Amerikas Evangelikale

Bewegung im „christlichen Dschungel“

Der MDR-Journalist und Historiker Markus Spieker hat für das idea Spektrum eine dreiteilige Serie über die „Evangelikalen“ in den USA verfasst. Es ist eine Reportage über Glanz, Grösse, Kitsch und Illusionen, aber auch über einen neuen Trend hin zu Moral und überzeugendem Leben.

Spieker hat 1993/94 in Los Angeles studiert und damals eine Doktorarbeit über Hollywoodfilme geschrieben. 10 Jahre später hat er das Land wieder bereist und sich dabei auf Kontakte mit der bunten Spielwiese evangelischer Christen konzentriert.

„Die USA sind mit ihrer wild wuchernden Religiosität wie ein Dschungel“, stellt der Autor fest. Nicht nur sind die amerikanischen Kirchen ganz anders organisiert, als in Europa. Sie sind unternehmerisch orientiert, und viele haben grosse Erfolge: „Die 10 grössten Kirchen in Los Angeles ziehen an einem normalen Sonntag so viele Besucher an wie der (deutsche) Ökumenische Kirchentag an allen vier Tagen zusammen“, stellt Spieker fest. Das amerikanische Christentum sei weit weniger als das europäische an die Mächte der Welt gebunden. Allerdings bestimme in den USA der Markt das Gemeindewachstum. Das Ergebnis: Die Evangelikalen sind auf dem Vormarsch. Die liberalen Traditionskirchen kriseln entweder, oder sie werden evangelikal. Die USA zählen „die die meisten bekennenden Christen“ auf der Welt.

Doch in Amerika gibt es auch einen grassierenden Wildwuchs innerhalb der evangelikalen Szene. Tele-Evangelisten bieten Gebetshilfe gegen Dollar-Überweisungen an. Aus pompösen, schlossähnlichen Fernsehstudios wird die schlichte christliche Botschaft gepredigt. „Im Dschungel gibt’s eben auch Affen“, stellt der Autor fest. Ihm fällt auf, dass gerade die Evangelikalen in weiten Kreisen der amerikanischen Bevölkerung einen schlechten Ruf haben. Die boomenden Mega-Kirchen gelten als ein Mega-Geschäft. Viele Wohlstands-Evangelisten haben sich ein Abzocker-Image eingehandelt. Evangelikale, so der verbreitete Eindruck, predigen Gott und dienen dem Mammon. In einer aktuellen Umfrage landeten Evangelikale in punkto Beliebigkeit auf dem vorletzten Platz, hinter Immobilienmaklern, vor Prostituierten. Die mögliche Ursache davon umschreibt Spieker mit einem Zitat von Os Guiness: „Die heutige Kultur macht es ziemlich einfach, Menschen zu evangelisieren, und unheimlich schwer, sie zu Jüngern zu erziehen.“

Dies bedeutet nicht, dass auch in Mega-Kirchen gut gearbeitet wird und das Evangelium zur Nachfolge aufruft. Auch solche Kirchen erleben Wachstum, wie Spieker an Beispielen beschreibt. In seinem Buch „Das Geheimnis geistlichen Wachstum“, das als „christliches Buch des Jahres“ ausgezeichnet wurde, stellt Dallas Willard die zentrale These auf: Gott will die Gläubigen zur weltverändernden Kraft formen – nur müssen die Gläubigen auch wollen. Geistliches Wachstum ist beides: Geschenk und Gebot.

Spieker stellt auch eine Gegenbewegung zum lauen Massen-Christentum, das sich vor allem als konservative politische Kraft manifestiert, fest: Eine Rückkehr zu strengen moralischen Normen. Viele haben die Heiligkeit des christlichen Lebens wieder erkannt. Die Kampagne „Wahre Liebe Wartet“ wurde 1993 von den Südlichen Baptisten ins Leben gerufen. Sie hat erreicht, dass Jungfräulichkeit zum trendigen Statussymbol wurde. Die amtierende Miss Amerika, Erika Harold, will bis zur Ehe warten, genau wie einige ihrer Vorgängerinnen.

„Doch nicht nur die Keuschheitsgürtel werden enger geschnallt“, so Spieker; „im Einklang mit der Bergpredigt wird auch soziales Engagement gross geschrieben.“ Mark Dever, Pastor einer grossen Baptistenkirche im Washington, verzichtet z. B. auf spezielle Veranstaltungen für Singles. „Ich lade sie stattdessen ein, sich um Obdachlose und einsame Alte zu kümmern“, verrät er dem Autor. Andere Mega-Kirchen unterhalten Krankenhäuser, Anlauf-, Behandlungs- und Schlafstellen für Drogenabhängige, Obdachlose, Banden-Mitglieder und Prostituierte.

Evangelisches Christentum in den USA hat eine gute Chance, wieder glaubwürdiger zu werden.

Websiten: www.idea.de und www.ideaschweiz.ch

Datum: 14.01.2004
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet.ch

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