Christin in Sudans Führung

Anwältin, «Dienerin des Messias» und Retterin sudanesischer Christen

Im Sudan regiert jetzt ein «Souveräner Rat» aus Offizieren und Zivilpolitkern – und einer «neutralen» Juristin. Sie ist Christin.

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Rayaa Nicol Abdel Masih (ganz rechts)
Nach der Übergangsherrschaft einer Militärjunta, die drei Jahrzehnte Diktatur des Islamisten Omar al-Baschir ablöste, hat sich Sudan auf eine demokratische Ordnung festgelegt: Seit dem 18. August hat für die nächsten 39 Monate ein «Souveräner Rat» aus je fünf Offizieren und Zivilpolitkern sowie einer «neutralen» Juristin das Sagen. Die Tatsache, dass es sich bei ihr um eine koptische Christin handelt, löste freudige Überraschung aus. Ebenso die Eröffnungssitzung des neuen Führungsgremiums, bei der auf das übliche Gebet «Bi l-ism Allah» (Im Namen Allahs) die Segnung durch einen koptischen Priester folgte.

Nubien – ein christliches Land

Bisher wusste man aus dem Sudan von Reformierten, Lutheranern und Freikirchen sowie Katholiken – und vor allem von ihren Nöten unter den politislamischen Regimen seit den frühen 1980er Jahren. Von Kopten war selten die Rede, und dies obwohl Sudan bis um etwa 1500 unter dem Namen Nubien ein christliches Land war. Nach seiner Islamisierung kamen erst im 20. Jahrhundert unter britisch-ägyptischer Verwaltung nebst westlichen Glaubensboten auch Kopten als Händler, Ärzte und Apotheker in den Sudan. Für sie wurden ein Bistum in der Hauptstadt Khartum und in Omdurman eingerichtet. Die sudanesischen Kopten führten aber ein abgeschlossenes, kaum beachtetes Leben.

Wie die «Dienerin des Messias» eine christliche Frau rettete

Ebenso wenig kannte man im Westen bislang die koptische Anwältin Rayaa Nicol Abdel Masih, die jetzt das «Zünglein an der Waage» zwischen Militär und Zivilisten in der neuen sudanesischen Führung sein wird. Umso bekannter, ja beliebt und verehrt ist die Anwältin mit dem Familiennamen Abdel Masih, «Dienerin des Messias». Und zwar bei ihren bedrängten Mitchristinnen und Mitchristen, denen sie in Prozessen vor Scharia-Gerichtshöfen beistand, wenn sie von der islamistischen Obrigkeit bedrängt wurden.

Berühmt wurde sie durch die Rettung einer von ihrer koptischen Mutter christlich erzogenen Frau, die einen Kopten geheiratet hatte. Der übergangene Muslim-Nebenbuhler zeigte sie – schon hochschwanger – bei den Scharia-Richtern wegen «Abfall vom Islam und Hurerei» an. Da ihr Vater islamischen Glaubens war, wäre sie dieser Religion verpflichtet. Somit sei ihre Ehe mit einem Christen als sündiger Geschlechtsverkehr zu betrachten. Für diesen wurde die Christin zu 100 Peitschenhieben und für den Verrat am väterlichen Islam zum Tod verurteilt. Anwältin Abdel Masih erreichte jedoch für beides einen Aufschub, zunächst bis zu ihrer Entbindung, dann bis zum Ende der Stillzeit des inzwischen geborenen Sohnes, schliesslich um weitere zwei Jahre. Vor deren Ablauf kam jetzt im Sudan die Wende, die junge Frau war gerettet...

Neue Hoffnung für lutherischen Pfarrer

Kaum weniger dankbar zeigt sich jetzt der lutheranische Pfarrer Jussef Zamgila, dessen Gemeinde in einer Hintergasse des übervölkerten Omdurman existiert. Seine «Kirche» besteht aus einigen Bänken und Stühlen in einem überdachten Hinterhof. Nur an die Pfosten gemalte Kreuze zeigen den christlichen Charakter des Versammlungsortes: «Die Duldung dieser Notkirche haben wir Frau Abdel Masih zu verdanken», bekräftigt der Geistliche. Sie hat gegen die Verfügung der Stadtverwaltung Einspruch erhoben, die ursprüngliche Kirche als illegal abzureissen. Die Anwältin konnte zwar die Zerstörung nicht verhindern, hat aber die Genehmigung für diese Notlösung erreicht: «Jetzt, wo sie im Staatsrat sitzt, erhoffen wir von ihr die Erlaubnis zum Wiederaufbau unserer alten Kirche.»

Ungezählt sind die christlichen Hoffnungen, die sich jetzt auf Frau Abdel Masih richten. Darunter fast unerfüllbare wie der Ruf nach genereller Abschaffung der islamischen Scharia als allgemein verbindliches Gesetzbuch. Die Militärs haben sich auf ihre Beibehaltung festgelegt. Auch unter den zivilen Ratsmitgliedern gibt es Islamisten, die weiter einen Scharia-Staat wollen, in dem sie auch mitregieren. Noch ist die Gefahr für die Zukunft von Sudans Christen nicht gebannt.

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Datum: 28.08.2019
Autor: Heinz Gstrein
Quelle: Livenet

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