In Euskal Herria hat selbst der liebe Gott zwei Nationalitäten: Politik und katholische Kirche im Baskenland

An diesem Sonntag abend haben die drei autonomen Regionen des Baskenlandes ein Stelldichein. Der Anlass ist von Bedeutung: Die Real Sociedad, die Fussballmannschaft von San Sebastian, könnte die Milliardäre von Real Madrid zur Hölle schicken. Und ihnen den spanischen Meistertitel rauben. Die "Fiesta" in den lokalen Clubfarben blau-weiss ist durchaus nicht ohne politischen Bezug.

Die Altstadt San Sebastians ist reich beflaggt, zahlreich sind jedoch auch die Spruchbänder mit politischen Forderungen. Die "bescheidenste" verlangt für die Gefängnisinsassen aus Euskal Herria, wie die Basken ihr Land nennen, dass Madrid ihnen den Status von politischen Gefangenen zuerkennt.

Die Gassen füllen sich mit Menschen, die jubelnde Jugend gibt den Ton an. Sie straft die Clichés von einem feindlichen, gewalttätigen Land Lügen. Die Real Sociedad wird schliesslich nur Vizemeister. Unwichtig, denn "man hat den anderen Mannschaften Spaniens eine Nase gedreht", brüllt ein Mädchen zwischen zwei Tönen eines Liedes - auf Baskisch, das von den allermeisten gesprochen wird.

Die Beziehung zwischen der katholischen Kirche der Spanier und jener der Basken ist ein Spiegelbild der politischen Wirklichkeit: keine Liebesgeschichte. Der Wille, sich vom jeweils anderen zu unterscheiden, ist so ausgeprägt, dass selbst der liebe Gott zwei Nationalitäten zu haben scheint.

Die Kirche der Spanier hat eine belastete Vergangenheit, daran mahnt gerne die Kirche der Basken, besonders durch ihren Klerus. Um so mehr als sie seit langem Partei ergriffen hat für die Nationalisten, zumindest für das Recht auf Selbstbestimmung. Aber gegen die Brutalität der ETA-Terroristen.

Forderung nach einer baskischen Kirchenprovinz

"Die spanische katholische Hierarchie hat nach dem Muster der Regierung in Madrid immer versucht, die öffentliche Meinung zu täuschen, indem sie den Nationalismus mit dem Terrorismus der ETA verknüpft ", empört sich Pater Felix Bergara Zurutuza, Pfarrer von Eibar bei San Sebastian.

Er bekennt Farbe: "Wir wollen die Schaffung einer baskischen Kirchenprovinz und das Recht auf Selbstbestimmung. Wir wollen, dass eine Kirche anerkannt wird, die in ihrem Volk verankert ist - in seiner Identität, in seiner Sprache und seiner Kultur. Der Frieden hat diesen Preis."

Zurutuza ist Vorstandsmitglied des Kollektivs "Herria 2000 Eliza", einer Vereinigung von mehreren hundert baskischen Priestern und Ordensleuten, die alle erklärte baskische Nationalisten sind. Eine wichtige Gruppe im Baskenland. "Besonders im Bistum San Sebastian", räumt Leopoldo Barreda de Los Rios verdrossen ein, baskischer Parlamentarier und Präsident der PP (Partido Popular, Volkspartei von Präsident José María Aznar) in der Region Biskaya.

Bis zu ihm vorzudringen, ist nicht einfach. Er hält sich in einem Gebäude an einer der grossen Avenuen von Bilbao auf. Hier riecht alles nach Geld, und mit Misstrauen wird empfangen, wer sich nicht gebührend ausweisen kann. Mehrere Sicherheitsschleusen später schliesst sich eine äussere Türe, bevor sich, geschützt vor jedem Beschuss, eine andere öffnet und den Weg ins Allerheiligste freigibt.

Der Mann, den wir treffen, geht ohne den Schutz mehrerer Leibwächter nie aus dem Haus. Er war das Ziel von drei fehlgeschlagenen Attentaten. Die Vorwürfe, die er der baskischen Kirche macht, zeigen seine Erbitterung. "Seit langem hat sich diese Kirche mit den Nationalisten identifiziert." Für ihn "funktionieren Priester, Jesuiten und Franziskaner wie eine Kaderformation der nationalistischen Baskenpartei Partido Nacionalista Vasco (PNV)".

Baskische Bischöfe‚ abseits der Moral‘

Die PNV ist christlichdemokratisch ausgerichtet und seit den ersten Wahlen von 1976, ein Jahr nach dem Tod des Diktators Franco, die grösste politische Kraft in der autonomen Region. Selbst die baskischen Bischöfe finden vor dem Vertreter der PP keine Gnade: "Sie haben sich abseits der Moral auf politisches Terrain begeben."

Diese Äusserungen werfen ein Licht auf die Spannungen zwischen der spanischen Kirchenführung und der Bevölkerung der drei autonomen Provinzen des Baskenlandes, wo über 70 Prozent der Geistlichen sich hinter den Nationalisten einreihen und das Recht auf Selbstbestimmung einfordern, wenn man den Angaben des Journalisten Xabier Lekuona vertraut, der stellvertretender Chefredaktor der Tageszeitung "Egunkaria Aurrera" ist.

Redaktion geschlossen

Seine Zeitung wird ausschliesslich in Baskisch herausgegeben. Im ersten Stock eines Gebäudes in Andoain, rund 15 Kilometer östlich von San Sebastian, arbeiten etwa hundert Leute, zumeist Journalisten, in einem riesigen Raum. Alle bereiten die Herausgabe der dritten Nummer der unter dem neuen Namen "berria" erscheinenden Zeitung vor. Mit ihr führen sie die im vergangenen Februar auf Weisung der spanischen Justiz eingestellte Vorgängerin fort.

Die Türe zur alten Redaktion ist im übrigen noch immer versiegelt. Daneben Porträts von sechs Personen. Sechs ins Gefängnis geworfene Journalisten, drei von ihnen sind immer noch dort. "Präsident Aznar praktiziert die Politik der verbrannten Erde und geht gegen den baskischen Klerus vor", behauptet der Journalist.

Vor einigen Monaten, versichert dieser, sei eine von Madrid geleitete Operation gegen das Kloster Aranzazu in Oñate nahe San Sebastian im letzten Moment auf Intervention von Kirchenvertretern gestoppt worden. Laut Lekuona bestand das Ziel der Aktion darin, sich des Archivs zu bemächtigen, "unseres Gedächtnisses, wenn man so will".

Leichen ohne Namen

"Stimmt", bestätigt Gorka Agirre Arizmendi, Parlamentsabgeordneter der nationalistischen Bewegung PNV, der uns in der Parteizentrale unweit der Altstadt von Bilbao empfängt. Auch hier ist der Besucher eingeladen, sich gegenüber den Sicherheitskräften kooperativ zu verhalten. "Es ist wahr, dass die Kirche von Spanien sich mit ihrer Vergangenheit schwer tut. Und dass sie noch nicht fähig gewesen ist, die Franco-Diktatur zu verurteilen, mit der sie während des Bürgerkrieges 1936-39 einen Kreuzzug geführt hat."

Erst heute öffne man im Baskenland Massengräber, um zu versuchen, den darin befindlichen Toten dieses Bürgerkrieges einen Namen zu geben. "Würde man die Leichen im Irak exhumieren, hätte sich die Presse darauf gestürzt. Hier nicht. Schlimmer. 16 Priester - nach anderen Quellen 18 - waren wegen ihrer nationalistischen Einstellung erschossen worden. Noch heute wird ihnen eine christliche Grabstätte verwehrt."

Was vom Pfarrer von San Juan, Pater José Luis Aperribal, bestätigt wird. Er beklagt sich über die spanischen Prälaten: "Es gibt einen spanischen Nationalismus, ebenso wie es einen baskischen, galizischen und katalonischen Nationalismus gibt. Das Problem ist die Vormachtstellung in den Strukturen der Bischofskonferenz. Sie besteht nämlich aus Bischöfen, die vor spanischem Nationalismus strotzen."

Autor: Pierre Rottet

Datum: 01.09.2003
Quelle: Kipa

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige