Muslime und die schweizerische Rechtsordnung

Freiburg i. Ü. Heute leben in der Schweiz über 300000 Angehörige des Islams. Sie sind damit nach der römisch-katholischen Kirche und den evangelisch-reformierten Kirchen zur drittgrössten Religionsgemeinschaft in der Schweiz herangewachsen. Der Staat und das aus ihm hervorgehende Recht stehen vor einer neuen religiös-kulturellen Herausforderung, die bewältigt sein will. Dies besonders mit Blick auf die islamische Rechtsordnung, die das schweizerische Rechtssystem in verschiedener Weise herausfordert.

"Muslime und die schweizerische Rechtsordnung" heisst ein neues Buch des Universitätsverlags Freiburg, das das islamische dem schweizerischen Rechtsystem gegenüberstellt. Ein Grossteil der Muslime sei aus islamischen Ländern zugewandert, in erster, zweiter oder bereits dritter Generation anwesend und werde auf Dauer in der Schweiz bleiben, begründen die Herausgeber, die Freiburger Kirchenrechtler René Pahud de Mortanges und Erwin Tanner, das Interesse am gewählten Thema.

Konfliktfelder

Die säkular konzipierte Rechtsordnung der Schweiz steht vielfach in Konkurrenz mit mehr oder weniger abweichenden Rechtsvorstellungen der islamischen Religionsgemeinschaft, die zugleich auch muslimische Kulturgemeinschaft ist. Im Zentrum des Buches stehen die Konflikte, die sich für Muslime und Nichtmuslime aus dem Nebeneinander der beiden Rechtssysteme ergeben. Nicht nur die vor Bundesgericht gelangten Fälle um Kopftuchtragen und islamische Bestattung werden im Buch besprochen, es wird eine systematische Übersicht über die möglichen Konfliktfelder geboten.

Wer etwa eine Erörterung des Begriffs des Dschihad (Heiliger Krieg) sucht oder sich für den Umgang des islamischen Rechts mit der Homosexualität interessiert, wer mehr wissen möchte über die Anerkennung oder Nicht-Anerkennung einer in der Schweiz geschlossenen Zivilehe in islamischen Ländern oder das Verbot für muslimische Frauen, einen nichtmuslimischen Mann zu heiraten, der findet in dem Buch Auskunft. Auch Spezialfragen finden Antworten, etwa jene, inwieweit nach islamischem Recht eine Ehe als beendet gilt, wenn eine Frau zum Islam übertritt, ihr Mann jedoch nicht.

Wahrung der religiösen Identität

Gemeinsames Anliegen der 26 Autoren des Buches ist es, Gestaltungsmöglichkeiten der schweizerischen Rechtsordnung aufzuzeigen, die es Muslimen möglich machen, unter Wahrung ihrer religiösen Identität in der Schweiz zu leben. Das verlangt jedoch von ihnen, dass sie sich in das von der Bevölkerungsmehrheit geschaffene Grundsystem des Staates einpassen und jene Regeln akzeptieren, die für alle gelten. Wie im Einzelnen dazu Spielräume und rechtliche Lösungsmöglichkeiten bestehen, das beschreiben die muslimischen und nichtmuslimischen Autoren in ihren Beiträgen.

Hinweis: "Muslime und schweizerische Rechtsordnung - Les musulmans et l'ordre juridique suisse", René Pahud de Mortanges und Erwin Tanner (Hrsg.), Band 13 der Freiburger Veröffentlichungen zum Religionsrecht, Universitätsverlag Freiburg (Schweiz), 622 Seiten, Fr. 86.—, 59 Euro.

Datum: 07.11.2002
Quelle: Kipa

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