Umstritten

Richterin nimmt Verurteilte in den Arm

In ein Kreuzfeuer der Kritik geriet eine US-Richterin, weil sie eine Verurteilte nach Prozessende umarmte und ihr eine Bibel schenkte.

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Richterin Tammy Kemp umarmt die Verurteilte
Die afroamerikanische Richterin Tammy Kemp aus Texas sass einem Prozess vor, in dem die Umstände eines tragischen Totschlags verhandelt wurden. Danach verwechselte eine weisse Polizistin (31 Jahre alt) nach langer Schichtarbeit versehentlich das Stockwerk und trat in die falsche Wohnung in Dallas. Als sie jemanden in der Wohnung bemerkte, zog sie ihre Waffe und schoss, weil sie einen Eindringling vermutete (Livenet berichtete).

Der 26-jährige afroamerikanische Nachbar erlag den Schüssen. Der Polizistin wurde sofort die Diensterlaubnis erzogen und sie musste sich für den Totschlag vor Gericht verantworten. Sie wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Hohe Wellen der Kritik wegen berührter Richterin

Die Richterin war vermutlich von den tragischen Umständen der Tat sehr betroffen. Zeitungen berichten, sie habe Tränen in den Augen gehabt. Tammy Kemp sprach zunächst mit den Eltern der Täterin und umarmte sie. Dann wandte sie sich der Verurteilten zu, umarmte sie und schenkte ihr die eigene Bibel.

Das Verhalten der Richterin sorgt zurzeit für hohe Wellen in der amerikanischen Öffentlichkeit. Da gibt es heftige Kritik, aber auch viel Zustimmung. Kritiker bezeichnen ihr Verhalten als «unethisch». Andere sehen in der Weitergabe der Bibel ein Problem, weil hier Amt und persönliche Überzeugung verquickt würden.

Schwarz contra weiss

Afroamerikaner reagierten mit Unverständnis auf das Verhalten der Richterin und vertraten die Auffassung, dass ein umgekehrter Fall – dass eine weisse Richterin eine farbige Verurteilte umarme und Verständnis zeige kaum denkbar wäre. Mit einer Petition versuchen Kritiker nun zu erreichen, dass die Richterin nicht mehr den Vorsitz in Prozessen führen darf. Andere forderten ein Ermittlungsverfahren, das das Verhalten der Richterin untersuchen solle.

Doch es gibt nicht nur Kritiker. Viele begrüssen die Reaktion der Richterin und halten sie für ein Zeichen des Mitgefühls und eine Geste der Menschlichkeit.

Erst nach offiziellem Prozessende

Die Kritik an ihrem Verhalten kann die Richterin nicht nachvollziehen. Auch den Zorn mancher Kritiker verstehe sie nicht. Tammy Kemp machte deutlich, dass sie erst nach dem offiziellen Ende des Prozesses auf die Verurteilte zugegangen sei. Dies geschah, nachdem der Bruder des Opfers die Verurteilte umarmt und ihr Vergebung zugesprochen hatte.

Dass ihr Verhalten auch Fragen des Umgangs zwischen Schwarzen und Weissen betreffe, ist für sie ebenso unverständlich. Die Farbe der Täterin habe keinerlei Rolle gespielt, sondern ihre eigenen persönlichen Überzeugungen und ihr Glaube. Fragen des Glaubens orientierten sich nicht an einer Situation oder der Zugehörigkeit zu einer Rasse.

«Ja, Gott kann vergeben und er hat es getan»

Sie habe in der Verurteilten eine Frau gesehen, die nach Vergebung gesucht habe und darauf habe sie reagiert. Die Verurteilte habe sie gefragt, ob sie denke, dass Gott ihr vergebe. Sie habe geantwortet: «Ja, Gott kann vergeben und er hat es getan.» Kemp habe der Verurteilten die Bibel geschenkt, weil sie nicht wollte, dass sie im Gefängnis in Selbstzweifel und Selbstmitleid versinke und bitter werde. Sie habe ja noch ein Leben nach der Strafe vor sich.

Hier spricht Tammy Kemp über die Umarmung:

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Datum: 09.10.2019
Autor: Norbert Abt
Quelle: Der Spiegel / Livenet

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