«Gegen die Lehren des Islam»

Ägypten: Islamische Führer verurteilen Gewalt an Christen

Islamische Autoritäten in Ägypten haben die neueste Welle der Gewalt gegen Christen verurteilt. So bezeichnete die Gruppe «Haus der Fatwa» (Dar al Ifta al Misryah) die Angriffe als Versuch, die Einheit Ägyptens zu zerstören. Derweil stösst eine Äusserung von Angela Merkel auf Kritik.

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Scheich Ahmed al-Tayeb
Das gab die Gruppe am letzten Montag als Reaktion auf den Mord an einem weiteren Christen bekannt. Das «Haus der Fatwa» wird geleitet vom Grossmufti von Ägypten, dem führenden religiösen Leiter im Land. Auch die ultrakonservative Salafisten-Partei Al-Nur verurteilte die Angriffe und hielt fest, die ISIS-Aktionen gingen «gegen die Lehren des Islam».

Am 1. März haben sich nach Angaben der Agentur «Arab News» führende islamische und christliche Kleriker zu einer Konferenz in Kairo getroffen, um für die friedliche Koexistenz zwischen religiösen Gruppierungen einzutreten. Diese Konferenz mit Namen «Freiheit und Bürgerrechte» wurde von der führenden Universität des sunnitischen Islam, Al-Azhar, veranstaltet.

«Falsches Verständnis von Religion»

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Patriarch Tawadros ll.
Ihr Vorsitzender, Scheich Ahmed Tayeb, hielt fest: «Es ist im Angesicht dieser barbarischen Angriffe nicht länger genug, wenn man die Religion aus dem Terrorismus heraushalten will.» Er rief zu einem «Ende des schleichenden Misstrauens und der Spannungen zwischen religiösen Führern» auf, die nicht länger gerechtfertigt seien. «Denn wenn es zwischen den Exponenten der Religionen nicht zuerst Frieden gibt, dann können sie auch keinen Frieden an die Menschen weitergeben.»

Der koptische Papst Tawadros II erklärte, der «ISIS-Terrorismus bedeute ein irriges Verständnis der Religion» und rief dazu auf, extremistisches Gedankengut mit «erleuchtetem Denken» zu bekämpfen.

Listen von Christen im Umlauf

Ägypten ist ein Land mit grosser sunnitisch-islamischer Mehrheit und rund 10 Prozent – meist koptisch-orthodoxen – Christen. In den letzten Wochen eskalierten die Übergriffe, nachdem der ISIS ein Video veröffentlicht hatte, in dem Dschihadisten aufgerufen wurden, die «Ungläubigen» im Lande zu töten. Bischof Angaelos von der koptischen Kirche erklärte in London, dass unter den Militanten spezielle Listen von Christen zirkulieren. Seit der neuesten Gewaltwelle sind hunderte von christlichen Familien aus dem Sinai geflohen, viele vor dem klaren Ultimatum «flieht oder sterbt». In den letzten drei Monaten sind nach Angaben Angaelos 40 Christen durch den ISIS umgebracht worden.

Merkel: «Sehr gute Situation für Christen»

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Angela Merkel
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Vorfeld ihres Ägypten-Besuchs erklärt: «Die Christen, die koptischen Christen in Ägypten, haben eine sehr gute Situation für die Ausübung ihrer Religion; seitens der Regierung wird hier Unterstützung geleistet. Und gerade in einem muslimisch geprägten Land ist das auch beispielhaft.» Für diese Aussage war sie sowohl von christlichen als auch von Menschenrechts-Organisationen scharf kritisiert worden. So erklärte die Gesellschaft für bedrohte Völker, Merkel beschönige die katastrophale Menschenrechtsbilanz Ägyptens. Ihre Worte seien «ein Schlag ins Gesicht der Kopten». Ägyptens Christen litten auch unter Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi noch immer unter Diskriminierung, Willkür und Straflosigkeit. Regierung und staatliche Behörden seien nicht in der Lage oder willens, Christen vor christenfeindlicher Gewalt zu schützen.

Auch Monsignore Joachim Schroedel, seit mehr als 20 Jahren katholischer Seelsorger in Ägypten, reagiert verärgert. «Die Wahrheit ist: Am 11. Dezember 2016 starben 27 Christen in einer Kirche auf dem Gelände das koptisch-orthodoxen Patriarchates. In den letzten Wochen des neuen Jahres wurden in El Arish immer wieder Christen durch Mörder des Daesh (in Europa 'Islamischer Staat' genannt) getötet», schreibt er in der katholischen «Tagespost».

Auch die Menschenrechtsorganisation «Amnesty International» stellt Ägypten kein gutes Zeugnis aus, wie das «Medienmagazin Pro» berichtet. So heisst es im aktuellen Jahresbericht über das Land unter anderem: «Die Regierung unterdrückte nach wie vor religiöse Minderheiten und verfolgte Personen wegen 'Diffamierung der Religion'». Religiöse Minderheiten wie Christen, Schiiten und Baha'i würden weiterhin durch Gesetze diskriminiert und bei der Ausübung ihrer Religion eingeschränkt.

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Datum: 03.03.2017
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet / Christian Today / pro Medienmagazin

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