Zürcher Streetchurch

Black Music und der Hunger nach mehr

Anfang 2004 starteten die Gottesdienste der Streetchurch, seither hat sich ein Kern von Jugendlichen gebildet, die dazu gehören. Im Sommer wächst das Team um zwei Teilzeiter. Livenet hat Jörg Weisshaupt, einen der Väter der Streetchurch, zu ihrer Entwicklung befragt.

Livenet: Ihr habt vor einem Jahr begonnen. Wo steht die Streetchurch im Frühjahr 2005?
Jörg Weisshaupt: Aufbauphase dauert noch bis Ende 2006. Im Sommer 2003 haben wir das Team gebildet, seit Anfang 2004 gibt es Gottesdienste, zuerst in der Kanzleiturnhalle, seit September in der Kirche St. Jakob. Das Interesse ist sehr erfreulich: Rund 300 junge Menschen besuchen jeweils die Streetchurch.

Die Gottesdienste sind lebendig; sie beziehen die Jugendlichen mit ein. Total begeistert mich, dass jetzt nicht nur Rapper mitwirken, sondern auch ein Gospel-Ensemble. Es wird einmal im Monat durch einen Sänger aus St. Gallen geschult. Die vier Jugendlichen haben in drei Monaten einen Quantensprung gemacht. Wir haben uns für Black Music entschlossen – und dazu gehört mehr als Rap.

Gehen die Jugendlichen bloss hin – oder gehören sie auch dazu?
Wir schreiben im Prospekt: „Junge Gottesdienste braucht die Stadt.“ Doch die Vorstände – hier in Zürich und auch in Winterthur – haben schon immer bewusst von ‚Jugendkirche’ gesprochen, weil wir wissen: In Gottesdiensten bleiben Jugendliche hangen, Menschen mit Begabungen für Musik, Betreuung, Organisation – und anderseits Menschen mit seelischen Problemen. Für sie schaffen wir Gefässe. Vielleicht sind sie in der Gemeinde, aus der sie kommen, schon durchs Netz gefallen.

Warum?
Ich habe im Februar einen Mann angetroffen, der vor Jahren im Lord’s Meeting auftauchte und dann verschwand. Jetzt ist er wieder da. Er wohnt im Zürcher Oberland. Nun sagt er mir, er müsse sich endlich entscheiden, wo er hingehöre.

Um psychisch labile Leute aufzunehmen, müssten in den Kirchgemeinden Hauskreise gebildet werden, die nicht intellektuelle theologische Diskussionen führen, sondern eben dies als ihre Aufgabe sehen.

Was sollten denn diese Gruppen in den Kirchgemeinden leisten?
Da sein. Und die Verbindung schaffen zu einem Psychologen, einem Psychiater, Mut machen, dass er fachliche Hilfe in Anspruch nimmt. Sie sollten nicht so tun, als gäbe ihm der Glaube alles. Oder sie sollten ihm Arbeit vermitteln, ihn zur Berufs- und Laufbahnberatung begleiten.

Das sind die Menschen, die euch zu tun geben. Und jene, die anpacken wollen?
Wir wollen das bestehende Team ergänzen, damit die ehrenamtlich Mitwirkenden betreut werden und ein besonderes Gefäss erhalten. Pfr. Markus Giger ist dazu wegen seines Teilpensums als Gefängnis- und Anstaltseelsorger kaum in der Lage; er arbeitet bei uns 60 Prozent. Der Sozialdiakon Simon Obrist hat die 20 Prozent von Angela von Lerber übernommen und ist jetzt zu 70 Prozent angestellt.

Ab Sommer werden Fabio Carrisi und Reto Nägelin das Team mit je 50% ergänzen. Carrisi, ein begabter Gitarrist, macht bislang Jugendarbeit in der Kirchgemeinde Hottingen. Nägelin, im Cevi grossgeworden, hat die Schule für Diakonie in Greifensee durchlaufen und bei uns seinen Zivildiensteinsatz geleistet; er organisiert als passionierter Töfffahrer jeden Frühling den Mogoz (Motorradgottesdienst).

Für die Betreuung (Seelsorge, Leitung eines wöchentlichen Treffs, Kurs für Glaubens-Basics) wünschen wir uns auch Frauen. Ein Mittelschullehrer will einen halben Tag pro Woche ehrenamtlich für die Jugendkirche arbeiten. Ein Pfarrer und ein Sozialdiakon sind daran, ein Team von Freiwilligen zusammenzustellen.

Und in den Gottesdiensten: kommen da mehr Männer als Frauen?
Beim Zürifäscht rapten vor allem junge Männer auf der Bühne, die wir ihnen boten. Wir könnten jeden Abend das Mikrofon freigeben – es würden zig junge Männer kommen. Ende September werden wir ev. am Multimobil-Fest etwas mit ihnen machen. Wir wurden von der Stadtverwaltung angefragt, eine Rapper-Ecke zu betreiben. Aber zurück zur Frage:
Da viele Pfarrer mit Konfirmandenklassen die Gottesdienste besuchen, ist das Geschlechterverhältnis etwa ausgeglichen.

Um Gespräche und Gemeinschaft anzubieten, braucht die Streetchurch geeignete Räumlichkeiten. Hilfreich wäre z.B. ein Foyer. Wir sind auf der Suche.

Wo siehst du den Erfolg der Zürcher Jugendkirche?
In der klaren Ausrichtung auf Black Music. Sie spaltet natürlich die Jugendlichen; manche finden, es sei nicht ihr Stil. Aber die klare Stossrichtung gibt ein Profil. Ein Angebot, das allen passt, gibt es nicht. Ich finde weiter die Predigten von Markus Giger sehr wertvoll. Er holt die Jugendlichen auf der Gasse ab – Streetchurch! Sie sind Kirche nicht gewohnt. Aus dem ganzen Kanton kommen PfarrerInnen mit KonfirmandInnen; einer vom Zürichsee sagte mir: „Wir holen hier Impulse und setzen sie bei uns in der Gemeinde um.“

Positiv ist auch die diakonische Stossrichtung: Wir sprechen Jugendliche auf ihre Probleme an und suchen darauf einzugehen. Wir merken, dass wir ein Netz brauchen, dass sie weiter trägt und begleitet.

Wie viele Jugendliche zählen darauf, dass sie zu euch kommen können?
100, höchstens 150. Das Angebot gestalten wir für Jugendliche ab 16 Jahren; die örtlichen Jugendgottesdienste wollen wir nicht konkurrenzieren. Aber Pfarrer können ihren Könfis die Streetchurch als Option für später empfehlen (vielleicht kann ihnen ja die Kirchgemeinde nichts Passendes bieten).

Das ICF Zürich hat Leute aus einem sehr grossen Gebiet gesammelt, von Süddeutschland bis ins Bündnerland. Unser Team bringt Leute aus der Agglomeration zusammen. Der Anlass hat eine eigene Ausstrahlung, die junge Menschen packt. Mein 15-jähriger Sohn geht gern hin. Ich schicke Junge gern hin, weil ich weiss: Von der Botschaft bleibt etwas hängen.

Wo liegen die Probleme der Streetchurch?
Schön ist, dass Jugendliche kommen – auch mit ihren Nöten. Um ihnen zu geben, was sie brauchen, verausgaben sich unsere Leute. Und sie möchten das Team erweitern; dies fordert den Vorstand der Streetchurch und den Verband der Stadtzürcher Kirchgemeinden, der uns zur Hauptsache finanziert. Es gibt bei allem Wünschbaren Projektvorgaben und ein Budget (für 2005 erhielten wir bereits mehr als ursprünglich geplant).

Auch Winterthur hat ein sehr innovatives Team; es setzt mehr auf kulturelle Initiative. Zu ihrem nächsten Anlass am 22. Mai haben sie Bundespräsident Samuel Schmid eingeladen.

Jörg Weisshaupt ist im Vorstand der Zürcher Streetchurch für Kommunikation zuständig und gehört auch der Projektträgerschaft der Jugendkirchen Zürich und Winterthur an. Er leitet die Arbeitsstelle Kirche+Jugend der reformierten Kirchgemeinden der Limmatstadt.

Webseiten
Zürich www.streetchurch.ch
Winterthur www.church.ch
Überblick www.jugendkirche.ch

Datum: 12.05.2005
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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