Brasiliens Ureinwohner stehen unter grossem Anpassungsdruck

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Tanz der Kayapo-Indianer
Halbnackte Amazonas-Indianer mit Federschmuck, Pfeil und Bogen: Die meisten Europäer stellen sich die Ureinwohner Brasiliens romantisch vor. Ein Bild, das vielleicht noch im Jahr 1500 stimmte, als das heutige Brasilien von einer portugiesischen Expedition entdeckt wurde. Damals lebten hier mehr als fünf Millionen Indios. Heute wird ihre Zahl auf etwa 600.000 geschätzt.

Die Ureinwohner stehen in permanentem Überlebens- und Anpassungskampf, weil ihnen die westliche Zivilisation der Weissen nur ganz wenige Rückzugsgebiete liess. Bestenfalls einige tausend Indios leben, teilweise noch völlig isoliert, im Einklang mit Stammestraditionen und der Natur. Der grosse Rest ist mehr oder weniger deutlich akkulturiert.

Besucher aus Europa beobachten oft schockiert, dass in Indio-Dörfern den ganzen Tag der Fernseher läuft. Viele Bewohner trinken übermässig Zuckerrohrschnaps. Überlieferte Rituale werden heute mit Akkordeon und Gitarre statt traditioneller Instrumente begleitet, denn die meisten mögen Samba und Pop weit mehr als die eigene Musik. Der "edle Wilde" als vorbildlicher Hüter des Urwalds? "Nicht wenige Stämme haben das vergessen", stellt Saulo Feitosa, Koordinator des katholischen Indianermissionsrates Cimi fest. "Viele Indioführer wurden von den Weissen korrumpiert."

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Eigenvernichtung

Ureinwohner vernichten nun ebenfalls Urwald; Häuptlinge werden durch illegalen Handel mit Edelhölzern, Diamanten und Rauschgift zu Millionären. Indios verkaufen vom Aussterben bedrohte Tiere an Touristen, jagen mit Schrotflinten und fischen mit Dynamit. "In unserem Fluss gibt es jetzt überhaupt keine Fische mehr", klagt Häuptling Miquiles vom Stamm der Tuxaua. Doch eine Minderheit stemmt sich gegen den Trend. Sie will die Kultur der Indios, die Stammestraditionen und die letzten der einst mehr als 1.000 Indio-Sprachen vor dem Aussterben bewahren.

Noch gibt es 180 eigene Sprachen in dem Tropenland, Tendenz sinkend. So sprechen den Gaviao-Dialekt Amazoniens beispielsweise nur noch 360 Personen. Ein Weg die Sprachenvielfalt zu retten, bildet dabei die Musik. Denn viele Indianer haben erkannt, dass ihre Rhythmen einen wachsenden Marktwert haben und Überliefertes zu retten ist, indem sie es mit Hilfe moderner Technik auf CDs und Videos festhält.

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Itamar Pereira dos Santos

Musik wird bewahrt

"Traditionelles wird vielerorts sogar wiedererlernt und neu interpretiert", sagt Musik-Ethnologin Marlui Miranda in Sao Paulo. Sie unterstützt viele Stämme, auch als Interpretin. Auch Miranda ist es zu verdanken, dass in Brasilien derzeit so viele indianische Ethno-CDs wie nie zuvor erschienen. "Es gibt kaum einen grösseren Stamm, der seine Musik nicht dokumentiert - auch im Interesse des eigenen Überlebens."

Auch immer mehr indianische Intellektuelle, Schriftsteller und Regisseure machen von sich reden. Indios erhalten Stipendien, um ihre eigene Kultur zu erforschen und zu verbreiten. Stammes-Websites wie www.indiosonline.org.br waren noch vor kurzem völlig undenkbar. Gleichzeitig suchen viele indianische Musiker den Kontakt mit der Welt der Weissen: Sie schreiben Popmusik in Portugiesisch und nicht in der Stammessprache. Der Nachwuchskünstler Sauide vom Stamm der Xavante benennt seine klaren Ziele: "Ich will ein Popstar werden!" Zwar hat er noch keine CD herausgebracht, aber seine Konzerte haben enormen Erfolg.

Mozart im Urwald

Einen anderen Weg geht der Musiker und Dirigent Itamar Pereira dos Santos vom Konservatorium der Amazonas-Grossstadt Manaus. Er unterrichtet jede Woche in Urwald-Dörfern, auch wenn er dazu manchmal stundenlang im Boot unterwegs ist. "Chopin und Mozart hören die Indios mit Genuss", verrät Pereira. Die Kleine Nachtmusik, gemeinsam gespielt von einem klassischen Orchester und von Amazonas-Indianern mit traditionellen Instrumenten wie Schildkrötenschalen wurde sogar auf CD gepresst. "Ponte entre Povos", Brücke zwischen Völkern, nannte Marlui Miranda das Projekt.

Autor: Klaus Hart

Datum: 19.08.2005
Quelle: Kipa

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