Corona-Krise in Afrika

«Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit»

Das Coronavirus hat die Wirtschaft und die Gesundheitssysteme in Europa vielerorts an den Anschlag gebracht – auch in Ländern, die eigentlich als sehr stabil gelten. Nun greift das Virus auch in im globalen Süden um sich.

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Kinder aus Afrika (Bild: SAM Global)
«Es ist nicht auszumalen, was passiert, wenn das Virus unsere Einsatzländer mit der gleichen Wucht trifft», sagt Jürg Pfister, Leiter der Schweizer Non-Profit-Organisation SAM global. SAM global ist unter anderem in Indien, Guinea, Burkina Faso, Kamerun, Tschad und Brasilien tätig.

«Die Gesundheitssysteme sind in vielen dieser Länder ohnehin schon katastrophal. Jeden Tag sterben Menschen an einfachen, längst heilbaren Krankheiten, da sie kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Dazu kommt, dass gerade die ärmsten Familien beispielsweise in den Slums oft auf sehr engem Raum leben und sich das Virus dort wie ein Lauffeuer ausbreiten kann», erklärt Jürg Pfister.

Vorher reichte es zum Überleben

«Viele Familien hatten vor der Corona-Krise schon fast nichts und verdienten jeden Tag nur das, was sie gerade zum Überleben brauchen – die Ausgangssperren, die vielerorts schon verhängt wurden, sind für sie verheerend.» In einigen Ländern ist die Gefahr, an Hunger zu sterben, inzwischen deutlich grösser, als an Corona.

«Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Als die ersten Fälle aufgetreten sind, haben wir sofort angefangen, zu sensibilisieren und das, was wir aus Europa und Asien über das Virus und die Ausbreitung wissen, an unsere Teams und Partner in den Ländern weiterzugeben, unter anderem das Material vom BAG», berichtet Jürg Pfister.

BAG-Plakate in Guinea

In Guinea konnte man die Kirche dafür gewinnen, nationale Sensibilisierungsaktivitäten durchzuführen. «In einigen guineischen Dörfern hängen jetzt die roten Plakate vom BAG, die wir auch hier in der Schweiz überall sehen!» In anderen Ländern steht die Nothilfe und die Versorgung im Vordergrund: «In Brasilien, Indien und Sri Lanka verteilen wir mit unseren Partnern Essenspakete an Familien, die wegen der Ausgangssperre keinen Verdienst mehr haben.»

Während die Projekte im medizinischen Bereich derzeit auf Hochtouren laufen und das Personal zum Coronavirus geschult wird, sind viele andere Projekte, gerade Schulen, Kindergärten und Berufsausbildungszentren derzeit wegen der Pandemie geschlossen. Mehrere Schweizer Mitarbeitende sind zurückgekommen, manche mussten innerhalb von Stunden aufbrechen.

Junge Erkrankte

Corina H. (möchte nicht mit ganzem Namen genannt werden), Medizinstudentin, war im vergangenen Jahr als Einsatzleistende in Westafrika, dies im Rahmen der Dissertation für ihr Medizinstudium. Am «Centre Hospitalier Régional Spécialisé» (CHRS), einem kleinen Spital in der Waldregion von Macenta in Guinea, machte sie elastografische Leber-Untersuchungen bei Hepatitis B-Patienten und sammelte entsprechende Daten.

«Dies mit dem Ziel, auf die oft noch sehr jungen, aber bereits schwer leberkranken Patienten aufmerksam zu machen und ihnen und allen zukünftigen Hepatitis-Patienten eines Tages vielleicht so eine Behandlung zu ermöglichen. Das CHRS ist auf Tuberkulose, HIV/AIDS und Lepra sowie andere chronische Erkrankungen spezialisiert», erklärt Corina H.

Ebola war Unglück

Fast das ganze Dorf betet, lacht, tanzt und singt zusammen in der Kirche oder draussen, arbeitet auf den Feldern oder trifft sich zu den gemeinsamen Mahlzeiten. «Gekocht werden meistens einfache Speisen wie Reis oder Gemüse, oft von wenigen Frauen für viele Personen zubereitet. Gegessen wird, da weder Teller noch Besteck verfügbar sind, mit den Händen, meist von jung bis alt aus demselben Topf.»

Es ist noch nicht lange her, dass das Land von Ebola besonders stark betroffen war. «Einmal sprach ich in meiner Sprache mit jemandem über 'Ebola', als ein Kind neben mir richtig zusammenzuckte und mich mit verschreckten grossen Augen darauf hinwies, dass es Unglück bringe, dieses Wort auszusprechen.»

Corona-Regeln schwer einzuhalten

Die Einwohner sind zwar durch die vorgängige Ebola-Krise in gewisser Hinsicht auf Schutz- und Hygienemassnahmen sensibilisiert, trotzdem sind vermeintlich einfache Dinge wie regelmässiges Händewaschen an einem Ort, wo es kein fliessendes Wasser gibt und man mit einem Kessel das Grundwasser für das gesamte Dorf aus einem kleinen Brunnen holt, schwierig, wenn gar unmöglich umzusetzen.

«Auch können es sich die Leute nicht leisten, Vorräte zu kaufen, sie sind täglich auf Geldeinnahmequellen angewiesen», so Corina H. Deshalb gehen die Menschen fast täglich auf den Markt.

Hinzu kommt, dass oft mehrere Leute gleichzeitig auf den wenigen, verfügbaren Verkehrsmitteln unterwegs sind und die Übertragungschancen so ebenfalls erhöht werden.

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Datum: 22.04.2020
Autor: SAM Global
Quelle: Livenet / SAM Global

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