„Ich habe noch nicht gefunden...”

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U2 haben Ende der 70er mal als charismatisch ausgerichtete, christliche Band angefangen. Schon nach kurzer Zeit blieb davon fast nichts mehr. Mittlerweile distanzieren sie sich sehr deutlich vom Christentum und tun das Vorkommen von "Jesus" in manchen ihrer neueren Songtexte als "poetische Spielerei" ab.

1982 stand die irische Rockgruppe U2 vor dem grossen Durchbruch. Die vier jungen Männer aus Dublin, alle Anfang 20, hatten es mit ihrer zweiten Platte “October” an die Spitze der britischen Hitparade geschafft. Jetzt teilten sie ihrem verdutzten Manager mit, dass sie aus dem Rockgeschäft aussteigen wollten – aus Glaubensgründen.

Drei der Bandmitglieder, Sänger Bono, Gitarrist “The Edge” und Schlagzeuger Larry Mullen, gehörten seit einem Jahr zur charismatischen Gemeinde “Shalom” und besuchten dort zweimal in der Woche einen Hauskreis. Nebenbei studierten sie die Schriften des chinesischen Erweckungspredigers Watchman Nee. Dessen Aufruf zur unbedingten Hingabe an Gott beeindruckte die drei Glaubensnovizen. Sie sahen darin einen Widerspruch zur Selbstverliebtheit der Showbranche. Doch ihr Manager überredete sie dennoch zu einer weiteren Tournee.

Heimatlosigkeit

Anschliessend schrieb U2 Rockgeschichte: als populärste Band der achtziger und neunziger Jahre. Doch je grösser der Erfolg, desto verschwommener wurde das christliche Bekenntnis. “Ich glaube, dass Jesus der Sohn Gottes ist”, erklärte Wortführer Bono 1989, beeilte sich aber hinzuzufügen: “Die Bezeichnung ‘wiedergeboren’ habe ich für mich nie akzeptiert.” Auch die anderen Religionen seien okay, Drogen und Abtreibungen übrigens auch. An dieser Haltung hat sich bis heute nichts geändert.

In einem kürzlich veröffentlichten Interview verbrämte Bono seine religiöse Heimatlosigkeit mit Bibelreferenzen: “Gottes Geist lässt sich nicht auf eine bestimmte Religion festnageln. Das mag ich. Irgendwo in der Bibel steht, dass der Geist wie der Wind weht – niemand weiss, woher er kommt und wohin er geht. Der Geist, den die Bibel beschreibt, ist anarchisch.” Bono redet und singt viel über “Gnade”, für ihn die “kraftvollste Idee der letzten paar tausend Jahre.” Mit dem “Gesetz” biblischer Herkunft steht Bono dafür auf Kriegsfuss: “Es ist gefährlich für einen Künstler, mit moralischem Gepäck unterwegs zu sein. Es gibt nur eine Pflicht: wahrhaftig sein und die eigenen Widersprüche nicht zukleistern.” Entsprechend ehrlich beschreibt Bono sein aktuelles Verhältnis zur Christenheit: “Manchmal komme ich mir eher wie ein ‘Fan’ vor. Ich kann den christlichen Anforderungen nicht gerecht werden.” Fast prophetisch klingt da der Refrain des 1987 erschienenen Nummer-1-Hits “I Still haven’t found, what I’m looking for” (Ich habe noch nicht gefunden, wonach ich suche).

Still haven't found what I'm looking for

Ich habe höchste Berge erklommen.
Ich bin durch die Felder gelaufen,
nur um bei dir zu sein.
Ich bin gelaufen, bin gekrochen.
Ich habe Stadtmauern überwunden,
nur um bei dir zu sein.
Aber ich habe noch nicht gefunden,
was ich suche.

Ich habe süsse Lippen geküsst,
fühlte heilsame Fingerspitzen. Es brannte
wie Feuer, dieses brennende Verlangen.
Ich habe mit Engelszungen geredet.
Ich habe die Hand des Teufels gehalten.
Es war warm in der Nacht.
Ich war kalt wie ein Stein.
Aber ich habe noch nicht gefunden,
wonach ich suche.

Ich glaube, dass mein Königreich kommen
wird, wenn alle Farben zusammenlaufen.
Aber ja, noch bin ich unterwegs.
Du brachst die Fesseln, du löstest die Ketten,
du hast das Kreuz getragen und meine Schuld.
Du weisst, das glaube ich.
Aber noch immer habe ich nicht gefunden,
wonach ich suche.

Geistliches Nomadentum

Ein chronisch “Suchender” ist auch Van Morrison – neben U2 die zweite Rock-Legende von der grünen Insel. Mit 55 Jahren hattte der gebürtige Nordire bereits 300 Lieder komponiert, darunter die modernen Klassiker “Gloria” und “Brown-Eyed-Girl”, ausserdem das Album “Astral Weeks” (Sternenwochen), das regelmässig unter die zehn besten Langspielplatten aller Zeiten gewählt wird. Ein schwieriges Genie: muffig und alkoholkrank, ein Getriebener, der nach eigenem Bekenntnis allen Ruhm für ein Stück Seelenfrieden” eintauschen würde.

In seiner Jugend war George Ivan Morrison den unterschiedlichsten religiösen Einflüssen ausgesetzt: dem Protestantismus seiner Schulkameraden, dem Atheismus seines Vaters, ganz zu schweigen von der Mutter, einer “Zeugin Jehovas”. Kein Wunder, dass der Van Morrison sich zum geistlichen Nomaden entwickelte: Er versuchte es mit Buddhismus, Hinduismus, sogar mit Scientology, bei deren Gründer, Ron L. Hubbard, der sich auf der Plattenhülle von “A Sense of Wonder” ausdrücklich bedankte. Ende der achtziger Jahre fand er zum Christentum. In dieser Zeit entstanden zwei seiner gelungensten Alben, “Poetic Champions Compose” (1987) und “Avalon Sunset” (1989): Aufwendige Orchesterarrangement unterlegen Texte über Bekehrungen (“Did Ye Get Healed” – Wurdest Du geheilt?) und Glaubenskrisen (“When Will I Learn to Live in God” – Wann werde ich lernen, in Gott zu leben?). Unverkrampft enthusiastisch klingt das Gotteslob in “Wherever God Shines His Light” (Wo immer Gott ist, leuchtet sein Licht), ein Duett mit Cliff Richard, den bei der Zusammenarbeit allerdings eine düstere Vorahnung beschlich. In einem Interview äusserte Richard, Van Morrison sei “voller Selbstverachtung” – von Seelenfrieden keine Spur. Vielleicht rächte sich, dass der Künstler, ein radikaler Individualist, nie einer christlichen Gemeinde beigetreten war – aus Prinzip. Er sei eben kein Gruppenmensch, begründete Van Morrison seine Bindungsscheu. 1995 veröffentlichte er mit “No Religion” (Keine Religion) einen offiziellen Abgesang auf seine christliche “Phase”. Ein Leben nach dem Tod schloss er jetzt aus. “Ich habe so viele Religionen ausprobiert”, erzählte er einem Journalisten, “keine hat funktioniert. Jetzt glaube ich an keine Mythen mehr.”

Das Kreuz verkommt zur Bühnendekoration

Die qualvolle Odyssee eines Van Morrisons, genau wie die aufrichtigen Glaubenanstrengungen einer Gruppe wie U2, scheinen einer vergangenen Zeit anzugehören. Seit den neunziger Jahren suchen Rockstars ihr Glück nicht mehr in Heilslehren, auch nicht unbedingt in radikalem Hedonismus, sondern irgendwo dazwischen. Experimentierfreude ist angesagt, die souveräne Vermischung von Stilrichtungen und Einstellungen. Das Kreuz verkommt zur Bühnendekoration, das Gottesbekenntnis zur interessanten Marotte.

Jesus ja – Gemeinde nein?

Ein Interpret, der Sex, Drogen, Rock’n Roll und Jesus scheinbar mühelos kombiniert, ist Richard Melville Hall. Unter dem Pseudonym “Moby” hat es der exzentrische Klangtüftler zur Kultfigur gebracht hat. Seine meistverkauften Platten heissen “Everything Is Wrong” (“Alles ist falsch”) und “Play” (“Spiel!”). Die Absage an Wahrheiten und der Appell zum zweckfreien Spiel – bei Moby ist das Programm. In seiner Musik mixt er Gospel-, Punk- und Techno-Elemente. In seinem Privatleben beschäftigt sich der radikale Vegetarier intensiver mit Pornographie (!) und, paradoxerweise, der Bibel. Auf seinen Nacken hat er ein Kreuz tätowiert, “wegen seines ästhetischen Wertes und weil ich Jesus Christus liebe”. Die Medien, denen kein Kontrast zu grell sein kann, beten das Lippenbekenntnis brav nach, etikettieren Moby als “frommen Christen”, ohne nach seiner Glaubenssubstanz zu fragen. Viel ist da nämlich nicht vorhanden. Gottesdienste besucht Moby keine, mit der Uralt-Begründung: “Es gibt einen grossen Gegensatz zwischen Jesus Christus und der tatsächlichen christlichen Kirche. Die Kirche regt mich auf, Jesus Christus bewundere ich.” Als typisch postmoderner Mensch bastelt Moby sich seine Privatreligion. Seine Skespis gegenüber dem real-existierenden Christentum hat er freilich mit “Oldies” wie U2 und Van Morrison gemein: Jesus-Fans sind sie vielleicht – aber keine Jünger.

Datum: 26.08.2002
Autor: Markus Spieker
Quelle: idea Deutschland

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