Land der Superlative

In den USA erleben «Megakirchen» einen Boom

Die USA sind das Land der Superlative: Amerikaner fahren grosse Autos, besuchen riesige Einkaufszentren, stärken sich mit einer extra grossen Cola und verzehren Hamburger der Kategorie «supersize». Der Hang zum Grossen und Gigantischen macht sich sogar beim Kirchgang bemerkbar: Amerikas «Megakirchen» erleben einen Boom.

Nach einer neuen Studie gibt es rund 1200 Kirchengemeinden, die pro Woche im Durchschnitt mehr als 2000 Gottesdienstbesucher verzeichnen. Damit hat sich die Anzahl der «Megakirchen», die überwiegend in den Südstaaten konzentriert sind, in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdoppelt.

Kirchenchor umfasst 500 Mitglieder

Den Besucherrekord hält die «Lakewood Church» von Pfarrer Joel Osteen aus Houston: Jedes Wochenende kommen 30.000 Gläubige zum Gottesdienst. Allein der Kirchenchor umfasst 500 Mitglieder. Vor einiger Zeit zog der 43-Jährige mit seiner Gemeinde in ein ehemaliges Basketball-Stadion um. Für 95 Millionen Dollar liess er die Anlage umbauen: Jetzt passen 16.000 Menschen pro Gottesdienst hinein. Zusätzlich können seine Predigten von etwa 200 Millionen Amerikaner im Fernsehen verfolgt werden.

Die «Willow Creek Community Church» in South Barrington im US-Staat Illinois wird jede Woche von 20.000 Gläubigen besucht. Das Auditorium nimmt 7.100 Menschen auf. Damit alle anderen Pastor Bill Hybels gut sehen können, wird seine Predigt auf riesige Videowände übertragen. Und wer einen Gottesdienst verpasst hat, kann ihn wenig später im Internet als Video abrufen.

Zoom
Lobpreis in der Lakewood Church.

Hohes Niveau auch im Alltag gewöhnt

«Der Einfluss der Megakirchen ist gewaltig», sagt Scott Thumma vom Hartford-Institut für Religionsforschung, an dem die Studie entstand: «Sie setzen anderen Kirchen ein Beispiel und regen zu Experimenten an.» Es seien vor allem begeisterte Gemeindemitglieder, die über Mund-zu-Mund-Propaganda für den Zulauf sorgten. Sie sprechen Freunde und Nachbarn an und nehmen sie zu den Gottesdiensten mit.

Was die Menschen dabei vor allem erwarteten, sei Qualität, meint David Travis von «Leadership Network», einer kirchlichen Beratungsorganisation. Amerikaner seien an ein hohes Niveau im Alltag gewöhnt, und so erwarteten sie auch von der Kirche eine gute Präsentation.

Rund ein Drittel der Megakirchen versteht sich der Erhebung zufolge als überkonfessionell, sie stehen Christen aller Prägungen offen. Die restlichen 66 Prozent sind im weitesten Sinne protestantisch und rechnen sich zu den Baptisten, Methodisten oder Lutheranern. Charakteristisch für die Besucher der Megakirchen ist ihr junges Alter: Die meisten sind unter 35 Jahren, gut ausgebildet, verheiratet und haben Kinder.

Verschiedene Ausrichtung

Edmund Gibbs, Professor für Gemeindeaufbau an der theologischen Fuller-Universität in Pasadena, unterscheidet vier Kirchen-Typen: Kirchen, die nach der Tradition der Baptisten grossen Wert auf christliche Erziehung legen. Missionierende Kirchen, die religiös unentschiedene Menschen für sich gewinnen wollen. Eine weitere Gruppe verspricht ihren Anhängern eine materielle Verbesserung ihrer Lebensumstände, während ein vierter Kirchentyp sich vor allem an sehr junge Menschen wendet.

Wie gross der gesellschaftliche Einfluss der Megakirchen mittlerweile ist, lässt sich an der Bestseller-Liste der «New York Times» ablesen: Allein 2005 wurde sie von vier Pastoren solcher Megakirchen angeführt. Rick Warren von der «Saddleback Church» im kalifornischen Lake Forest verkaufte von «The Purpose Driven Life» (Wozu um alles in der Welt lebe ich?) 25 Millionen Exemplare. Laut «Publisher's Weekly» ist es das meistverkaufte gebundene Sachbuch.

Datum: 13.02.2006
Quelle: Epd

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