Veränderung des Verhaltens zu erwirken.

Christliche Kirchen sollen integrieren

Delikte haben oft einen Zusammenhang mit dem persönlichen und familiären Umfeld. Mit zunehmendem Alter nehme auch der Einfluss des ausserfamiliären Umfelds zu. Vor allem sei es nicht so, dass Eltern von Jugendlichen, bei denen etwas schief gelaufen sei, ihre Erziehungsverantwortung einfach abgeschoben hätten, berichtet Lüthi von seinen Erfahrungen als Berater. In den Gesprächen zeigten sich die Eltern meistens kooperativ. Vielfach seien Eltern ganz einfach überfordert und nähmen gerne Hilfe an.

Christlichen Gemeinden empfiehlt Lüthi, dass sie insbesondere bei der Integration von Ausländern in ihre Gruppen vermehrte Anstrengungen unternehmen. Er staune, wieviel Fremdenhass gerade auch unter Christen manchmal da sei. Anstatt den Willen der Nächstenliebe konkret umzusetzen, spüre er in christlichen Kreisen allzu oft eine von Vorurteilen geprägte Stammtisch-Meinung zur Ausländerfrage, sagt der Sozialpädagoge.

Datum: 21.08.2003
Quelle: idea Schweiz

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