Werden irakische Christen politisch ausgeschlossen?

Zürich. Für die irakischen Christen hat nach den Schrecken des Bombenkrieges und der Plünderanarchie seit dem Fall Saddams eine recht ungewisse Zukunft begonnen. Auf ihnen lastet die Zusammenarbeit von Tarek Aziz und anderen Politikern christlicher Herkunft mit dem gestürzten Regime.

Dieses war wenigstens in religiöser Hinsicht pluralistisch gewesen. Nun drängen aber radikale islamische Kräfte nach oben. Nicht nur bei der schiitischen Hälfte der Bevölkerung: Auch bei den mittelirakischen Sunniten und unter den Kurden. Wo diese mehr national als islamisch ausgerichtet sind, tritt jetzt ihr ethnischer Gegensatz zu den meist ostsyrischen Christen in den Vordergrund.

Allein schon die Kriegsschäden wären schlimm genug. Abgesehen vom Patriarchat der katholischen Chaldäer im Westen der irakischen Hauptstadt sowie einer ganzen Reihe von Kirchen und Schulen in Bagdad, Mossul und Kirkuk sind im Nordirak ganze christliche Dörfer ausgebombt oder von den anrückenden kurdischen Peschmerga-Milizen in Trümmer geschossen worden.

Kirchen und Klöster respektiert

Die Plünderungen und anderen chaotischen Zustände nach dem Zusammenbruch der Saddam-Diktatur haben zwar im kirchlichen Bereich doch weniger Opfer gefordert, als das zunächst befürchtet werden musste: Die Meldungen von Raubmorden an einem griechisch-orthodoxen Bischof und mehreren Pfarrern in Bagdad erwiesen sich als falsch. Generell richteten sich die Plünderungen gegen Regierungsgebäude und auch ausländische Botschaften, wo wertvolle Beute vermutet wurde.

Kirchegemeinden und Klöster hatten in den Kriegstagen schon alles mit der oft islamischen Nachbarschaft geteilt und Ausgebombten Obdach gewährt. Auch hielt die den Muslimen eigene Ehrfurcht vor Kirchen und christlichen Sakralgegenständen die Plünderer, die meist aus Bagdads schiitischem Armenviertel Medinet Saddam kamen, davor zurück, sich an liturgischen Objekten zu vergreifen. So haben doch so gut wie alle Kirchen, Pfarreien, Klöster und Ordensschulen die mehrtägige Plünderphase eher glimpflich überstanden.

Keine Bleibe mehr in Bagdad

Schwer heimgesucht wurden jedoch die Wohnviertel der Bagdader Christen und ihre Geschäfte. Da es sich bei den meisten von ihnen um kleine Handwerker und Händler handelt, stehen sie jetzt vor dem Nichts. Viele Chaldäer und assyrische Christen waren vor den Bomben aus den Städten in ihre Heimatdörfer in der Umgebung von Mossul geflohen. Von dort können sie jetzt nicht zurückkehren, weil - wie immer mehr Pfarrer übereinstimmend berichten - daheim in Bagdad und anderswo nur mehr die nackten Wände ihrer Wohnungen und Läden auf sie warten.

Viele leere christliche Wohnungen sind inzwischen auch von obdachlosen Schiiten einfach besetzt worden. Aus dieser Not werden jetzt noch mehr irakische Christen als schon in den Boykottjahren 1990 bis 2002 ihr Heil in der Auswanderung suchen, nachdem ihre Zahl bereits von ursprünglich eineinhalb Millionen auf weniger als die Hälfte gesunken ist.

Christsein unter Saddam

Zu einer regelrechten Kirchenbesetzung ist es allerdings jetzt nach dem Krieg in Basra durch militante Schiiten gekommen. Es handelt sich noch dazu um die chaldäisch-katholische Kathedrale der südirakischen Stadt. Gerade in den Augen der Schiiten sind Iraks Christen nun Freiwild, da sie vom Saddam-Regime begünstigt worden wären. Es wird da viel Aufklärungsarbeit im Irak, aber auch gerade im westlichen Ausland brauchen, um dieses schiefe Bild ins rechte Licht zu rücken.

Erst jetzt wagen sich Bischöfe, Priester und Laien mit offenen Berichten von der Lage unter Saddam hervor: Die Christen hatten ihre relative Kultfreiheit mit völliger politischer Knechtung und serviler Unterwürfigkeit zu bezahlen. Wer auch darin ein Christ zu sein versuchte, dass er Verfolgten der Diktatur beistand, wanderte selbst in die Folterkammern und Katakombenkerker Saddams. Und es gab weit mehr solche Christen, als bisher bekannt werden konnte.

Politischer Ausschluss?

Vorläufig schliessen aber auch Iraks neue amerikanische und britische Herren die seit Aposteltagen einheimischen Christen von der Mitarbeit an einer neuen, freieren Ordnung aus. Auf der Versammlung künftiger irakischer Volksvertreter Mitte April in Nassiriya am Euphrat waren nur Muslime und Kurden vertreten, kein einziger Sprecher der Chaldäer oder Assyrer.

Die Amerikaner drohen die Fehler der Engländer in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu wiederholen, als diese den damals von ihnen beherrschten Irak mit islamischen Arabern und Kurden gegen die ostsyrischen Christen regiert hatten. Die Folge war ein verzweifelter Assyrer-Aufstand, der in Konzentrationslagern und der Deportation nach Zypern endete. Von derartigen christlichen Brüdern und Befreiern haben die irakischen Christen langsam genug!

Autor: Heinz Gstrein

Datum: 24.04.2003
Quelle: KIPA

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