«Im Namen Christi, vergebt uns»

Papst entschuldigt sich bei «ersten Evangelischen»

Die aktuelle Mission von Papst Franziskus lautet Vergangenheitsbewältigung: In Südamerika bat er Urvölker um Vergebung. Zuvor hat er bereits die evangelische Glaubensgruppe der Waldenser für begangene Grausamkeiten um Verzeihung gebeten. Die Waldenser sind über viele Jahre von der katholischen Kirche massakriert, verfolgt und unterdrückt worden. 

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Papst Franziskus
Am 22. Juni hat Papst Franziskus, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, die Glaubensgemeinschaft der Waldenser um Vergebung für die Verfolgung dieser «ältesten evangelischen Kirche» im Mittelalter gebeten. «Im Namen der katholischen Kirche bitte ich euch um Vergebung», sagte Franziskus in Turin beim ersten Besuch einer Waldenserkirche durch einen Papst überhaupt. «Ich bitte um Vergebung für die nichtchristliche und sogar unmenschliche Haltung und das Verhalten, das wir gegen euch gezeigt haben. Im Namen des Herrn Jesus Christus, vergebt uns!»

Von der Obrigkeit verfolgt

Die Waldenserkirche wurde im 12. Jahrhundert von Petrus Waldus gegründet, nachdem er seinen Besitz aufgegeben und ein Leben der Armut und der Verkündigung angefangen hatte. Sein mönchischer Lebensstil und seine Ideen waren ähnlich wie des Namensvetters des Papstes, Franziskus von Assisi, aber seine Betonung der Predigt als Laie und sein deutliches Eintreten gegen die Exzesse der Kirche brachten ihm die Exkommunikation ein. Die kirchliche Hierarchie lehnte Waldus genauso ab wie das Monopol des Klerus auf die Bibelauslegung. 300 Jahre vor Martin Luther kämpften die Waldenser gegen die Heiligenverehrung und den Ablasshandel.

Die Waldenser siedelten sich in Norditalien, nicht weit von der französischen Grenze, an. Die kleine Gruppe wurde während Jahren von Kirche und Obrigkeit erbittert verfolgt. Ziel war die physische Vernichtung dieser Bewegung. In einem berüchtigten Massaker in der Osterwoche 1655 allein wurden über 1'700 Waldenser auf einen Schlag umgebracht.

Tausende von Waldensern emigrierten nach Deutschland, wo sie Lutheraner wurden. Andere wanderten in die USA aus, wo viele sich den Presbyterianern anschlossen, und nach Südamerika, wo ein waldensischer Pastor Freundschaft mit Bischof Jorge Bergoglio schloss, bevor dieser Papst Franziskus wurde.

Italien und Südamerika

Die Waldenser haben heute nach eigenen Angaben etwa 100'000 Mitglieder und sind heute vor allem in Norditalien und Südamerika verbreitet. Der Papst hob die Präsenz der Waldenser in seiner Heimat Argentinien hervor und betonte besonders ihr soziales Engagement.

Dass Papst Franziskus nun mit dieser Glaubensgemeinschaft Frieden schloss, war nicht nur ein weiterer seiner ökumenischen Schritte. Der Papst drückte auch den Wunsch nach tieferer sozialer Zusammenarbeit aus, um der «leidenden Menschheit zu dienen - den Armen, den Kranken und den Migranten». Die Beziehungen zwischen den beiden Kirchen sei in den vergangenen Jahren immer enger geworden, sagte Papst Franziskus.

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Datum: 10.07.2015
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / Christianity Today

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