Whalid

«Wir Christen sind für Marokko!»

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Die Hassan-II.-Moschee in Casablanca ist die zweitgrösste Moschee der Welt. Nur die Moschee von Mekka ist noch grösser.
Whalid ist Marokkaner.* Er liebt sein Land. Und seinen christlichen Glauben. Das schafft Probleme; aber weniger von Seiten der Regierung als der Gesellschaft, erzählt Whalid. Diese betrachte die Christen als Verräter.

«Lasst die Menschen in Marokko ihren Glauben frei wählen», schlägt Whalid vor. Wenn die Leute den Islam wollten, würden sie sich auch für ihn entscheiden. «Niemand hat das Recht, mir zu sagen, was ich zu tun habe.» Das sei aber nicht gegen die Regierung gerichtet; im Gegenteil: «Viele Menschen wollen Marokko verlassen; wir Christen wollen in Marokko bleiben und dieses Land aufbauen.» Livenet.ch sprach mit Whalid über sein Land und seinen Glauben.

Aus welcher Gegend in Marokko kommen Sie?
Aus der Hauptstadt, aus Rabat. Ich bin Mischling. Mein Vater stammt aus der Westsahara und ist also ein Saharaui; meine Mutter ist Berberin. Viele Marokkaner sind Mischlinge, das ist ganz normal. Für mich gehört die Westsahara zu Marokko. Über dieses Thema wird viel gerungen. Ich bin Marokkaner. Niemand kann mir sagen, ich käme ja nur aus der Westsahara.**

Das ist Ihre Meinung. Aber wenn wir jemand fragen, der dort wohnt, erzählt er etwas ganz anderes...
Nein. Ich war dort, sie haben alle marokkanische Pässe. Und sie sagen: «Wir sind Marokkaner.» Aber manche in der Westsahara rebellieren gegen die marokkanische Regierung und wollen lieber einen eigenen Staat.

Wie geht es den Christen in Marokko?
In den 70er- und 80er-Jahren wurden Christen und andere Minderheiten unterdrückt und als Verräter verdächtigt. Aber das hat sich geändert. Trotzdem sind die Christen noch nicht anerkannt. Marokko ist offiziell ein islamisches Land. Die Regierung weiss um die Christen und hat kein Problem mit uns. Wir sind friedlich und keine Verräter. Sie sind froh um uns. Aber sie wollen wissen, was wir machen. Das ist ihr Recht.

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Romantik der marokkanischen Wüste.
Die Glaubensfreiheit nimmt zu. Und ich will es noch erleben, dass eines Tages jeder seinen Glauben frei wählen kann. Soweit sind wir jetzt noch nicht. Hinter unseren Problemen stehen die Familienstrukturen und die Kultur, nicht die Regierung. Wer zum christlichen Glauben übertritt, der gilt den Leuten als Verräter und wird aus dem Haus geworfen. Darunter leiden die Christen. Im Ramadan*** ist es noch schwerer. Auch als Christ darf ich dann nicht essen, weil es per Gesetz verboten ist.

Welche Hoffnungen haben Sie?
Die Zahl der Christen nimmt zu, gerade durch Radio und Fernsehen. Viele kommen zum Glauben, aber ein Gesetz verbietet ihnen das. Ich sagte schon zur Regierung: «Lasst jedem die Freiheit, das zu wählen, was er will. Wenn der Islam funktioniert, werden die Menschen ihm auch folgen.» Niemand hat das Recht, mir zu sagen, was ich zu tun habe. – Mein persönlicher Traum ist, dass ganz Marokko Jesus Christus findet. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Was entgegnet Ihnen die Regierung auf solche Sätze?
Zuerst meinten sie, ich sei gegen den Islam. Das stimmt nicht. Wenn ich mich für Christus entscheide, bin ich nicht gegen Moslems. Die Menschen haben das Recht zu wählen. Ich will den Leuten nur sagen, was das Christentum wirklich ist. Nämlich nicht das, was einem in der Schule beigebracht wird. Christentum ist nicht gleich Kreuzzüge oder Kolonien errichten. Aber das lernt man in der Schule.

Jemand aus der Regierung sagte mir, dass ich deshalb Probleme kriegen und sterben könne. Ich sagte, ich sei bereit, jeden Preis zu bezahlen. Niemand kann mir den Glauben nehmen. Ich werde nicht gegen die Regierung kämpfen. Die Bibel lehrt mich, der Regierung zu gehorchen. Die Regierung hat eine grosse Angst davor, dass die Christen gegen sie sein könnten. Aber dazu wird es nicht kommen. Ich stehe hinter der Regierung und bete für sie.

Christen beten mehr für den König als Moslems. Die Regierung weiss inzwischen, dass wir keine politischen Absichten hegen. Ich will einfach dem Land in allem helfen. Wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin, dann sage ich das. Aber ich respektiere den König trotzdem.

Welchen Preis bezahlen Sie für diese Haltung?
Früher wurden Christen umgebracht. Das ist der höchste Preis. Ich habe das im Hinterkopf. Wenn es mich das kostet – gut, da habe ich kein Problem damit. Ich habe das ewige Leben. Mit Gefängnis oder Passentzug kann ich leben. Niemand hat das Recht, mir zu sagen, was ich glauben soll oder dass ich nicht an Gott glauben dürfe. Das ist etwas sehr Persönliches; das muss man respektieren. Ich respektiere die anderen ja auch.

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Bergwelt in Marokko.
Waren Sie schon im Gefängnis?
Im Gefängnis nie, aber schon stundenlang in Verhörzellen.

Waren diejenigen, die Sie verhörten, an Ihrem Glauben interessiert?
Es ging ihnen um die Sicherheit. Wer aktiv ist oder seinen Glauben wechselt, der macht sich verdächtig. Darum überprüfen sie einen. Ich erzähle dann einfach von mir. Den Glauben eines Moslems darf man nicht erschüttern. Wenn man ihnen Bücher gibt, kann das aber so ausgelegt werden.

Aber wenn mich jemand fragt, was ich glaube, dann wäre es unhöflich, wenn ich es dann nicht erklären würde. Wenn jemand meinen Glauben verkehrt einschätzt, dann darf ich ihm darlegen, worum es mir wirklich geht. Das ist mein Recht. Ich rebelliere nicht gegen den Islam. Ich esse Cous-Cous und bin Marokkaner.**** Das ist meine Kultur. Ich habe mich für meinen Glauben entschieden und bin kein Landesverräter. Ich liebe meine Nation sehr. Andersgläubige verlassen das Land.

Es gibt einen Witz. Hassan II., unser König, wollte unerkannt bleiben und bat einen Taxifahrer, ihm die Stadt zu zeigen. Der erkannte ihn aber. Der König fragte: «Wie findest du Marokko?» Der Fahrer: «Wunderschön.» Der König: «Was hältst du vom König?» Der Fahrer: «Er ist ein toller Mann.» König: «Und die Regierung, die Minister?» Fahrer: «Alles sehr gut.» König: «Weil du so geantwortet hast, sage ich dir, wer ich bin. Ich bin der König, und du kannst von mir haben, was du willst!» Fahrer: «Ich will ein Visum, um nach Spanien auszuwandern!»

Das ist ein marokkanischer Witz – mit viel Wahrheit drin. Viele wollen gehen. Die Christen lieben Marokko. Sie wollen dem Land dienen. Wir verraten die Kultur und die Nation nicht. Wir wissen uns der Regierung verpflichtet.

Im Folgenden beantwortet Whalid den Fragebogen dieser Website.

Eine Schwäche, die Sie durch den Glauben besser in den Griff bekommen haben ...
Ich denke nicht an eine bestimmte. Mein Glaube hilft mir, die Schwächen zu überwinden.

Eine Stärke, die Sie durch den Glauben gewonnen haben ...
Ich gewann an Mut, hab ewiges Leben erhalten und konnte schon viele Menschen für Christus gewinnen.

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Faszinierender Sonnenuntergang in diesem nordafrikanischen Land.
Welche Eigenschaft von Gott verstehen Sie nicht?
Ich habe viele Fragen. Ich warte, bis ich ihn treffe. Dann kann ich sie ihm selber stellen. Eine habe ich aber: warum es in der Kirchengeschichte immer so rauf und runter gegangen ist. Warum ist es nicht immer nur rauf gegangen?

Aber ich habe seine Liebe, seine Allmacht und seine Kraft erlebt und entdecke sie immer mehr. Ganz verstehen werde ich Gott aber wohl mein ganzes Leben lang nicht.

Lesen Sie auch den zweiten Teil: Whalid: «Jesus ist unsere zweite Chance»

* Name aus Sicherheitsgründen geändert.
** Die Westsahara an der Südgrenze des Landes gilt völkerrechtlich als von Marokko besetztes Gebiet. Mehr über die Westsahara-Debatte unter Westsahara
*** Ramadan: islamischer Fastenmonat
**** Cous-Cous: traditioneller Weizengries


Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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