Fast ein Amokläufer

Danebengeschossen, aber von Gott getroffen

Es war am 10. November 1982, noch 15 Jahre vor dem Amoklauf an der Columbine High School in Littleton. Der damals 18-jährige James Quentin Stevens betrat die Braddock School im Städtchen Burke in Virginia/USA. Er wollte Menschen töten und danach sich selbst umbringen. Doch alles lief anders, als er sich das gedacht hatte.

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James Quentin Stevens
Wer James «T. J.» Stevens (55) heute trifft, hat einen anderen Menschen vor sich. Einen Menschen, der Gottes Liebe erfahren hat. «Es ist mein Ziel, Menschen zu lieben», erklärte er Christianity Today. «Ich wusste nicht, dass Gott mein Leben so gebrauchen kann. Als ich mich damals entschied, das Böse in meinem Leben zuzulassen, war ich bereits tot. Jeder Tag seitdem ist ein Geschenk, denn ich war ein lebender Toter.»

Der Amoklauf

Am Vorabend des 10. November 1982 war Stevens kurz davor, sich selbst umzubringen. Er fühlte sich leer, verlassen, hoffnungslos. Eine Pistole hatte er bereits als 16-Jähriger geschenkt bekommen. Doch jetzt hörte er Stimmen, die ihm erklärten, dass er andere Menschen töten müsste, um endlich Frieden zu finden. Also nahm er ein Jagdgewehr und ging damit am nächsten Tag zur Schule. Dort wurde er zunächst nicht ernst genommen. Viele dachten, er würde Werbung für ein Western-Theaterstück machen. Doch das änderte sich, sobald er zu schiessen begann. «Ich sah keine Menschen», meinte Stevens, «ich sah Beute. Verrückt ist, dass ich beim Schiessen über ihre Köpfe hinweg schoss. Und ich weiss nicht, warum.» Der 18-Jährige verschaffte sich erst einmal Aufmerksamkeit, als er in die Decke schoss, danach feuerte er in Klassenräume und Büros – immer daneben. In der Highschool waren 4'300 Personen. Die meisten flohen schnell. Doch zehn von ihnen hielt Stevens fest und verschanzte sich mit ihnen im Gebäude. 21 Stunden sollte diese Geiselnahme dauern.

In einem dokumentarischen Kurzfilm erzählt Stevens seine Geschichte nach: «The Rage of Evil – Die Raserei des Bösen». Darin beschreibt er unter anderem, warum der Amoklauf letztlich doch noch ohne Opfer ausging. Als Stevens merkte, dass er versagt hatte, schob er sich den Lauf seiner Waffe in den Mund, doch eine seiner Gefangenen stoppte ihn: «Du musst das nicht tun. Du hast niemanden verletzt.»

Drei Bekehrungen

Als die Frau ihn so anschrie, bemerkte er etwas, das sie um den Hals trug: ein kleines, goldenes Kreuz. Auf einmal wusste er, dass er ein Sünder war. Aber mehr noch: Er sah einen Arm, der in seine Dunkelheit reichte und ihm die Hand anbot. «Ich griff nach dieser Hand, und sobald ich das tat, wurde mein Herz wieder menschlich. Die Stimmen hörten auf. Ich empfand Mitgefühl für die Menschen um mich herum, konnte ihren Schmerz spüren. Sogar die Geiseln sahen die Veränderung.» Eine nach der anderen liess er die Geiseln gehen. Als er am Schluss verhaftet wurde, beantragte der Staatsanwalt 144 Jahre Gefängnis für ihn, aber er wurde «nur» zu 20 Jahren verurteilt.

Doch Gott hatte angefangen, zu ihm zu sprechen. Und als er zwei Jahre später erneut mit Selbstmordgedanken in seiner Zelle sass, wandte er sich an ihn: «Herr, ich habe der Welt und dir gezeigt, dass ich mit diesem Leben nichts anfangen kann. Jetzt nimm du es und zeig der Welt, was du daraus machen kannst.» Dort im Gefängnis machte Stevens seinen Frieden mit Gott. Und schon bald danach erhielt er die Möglichkeit, in den offenen Vollzug zu wechseln und in einer Behindertengruppe mitzuarbeiten.

Nach viereinhalb Jahren war er wieder ein freier Mann – und musste seinen Weg zurück in die Gesellschaft finden. «Meine dritte Bekehrung», nennt er diesen Schritt. In gewisser Weise war es der längste Weg.

Vergebung und Veränderung

Stevens fand bald nach seiner Entlassung einen Platz in einer Gemeinde, wo er mitarbeitet. Er ist inzwischen verheiratet, hat Kinder, ist Grossvater. Aber 30 Jahre lang konnte und wollte er seine Geschichte nicht veröffentlichen. «Ich fragte mich, warum Gott mich am Leben gelassen hat.» Ausserdem kämpfte er mit Schuldgefühlen und wollte seine Familie schützen. In die Öffentlichkeit ging er vor einem Jahr nach dem Schulmassaker von Parkland/Florida. Reporter der Washington Post erklärten ihm, dass sie noch niemanden getroffen hätten, der als Täter sein Leben so dramatisch geändert hätte wie er. Daraufhin erzählte Stevens seine Geschichte und gab letztlich das Einverständnis, sie auch zu verfilmen.

Erklärungen und Auswege

Nach jeder Nachricht eines weiteren Massakers – ob an einer Schule oder anderen Orten – bleiben die hilflosen Fragen im Raum stehen: Warum? Der Täter richtet sich ja meist nicht gegen persönliche Feinde. Hätte sich das Ganze voraussehen und vielleicht sogar verhindern lassen?

Der US-Kriminologe Professor Adam Lankford beschreibt eine Kombination aus Risikofaktoren: Suizidabsichten, Wut, das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, den Wunsch nach Ruhm und natürlich den möglichen Zugang zu einer Waffe. Psychische Störungen und Krankheiten können ebenfalls eine Rolle spielen, doch einfache Zusammenhänge gibt es hier nicht.

James Stevens zeigt noch einen weiteren Aspekt: das Böse. Er selbst spricht von dämonischem Einfluss in seinem eigenen Leben. Und er erfuhr, was geschieht, wenn dieses Böse immer mehr Raum einnimmt. So engagiert er sich heute, um denen zu helfen, die an der Schwelle zu einem Rückzug stehen, nach dem sie vielleicht zu Gewalttätern werden. Bevor der Berg aus Schmerz, Wut und Bosheit so gross ist, dass er alles beherrscht. Stevens arbeitet deshalb in erster Linie mit Kindern. «Du musst das Kind erreichen, während der Berg noch die halbe Höhe hat. Und du erreichst es mit Liebe.» Und bei allem Wissen um dunkle Mächte stellt Stevens eines klar: «Wenn dich das Böse bedrängt, dann hast du die Wahl.»

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Datum: 23.10.2019
Autor: Hauke Burgarth / Celina Durgin
Quelle: Livenet / Christianity Today

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