Bewundernswert

Behinderte in Malawi schaffen ein eigenes Leben

Die prächtigen Maiskolben ihres Feldes stecken im Sack zum Verkauf bereit. Daneben auf der blanken, roten Erde des Dorfplatzes sitzt die 29-jährige, blinde Jessi und hält lächelnd einen Kolben in Richtung Kundschaft. Die Leute staunen über ihre Eigenständigkeit und über ihren ungewöhnlichen Lebenslauf.

Masern raubten ihr als Kind das Augenlicht. Ihre Eltern entschieden vor sieben Jahren, Jessi in eine Blindenschule zu schicken – eine Chance, die in der „Dritten Welt“ nur zehn von hundert Blinden erhalten.

Jessi lebt im armen südafrikanischen Land Malawi. Sie bekam ihre Chance, weil die Gesellschaft für Behinderte Malawis „Macoah“ die Schulkosten der Familie trug. Macoah wird von der Christoffel Blindenmission (CBM) unterstützt.

Dem Dasein das Leben abtrotzen

In der Schule lernte Jessi auch Eliya, ihren späteren Mann kennen. Heute haben die beiden zwei sehende, gesunde Kinder; ihren Lebensunterhalt bestreiten sie selbst.

Im letzten Jahr haben 21 einheimische Mitarbeitende der gemeindenahen Rehabilitation von Nkho-takota über 500 behinderte Menschen betreut. Wenn behinderte Erwachsene wie Jessi zu einem eigenständigen, glücklichen Leben finden, ist dies die Frucht steter Therapie und ausdauernden Lernens.

Barrieren überwinden

Kaum geboren, wurde Chinsisi von einer schweren Malaria erfasst, was eine zerebrale Lähmung verursachte. (In Malawi stirbt jedes sechste Kind, bevor es fünf Jahre alt ist.)

Als Rehabilitationshelfer Michael Kapapa auf die Zweijährige stiess, konnte sie weder sitzen noch sprechen. Es war gerade Regenzeit, die Eltern hatten hart auf dem Feld zu arbeiten und kaum Zeit für Chinsisi. Zudem müssen sie stets zwei weitere kleine Geschwister im Auge behalten.

Michael Kapapa begann sogleich mit regelmässiger Sprach- und Bewegungstherapie. Chinsisi kann nun bereits wichtige Wörter wie „Mami“, „Papi“ oder „Wasser“ artikulieren. Gleichzeitig führt die Mutter eifrig die ihr vorgezeigten Therapieübungen durch, damit Chinsisi einmal wird gehen können.

Dies erstaunt im Hinblick auf Ängste der Familie vaterseits, die Behinderung habe mit Hexerei und Fluch zu tun: Traditionsbedingte Vorurteile und Vorstellungen, welche von Michael behutsam durchbrochen werden mussten.

Nie mehr „die Garstige“ sein

Seit Geburt ist die 16-jährige Lisnati gehörlos. Sie verstand Niemanden, und Niemand verstand sie. Dadurch hatte sie im Dorf bald den Ruf, garstig und unwillig zu sein. So lebte sie immer ausgeschlossener und isolierter.

Die Wende kam vor zwei Jahren, als Rehabilitationshelfer Arnold Mdutu auf die Familie traf. Zunächst waren die Angehörigen skeptisch und abwehrend. Heute jedoch schätzen sie den begonnenen Prozess ausserordentlich: Lisnati kann einige Wörter verständlich aussprechen und besucht die Schule. Und sie will sich ins Dorfleben einfügen, als Mensch wie alle anderen gelten und einmal eine eigene Familie gründen.

Hilfe der Christoffel Blindenmission

In dürregeplagten Malawi lebt die Hälfte aller Menschen unter der Armutsgrenze. Die gemeindenahe Rehabilitation in der Region von Nkhota-kota wäre ohne Hilfe aus Europa so nicht möglich.

16 Rehabilitationshelfer, drei Medizinalassistenten und zwei Supervisoren betreuen gemeinsam mit dem Leiterehepaar der Christoffel Blindenmission (CBM) jährlich über 500 Behinderte, 17'000 Augenkranke sowie 7'000 Ohren-, 400 Epilepsie- und 370 Orthopädie-Patienten.

Die Notleidenden werden in ihren Dörfern aufgesucht, Diagnosen vorgenommen und gegebenenfalls mit den Familien ein Therapieplan erstellt. Bei Bedarf überweist das Team an spezialisierte Stellen, darunter Ärzte der CBM. Ein Aidshilfeprogramm ist in Aufbau.

Seit 1995 wird das Programm von der CBM unterstützt und geleitet. Letztes Jahr wurde ein geländegängiges Fahrzeug gekauft; dieses Jahr sind zwei Motorräder und zwei Velos dran. Die Therapie und Betreuung eines behinderten Menschen kostet die Hilfsorganisation durchschnittlich 50 Franken monatlich.

Sprungbrett in die Selbstständigkeit

Die Helfer staunen über den eisernen Willen der Behinderten, ihr Therapieprogramm umzusetzen und die Schule abzuschliessen. Für den letzten Schritt in eine Selbstständigkeit besitzen behinderte Menschen aber oft kaum die finanziellen Mittel.

Hier sieht die CBM eine weitere Aufgabe. Sie hilft zum Beispiel Dorothy, einer alleinstehenden Frau mit gelähmten Beinen. Mit dem Verkauf von Zucker, Paraffin und Zigaretten kann sie heute unabhängig leben.

Auch der blinde Chilwamba verkauft Zucker. Vom Erlös erwirbt er Dünger für seinen Bauernbetrieb und kommt für die Schulgebühren seiner beiden Kinder auf, welche die Sekundarschule besuchen. Rückzahlbare Mikro-Darlehen samt beratender Begleitung machen solche glücklichen Schicksale möglich. Mit durchschnittlich 55 Franken stützt das CBM-Projekt so jährlich über dreissig Behinderte.

Die ‚Umfassende gemeindenahe Rehabilitation (Comprehensive Community Based Rehab CCBR) schliesst folgende Arbeitsgebiete ein:
Vorbeugen und Heilen von Blindheit und Hörbehinderung
Auffinden und Behandeln von Patienten mit orthopädischen Problemen
Behandlung von Epilepsie
Auffinden von Menschen mit Behinderung und Rehabilitation
Minikredite für den Aufbau von Broterwerb

Eine Welt tut sich auf

So wohl wie noch nie ist es Manes! Zwar befindet er sich wie gewohnt unter der fürsorglichen Obhut seiner erwachsenen Schwester, während seine Eltern auf den Mais- und Maniokfeldern arbeiten müssen. Doch erstmals erkundet der Sechsjährige dank eines hölzernen Gehbocks hoch aufgerichtet die Welt.

Gehen, gehen und immerzu gehen will Manes – und diese Frucht monatelangen Übens mit dem Helfer in vollen Zügen geniessen! Als Kleinkind erlitt er eine schwere Malaria, welche eine zerebrale Lähmung zur Folge hatte. Dadurch hat er nie laufen lernen können. Zur Freude seiner Familie darf Manes nun tüchtig aufholen!

Christoffel Blindenmission im Internet: www.cbmch.org

Quelle Text und Fotos: Christoffel Blindenmission

Datum: 04.05.2004

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