Auf dem MercyShip

Alltag in einer internationalen Gemeinschaft

Andreas und Rahel Schmid leben und arbeiten auf der Africa Mercy, dem weltweit grössten Hospitalschiff in nichtstaatlichem Auftrag. Nicht immer ist das Zusammenleben in der internationalen Gemeinschaft leicht. Hier berichten sie über ihre Erlebnisse. Das christliche Schiff liegt derzeit im Hafen von Conakry, Guinea vor Anker.

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Familie Schmid vor dem MercyShip
Im September 2017 haben wir als Familie die Schweiz verlassen und sind nach Afrika gereist. Seither arbeiten wir mit der Organisation Mercy­Ships. 1978 in der Schweiz gegründet, ist Mercy Ships ein internationales, humanitäres Hilfswerk auf christlicher Basis. Mit einem Spitalschiff sowie lokalen Projekten bieten wir bedürftigen Menschen in Entwicklungsländern kostenlose Hilfe und Ausbildung an.

Ich, Andreas, arbeite hier als Chaplain. Mit einem Team von Chaplains bin ich für die pastorale Begleitung der Crew auf dem Schiff zuständig; ähnlich wie in einer Gemeinde. Meine Frau Rahel wird teilzeitlich als Physiotherapeutin tätig sein.

Der erste Anblick des Schiffs ist beeindruckend. Es ist der Ort, der für viele Patienten Hoffnung und Heilung ausstrahlt. Auf den 180 Metern leben und arbeiten bis zu 600 Menschen: Chirurgen und Pflegepersonal im Spital, Lehrerinnen und Lehrer für die Kinder, eine ganze Abteilung in der Küche, eine Putzequipe, Ingenieure im Maschinenraum, auf Deck die Deck-Crew und viele weitere. Es ist ein Mikrokosmos mit einem Ziel: Hoffnung und Heilung für die Ärmsten dieser Welt. Für uns ist es ein Privileg, Teil dieser grossen Vision zu sein.

Normale Menschen

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Mechaniker auf dem MercyShip
Auf dem Schiff angekommen, werden wir von Menschen begrüsst. Die beeindruckende Arbeit wird ausgeführt durch normale Menschen wie du und ich. Man hat Zugang zu denselben Ressourcen und Ausbildungen. Es sind aber auch normale Menschen mit normalen Herausforderungen. Zwischenmenschliche Konflikte und Missverständnisse gehören hier zum Alltag wie in anderen Organisationen.

Für viele auf dem Schiff ist Englisch die zweite, wenn nicht dritte oder vierte Sprache. Besonders wenn der Druck hoch ist, kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Zudem haben die verschiedenen Kulturen unterschiedliche Vorstellungen, wie die Arbeit erledigt wird. Es entstehen Kollisionen oder ein Vakuum.

Zweifel im Alltag

Kürzlich habe ich wieder ein solches Missverständnis erlebt. Ich weiss, es gehört zum Leben hier. Trotzdem sind solche Momente entmutigend. Ich sitze im Büro und versuche zu verstehen, was gerade geschehen ist. In diesen Momenten kommen Zweifel auf, ob das wirklich unser Platz ist.

Dabei ist mir die Geschichte von Johannes dem Täufer eingefallen. Johannes hat grossartige Erlebnisse mit Jesus gemacht. Jesus nennt ihn sogar den grössten Propheten. Sein Leben nimmt aber einen unerwarteten Verlauf. Er wird verhaftet. Im Kerker steigen grosse Zweifel auf. Er schickt zwei seiner Jünger zu Jesus und fragt: «Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?» (Lukas, Kapitel 7, Vers 20)

Jesus antwortet: «Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden geheilt, Taube hören, Tote werden auferweckt, und den Armen wird Gottes gute Botschaft verkündet. Und glücklich zu preisen ist, wer nicht an mir Anstoss nimmt.» (Lukas, Kapitel 7, Verse 22-23)

Blinde sehen

Die Geschichte inspiriert mich, einen Besuch im Spital auf Deck 3 zu machen. Von meinem Büro steige ich die Treppe hinab. Dort haben gerade zwei blinde Patienten ihre Augen­operation erhalten. Sie können danach wieder sehen. Frauen erholen sich von ihren Operationen. In Zukunft werden sie nicht mehr von ihren Dörfern ausgeschlossen, weil sie den Urin nicht halten können.

Die kleine Begegnung zeigt mir: Gott ist noch heute am Werk und bringt Hoffnung und Heilung zu den Ärmsten dieser Welt. Und er gebraucht dafür immer wieder ganz normale Menschen.

Andreas Schmid war bis 2017 Pfarrer der EGW Uetendorf.

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Datum: 21.08.2018
Autor: Andreas Schmid
Quelle: wort+wärch

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