Christian Solidarity International

Noch keine Skorpione

Durch die Arbeit von Christian Solidarity International (CSI) sind bis heute über 100'000 Sklaven im Sudan freigekommen. Wir begleiteten das Hilfswerk bei einem Trip in dieses Ostafrikanische Land. Lesen Sie heute Tag 1 aus dem Reisetagebuch.

Irgendwie habe ich den Flug ohne grössere Übelkeit überlebt. Nicht zuletzt wegen einer harmlos aussehenden Tablette, die mir Cindy Castano kichernd vor dem Abflug in Zürich gegeben hat. Nach der Landung in Kenia sollte mir die amerikanische Journalisten sagen, dass es sich um eine Hormontablette handelte, die den weiblichen Organismus stabilisiert ... oder so ähnlich. Ich fühlte mich jedenfalls auch stabilisiert; ansonsten wird mir ja schon auf einer Schaukel übel.

Die letzten Funken Tageslicht senken sich über Ostafrika während unsere Maschine in hohem Tempo auf dem Internationalen Flughafen in Nairobi aufsetzt. Weil die kenianische Hauptstadt so hoch liegt sind die Lande- und Startgeschwindigkeiten hier sehr hoch.

Taxi aus Rost und Klebeband

Die Suche nach einem Taxi sollte sich vor dem Airport als nicht ganz einfach herausstellen. Eine ganze Horde wildgestikulierender Fahrer stellte sich uns in den Weg und buhlte um uns. Wir kämpften uns zu einem nahezu ausrangierten, englischen Taxi durch, welches schon deutlich bessere Tage gesehen haben musste. In dieser rostigen Karosse hatten wir vier mit unserem Gepäck Platz. Wir vier, das sind die beiden CSI-Mitarbeiter John Eibner, Gunnar Wiebalck, Cindy Castano, die für «National Geografic» und andere Sender einen Film drehen will, und ich.

Die schwerfällige Kiste ist mitunter mit Klebeband ausgebessert worden. Die Frontscheibe ist wunderschön verziert – durch unzählige Sprünge, die sich wie ein Spinnennetz über die gesamte Windschutzscheibe ziehen.

Der Fahrer konzentriert sich auf dem Weg durch die smoggeschwängerte Innenstadt im wesentlichen auf zwei Dinge: aufs Brechen grundlegender Verkehrsregeln und auf die Versicherung im Minutentakt, dass er uns am nächsten Tag wieder fahren würde.

4 Tote wegen 400 Schilling

Wir treffen in einem traumhaften Hotel ein, dessen Sicherheitsvorkehrungen denen von Fort Knox ähneln. Sogar der Unterboden des Fahrzeugs wird mit Spiegeln nach möglichen Waffen und Drogen abgesucht.

Dies dürfte eines der wenigen wirklich sicheren Hotels der Metropole Nairobi sein, die immer tiefer in der Kriminalität versinkt. Am nächsten Morgen sollten wir in der Zeitung lesen, dass in dieser Stadt vier Menschen umgebracht wurden – wegen 400 kenianischen Schilling. Das sind nicht einmal zehn Franken.

In unserer Abendgesellschaft sprechen wir unter anderem über Daniel Pearl, jenen unglücklichen US-Journalisten, der im Januar 2002 in Pakistan auf der Suche nach der Al-Kaida-Story den Tod im Nahen Osten fand. Cindy kannte ihn über zwei, drei Ecken. Gunnar Wiebalck ermutigt mit Geschichten von Sklavenüberfällen im Sudan, bei denen die Milizen den Überfallenen die Kehle durchschnitten.

Noch kein Skorpion

Mein "Worst Case" ist nicht eingetroffen. Darin wären wir sofort von Nairobi mit irgendeinem Charter in die südsudanesische Steppe geflogen und hätten unsere Zelte in der freien Wildbahn aufgestellt, nachdem wir unsere Plätze erfolgreich gegen Skorpione und andere Viecher verteidigt hätten.

Stattdessen übernachte ich in einem Hotelzimmer, bei dem das Fernseh-Programm per Lautsprecher sogar ins Bad übertragen wird. Morgen aber ist fertig Luxus. Dann geht es mit einem ersten Flug an die Landesgrenze und mit einem zweiten dann in die Savanne.

Bis nach Mitternacht überarbeite ich meinen Katalog von mehreren hundert Fragen. Gestellt werden sollen sie einer ehemaligen Sklavin für ein Buchprojekt.

Lesen sie auch die Serie dazu:
1. Teil Ich war 15 Jahre lang eine Sklavin
2. Teil Meine Klinik begann unter einem Baum
3. Teil Ein Arzt im Bombenhagel
5. Teil Die Milizen geben auf
6. Teil Gefangen, verkauft, unterdrückt
7. Teil Um diese Zeit kommen manchmal die Bomber
8. Teil Hühner schreien zwischen den echten "Music Stars
9. Teil So wurde aus der Kornkammer ein Armenhaus
10. Teil Vier Kinder vom angetrauten Vergewaltiger
11. Teil Eine entvölkerte Schweiz, mitten im Sudan
12. Teil Die Sternstunde
13. Teil Der älteste Sohn der Familie vergewaltigte mich
14. Teil Nicht ohne meine Kinder
15. Teil Schweizer Hilfswerk macht Weltpolitik
16. Teil So wurde die UNO zum Regime-Komplizen
17. Teil Wir haben die Hand Khartums geführt
18. Teil Die USA und das gigantische Missverständnis
19. Teil Wir machen uns zu Komplizen
20. Teil Wie viele sterben noch in Darfur?
21. Teil Nothilfe Sudan
22. Teil Gegen die Hungerkatastrophe im Sudan ankämpfen
23. Teil Weihnachten im Hungergebiet
24. Teil Diesesmal kein Tränengas zu Weihnachten
25. Teil "Wir werden eure Männer und Söhne töten" - wie lange schaut die Welt den Gräueln in Darfur zu?

Webseite: www.csi-int.org

Datum: 29.05.2004
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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