“Gemeinsam für den Frieden”

Neue Familien für verlassene Kinder im Ostkongo

“Gemeinsam für den Frieden”. Diese Botschaft empfängt die Besucher des Zentrums für verlassene Kinder in Rutshuru. Rutshuru liegt etwa 100 Kilometer nördlich der Stadt Goma, im Osten der Provinz Kivu in der Demokratischen Republik Kongo. Der Slogan des Zentrums strahlt Kraft aus in einem Gebiet, das seit Jahren von Krieg und Gewalt heimgesucht wird. Unzählige Kinder haben dadurch ihre Eltern und ihr Heim verloren.

Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) bietet mit seinem Programm Paerna verwaisten oder ausgesetzten Kindern eine neue Heimat in einer Pflegefamilie an. Hier erfahren sie Liebe, Respekt und Raum, um sich zu entwickeln und ihr schweres Schicksal zu meistern. Die Pflegeeltern erhalten wirtschaftliche Hilfe, die sehr schnell die Lage der ganzen Familie verbessert und damit wesentlich mithilft, das angenommene Kind zu integrieren. Dieses besucht wie die leiblichen Kinder die allgemeine Schule im Ort.

Ausbildung auf dem Hof

Im Paerna-Zentrum von Rutshuru dreht sich alles um den Hof. Auf der einen Seite, in der Schreinerwerkstatt, gibt der 18jährige Léon gerade einem Schemel den letzten Schliff, während der gleichaltrige Jean unter dem prüfenden Blick des Lehrers einen Stuhl zusammenbaut. Die beiden Lehrlinge werden später in diesem Beruf ein Auskommen finden, um dann ihre Pflegefamilie unterstützen und selbst einmal eine Familie gründen zu können.

„Wenn Trauer sie überwältigt, nehme ich sie in die Arme“

In einem offenen Raum auf der anderen Seite des Hofes arbeiten vier Schneiderlehrlinge an Kleidern, die sie später auf dem Markt von Rutshuru verkaufen werden. Weiter hinten sitzen ein paar Pflegeeltern zusammen und diskutieren ihre Alltagsprobleme.

Sebusi etwa, Mutter von drei Kindern, hat Justine aufgenommen, ein 9-jähriges Mädchen. "Justine", sagt Sebusi, "macht uns viel Freude. Und wenn ich einmal spüre, dass die Trauer sie überwältigt, nehme ich sie in die Arme und versuche, sie zu trösten. Wenn schwierigere Probleme auftauchen, berede ich sie hier mit anderen Müttern und Vätern. Mit dem Sozialarbeiter zusammen finden wir immer eine Lösung."

Schon im Mutterleib die Ohren verstopft?

In der Umgebung von Goma leben aussergewöhnlich viele gehörlose Kinder. Diese, vermutet eine Studie der UNICEF, haben schon im Mutterleib buchstäblich ihre Ohren verstopft, um die Gräuel nicht wahrnehmen zu müssen, die ihrer Mutter und ihren Verwandten angetan wurden.

Schule für gehörlose Kinder

Im Rahmen des Projekts Paerna unterstützt HEKS auch eine Gehörlosenschule in Goma, wo rund hundert Kinder die Primar-, Sekundar- oder Berufsschule besuchen. Unterrichtssprache ist die Zeichensprache, aber Stoff und Abschlussprüfungen sind gleich wie in der öffentlichen Schule.

Die Kinder sind geprägt von Krieg und Gewalt. An den Wänden hängen ihre Zeichnungen, auf denen sie ihr Leid ausdrücken. Viele Soldaten sind darauf zu sehen, die Frauen und Kinder mit Gewehren verfolgen. Im Hintergrund droht eine weitere Gefahr: Ein Vulkan, der Goma anfangs 2002 in zwei Teile gespalten und einen Teil der Stadt zerstört hat.

Mit Tieren aufleben und Verantwortung übernehmen

In der Freizeit kümmern die Kinder sich um eine Kaninchenzucht und bewirtschaften einen kleinen Garten. Der Kontakt mit den Tieren tut ihren verletzten Seelen gut. Zudem werden ihnen die erworbenen Kenntnisse in Tierhaltung und Gemüseanbau bei ihrer eigenen Lebensplanung nützen. So gewinnen die Jungen und Mädchen das nötige Selbstvertrauen, ihre Zukunft selbst zu gestalten.

Es geht um die Heilung der inneren Verletzungen

Eltern sowie auch die Pflegefamilien der Taubstummen sind ins Schulleben eingebunden. Sie können an einer Grundausbildung in Zeichensprache teilnehmen, um besser mit ihren Kindern kommunizieren zu können. Ausserdem erhalten sie psychologische Unterstützung, um mit den oft traumatischen Erfahrungen der Kinder besser umgehen zu können.

Die elfjährige Mamy zum Beispiel, deren Mutter an Aids gestorben ist, sagt über ihre Schulerfahrungen: "Als meine Mutter noch lebte, musste ich sie pflegen, statt die Schule besuchen zu können. Seit ihrem Tod komme ich jeden Tag.“

HEKS: Integrierte Hilfe

Das Projekt Paerna kümmert sich um Flüchtlingskinder ohne Eltern und Verwandte. HEKS unterstützt Paerna mit einem Jahresbeitrag von 190’000 Franken. Heute profitieren jährlich etwa 450 Kinder davon. Die Pflegefamilien erhalten Unterstützung in Form von Saatgut, Werkzeugen, Haustieren oder einem kleinen Stück Land. Im Gegenzug geben sie den ihnen anvertrauten Kinder ein neues Familienleben, das ihnen ein sicheres Aufwachsen ermöglicht.

Die Pflegeeltern garantieren den regelmässigen Schulbesuch und bezahlen das nötige Schulgeld. Es wird kontrolliert, ob die Kinder gut umsorgt und aufgehoben sind. Bei PAERNA können sich die älteren Kinder zudem zum Schneider, Mechaniker oder Schreiner ausbilden lassen.

HEKS im Internet: www.heks.ch

Autorin: Marianne Tellenbach
Quelle: Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS)
Bilder: Oswald Iten/NZZ

Datum: 23.12.2003

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