Weltweite Spaltung

Endloser Streit um Schwule und Lesben in US-Kirchen

Kein Streit entzweit protestantische Kirchen in den USA so aussichtslos und quälend wie der Streit um Homosexualität. Bei den Anglikanern droht deswegen gar eine weltweite Spaltung.

Der presbyterianische (reformierte) Pfarrer Stephen Van Kuiken in Cincinnati, der mehrfach Homosexuelle getraut hatte, war zuerst mit einem Verweis bedacht und dann des Amts enthoben worden. Anfang Mai ist er von der Kirche wieder eingesetzt worden.

Die oberste Rechtsinstanz der US-Presbyterianer hatte zwar 2002 festgehalten, dass die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen wird. Doch dürfen Geistliche gleichgeschlechtliche Partnerschaften segnen – wobei nicht von Trauung gesprochen werden darf.

Wortklauberei

Die Verurteilung Van Kuikens, der selbst verheiratet ist, wurde wegen eines Verfahrensfehlers (Verurteilung, während Rekurs gegen Verweis hängig war) mit 6 zu 4 Stimmen aufgehoben.

Die zweite Instanz drückte sich mit Wortklauberei um einen wegweisenden Entscheid. Van Kuiken meinte, das Urteil werde jene ermutigen, die Homosexuelle trauen wollten. Er verlässt die Kirche, um eine unabhängige Gemeinde zu betreuen.

Kirchliches Recht – wozu?

Die oberste Rechtsinstanz der Methodistenkirche (United Methodist Church, UMC), hat am Dienstag entschieden, dass es ihr nicht zusteht, den Freispruch einer lesbischen Pastorin in Frage zu stellen. Karen Dammann war im März von einer Jury von 13 Pastoren im Staat Washington von dem Vorwurf freigesprochen worden, ihr Lebensstil sei mit dem Christentum unvereinbar.

Die Jury urteilte, die Kirchenordnung der Methodistenkirche lasse eine Anklage nicht zu, wenn eine lesbische Pastorin sexuell aktiv sei. Die 47-jährige Dammann, Mutter eines fünfjährigen Knaben, hatte sich mit ihrer Partnerin im März zivil trauen lassen.

‚Kirchenspaltend’

Konservative Methodisten waren empört und bezeichneten das Urteil der Jury als kirchenspaltend. Denn die Kirche hat das Verbot, Schwule und Lesben als Pastoren zu ordinieren. Die Generalkonferenz der UMC, die derzeit in Pittsburgh tagt, bestätigte diese Linie, indem sie zahlreiche Resolutionen mit Schwulen- und Lesben-Forderungen zurückwies.

So lehnten die Delegierten auch eine Entschliessung ab, wonach Christen in der Sache gegensätzlicher Meinung sind. Auch die Rechtsinstanz selbst, die im Schoss der Generalkonferenz Sitzungen abhält, beschloss, dass – in Zukunft – ein Bischof niemand in ein Amt einsetzen kann, der in einem kirchlichen Verfahren als „bekennender, praktizierender Homosexueller“ bezeichnet worden ist.

‚Der Teufel in der Kirche’

Vom Streit weltweit erschüttert wird die anglikanische Kirche. Die Wahl des homosexuell lebenden Gene Robinson zum Bischof von New Hampshire entzweit die Anglikaner rund um den Globus – ein Albtraum für die Kirchenleiter. Die Reaktionen reichen von Begeisterung über Genugtuung, Besorgnis und Traurigkeit bis zu scharfem Protest, Abscheu und Verdammung.

Besonders empörte Stimmen kommen aus Afrika. „Es ist klar: Der Teufel ist in unsere Kirche eingedrungen“, sagte der kenianische Erzbischof Benjamin Nzimbi nach der Weihe Robinsons. Seine Kirche werde mit der Kirchenleitung in den USA, die die Wahl bestätigte, nichts mehr zu tun haben, von ihr auch keine Missionare mehr annehmen. „Unser Verständnis der Bibel verträgt sich mit dem ihren nicht“, sagte das kenianische Kirchenoberhaupt.

Nicht mehr zusammenzuhalten

Um einen formellen Zerbruch zu verhindern, erwägen die anglikanischen Kirchenleiter offenbar die Lockerung der weltweiten Bande. Die Kirchengemeinschaft würde in eine weniger formelle "Föderation" von Kirchen umgewandelt . Die Londoner "Times" berichtete am Montag, eine Kommission solle bis Ende Jahr das Projekt debattieren.

Die Kirchen der einzelnen Länder würden sich weiterhin als anglikanisch bezeichnen und offiziell über den Erzbischof von Canterbury der anglikanischen Gemeinschaft angehören. Die einzelnen Kirchen könnten dann jedoch selbst darüber entscheiden, wie ihre Beziehungen zu anderen Bistümern und anderen anglikanischen Kirchen aussehen sollen.

Der Vorsitzende der Kommission, der irische Erzbischof Robin Eames, bat am Wochenende in einem Brief alle Erzbischöfe und Landesführer, die Ergebnisse der Beratungen in der Kommission zunächst abzuwarten und sich noch nicht von der Mutterkirche zu trennen.

Neben den Anglikanern in den USA hat auch die westkanadische Diözese New Westminster den Zorn des konservativen Flügels der Kirche auf sich gezogen, indem sie gleichgeschlechtlichen Paaren den kirchlichen Segen erteilte. Seitdem fordern Bischöfe um den einflussreichen Primas von Nigeria, Peter Akinola, Sanktionen gegen die beiden Kirchen.


Wenn Beamte um Mitternacht arbeiten…

Die Stadt Cambridge im Bundesstaat Massachusetts, wo die weltberühmte (einst von Puritanern gegründete) Harvard University steht, will die erste sein, die Schwule und Lesben traut. Anträge sollen ab dem 17. Mai eingereicht werden können. Das Stadthaus soll am Vorabend um elf bereits Hochzeitstorte servieren und ab Mitternacht die Anträge entgegen nehmen.

Das Oberste Gericht von Massachusetts hatte im November letzten Jahres das Verbot von Homosexuellen-Trauungen als nicht verfassungsmässig aufgehoben. Der liberale Staat an der Ostküste wird ab dem 17. Mai Schwulen- und Lesben-Trauungen zulassen – und Cambridge will die Nase ganz vorne haben.

Presbyterianische Kirche der USA: www.pcusa.org

United Methodist Church: www.umc.org

Weltweite Anglikanische
Gemeinschaft: www.anglicancommunion.org

Datum: 06.05.2004
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

Glaubensfragen & Lebenshilfe

Anzeige